Burnout - Ein Leben nach der Krise

Tabletten, Tabletten ...

Cipralex, Trittico und Dominal


Achtes Mail vom 26. Februar 2011 

 

Guten Morgen Fred !


Guten Morgen!

 

Gestern wurden mir beim Nervenarzt meine Tabletten weiter verschrieben (Cipralex +Trittico 150), also keine Änderung wie bei dir. Zusätzlich bekam ich noch "Dominal FTBL. FTE 80MG" zum Einschlafen. Mal schauen ob die helfen ...

 

Das habe ich mir schon gedacht. Es dauert eine Zeit bis die Wirkung der Tabletten einsetzt. Ein bis zwei Monate, habe ich noch in Erinnerung.

 

Kannst mir da mehr erzählen? „Das mit der Klinik habe ich freiwillig gemacht, ich war schon so tief drinnen, dass ich keine andere Möglichkeit mehr sah, da wieder rauszukommen. Mir haben die drei Wochen sehr geholfen. Allein schon die Ruhe dort hat mich wieder aufgerichtet.“

 

Na ja, meine Körper signalisierte mir, dass ich mit Willenskraft alleine nicht mehr herausfinde. (Wobei, ich und Willenskraft, das ist eine andere Geschichte) Wenn man in Not die Möglichkeit einer Unterstützung hat, sollte man nicht darauf verzichten. Und wenn ich freiwillig (wenn auch mit Bammel) in eine Klinik gehe, dann kannst du davon ausgehen, dass die K.... am Dampfen war. Ich sah jedoch nur zwei Möglichkeiten: Alles zu verlieren oder über meinen Schatten zu springen, wobei der Klinikaufenthalt die weniger schmerzliche Lösung war. Ich wusste, wenn ich es dort nicht aushalten sollte, würde ich abbrechen und mich zuhause vergraben. Dass war auch mein innerlicher Antrieb es dort auszuhalten. Stell dir vor, du bist in der Klinik und brichst die Therapie ab. Was dann? Ein Beispiel: Dein Schiff treibt ohne Führung in schwerer See. Es blitzt und donnert und die Brecher schlagen über dem Boot zusammen. Das Schiff treibt auf Klippen zu. Zwei Möglichkeiten: Du sitzt ängstlich in der Kajüte, haderst mit dem Schicksal und wartest auf den „Ganz großen Knall“ oder du gehst an Deck und stellst dich dem Sturm und somit der Herausforderung. Mich hat die Liebe zu meiner Familie dazu bewogen, mich in den Sturm zu stellen. Nach zwei Tagen in der Klinik hatten sich die Wogen geglättet und die Sonne blinzelte zaghaft durch dunkle Wolken.

 

Ich kann mir nicht vorstellen, dass man da in der Klinik Ruhe finden soll.

Man wird doch von einer Therapie zur anderen gehetzt, oder?

 

Also in Aussee war das nicht der Fall. Nach den Aufnahmeuntersuchungen und dem Erstgespräch mit einer Psychologin, wurde mir die Entscheidung überlassen, ob ich sofort in die Gruppe gehen möchte oder noch ein wenig abwarten will. Und gehetzt wurde niemand, das lief alles in geordneten Bahnen und sehr relaxed ab. Wenn dort gehetzt würde, dann hätte ich doch auch im Job bleiben können und glaub mir, ich hätte sofort etwas gesagt, wenn ich gehetzt worden wäre. Das mache ich seit meinem Burnout – denn mich hetzt niemand mehr – BASTA! (Na ja, mich ausgenommen. Manchmal bin ich so doof und bürde mir zu viel auf, sodass ich mich gehetzt fühle. Wird aber immer weniger und ich merke es auch sofort).

 

Zusätzlich finde ich  eine Gruppentherapie eher stressig, oder?

 

Genau das habe ich mir auch gedacht. Am Boden zerstört, von Haus aus schüchtern, soll ich mit „Wildfremden Menschen“ über meine Probleme reden. Ich war in der Klinik und wusste warum, also, warum warten, dachte ich, es bleibt mir ja nicht erspart und so ging ich am zweiten Tag zu meiner ersten Gruppensitzung. Ich glaube acht Personen (bin nach wie vor vergesslich) saßen in einem Kreis und sahen uns zwei Neuankömmlinge interessiert an. Die Leiterin der Gruppe (eine Psychologin), stellte es uns frei ob wir mitmachen oder erst mal nur zuhören wollen. Nachdem wir uns und die schon Anwesenden sich vorgestellt hatten ging es auch schon los. Wir Neue hielten uns zurück und hörten gespannt zu, doch die Offenheit, mit der die Mitpatienten über ihr Schicksal sprachen, nahm uns bald die Scheu und es entstand nach kurzer Zeit ein interessantes Gespräch. Wir waren ja alle wegen derselben Symptome in der Klinik – Burnout und Depressionen. Die Angst-, Bulimie-, und Adipositaspatienten waren in eigenen Gruppen.

 

Da werden Leute dabei sein vom Hausmeister bis zum Gerneraldirektor, oder?

 

Wer und was du bist, interessiert dort niemanden, so kam es mir zumindest vor. Außerdem geht jeder nach der Gruppensitzung seiner Wege; aufs Zimmer, in die Cafeteria, spazieren usw. Es herrschte kein Zwang, kein „MUSS“ zur Kommunikation und es wird auch akzeptiert. Ich habe dort Leute getroffen, die in wesentlich höherer Position beschäftigt waren als ich. Doch was hat es ihnen gebracht? Dasselbe wie mir, und da fragt dann keiner mehr ob man Hausmeister oder Generaldirektor war oder ist.

 

Vielleicht kannst mir so einen Tagesablauf in der Klinik beschreiben, auch mit

deinen Gefühlen dazu ...

 

Das habe ich schon ausführlich in meinem Buch abgehandelt. In Kurzform: Morgens um sieben Tablettenausgabe dann zurück aufs Zimmer. Wer wollte ging zum Frühstücksturnen. Dann Frühstück um acht und um neun Uhr Gruppensitzung oder Mal- bzw. Musiktherapie. Das wurde abgewechselt und es gab auch Tage, da hatte ich Nachmittag keinen Termin. Die Sitzungen und Therapien dauerten meist eine Stunde. Es bestand auch die Möglichkeit eine Physiotherapie in Anspruch zu nehmen, was ich auch getan habe. Die meiste Zeit widmete ich aber dem Spazierengehen und Lesen, vornehmlich alleine, da ich kein Herdenmensch bin. Ab und zu traf ich mich mit Kollegen aus der Therapiegruppe auf der Terrasse der Cafeteria und da wurde manchmal ein intensiver und interessanter Meinungsaustausch durchgeführt. Aber immer: KANN aber MUSS NICHT.

 

Ich hatte anfangs der zweiten Woche schon ein sehr positives Gefühl und auch meine Angst, alleine den Speisesaal zu betreten, war verschwunden. Dadurch uns alle das gleiche Schicksal getroffen hat, und wir in den Gruppensitzung viel über unsere Einzelschicksale gesprochen hatten, wuchs irgendwie ein familiäre Bande zwischen uns. Wie in jungen Jahren, als ich in ein Feriencamp „musste“, meine Eltern meinten es gut mit mir aber ich sah das anders, das „rudelt“ man sich auch zusammen und schaut, dass man den Aufenthalt schadlos übersteht. In der Klinik hat der Aufenthalt sogar was gebracht!

 

Laß dir aber Zeit, Stress will ich dir keinen machen.

Unser Wahlspruch ist ja:  "In der Ruhe liegt die Kraft".

 

Schönes Wochenende !

 

PS: Einen Segeltörn (1 Woche) habe ich vor Jahren auch schon mal gemacht. (Kornaten usw.) War schön, aber lieber bin ich doch an Land. Habe also nicht vor,  einen solchen  wieder zu machen.


Schade, jeder ist eben nicht zum Seebären geschaffen, aber ganz ehrlich, wenn dir etwas nicht gefällt ... dann mach es nicht. Nicht aus Freundschaft, nicht aus Liebe, nicht wegen sonst irgendetwas auf dieser Welt. Sag offen und respektvoll was du davon hältst. Je mehr wir unseren sozialen Heiligenschein wachsen lassen, umso schwerer wird es, ihn zu tragen.

 

Liebe Grüße und einen schönen Sonntag.

Fred


Kann aber muss nicht!