Das Knacken der Äste im Wald von Manschur verriet sein Kommen. Mogwai, ein kleiner, knochiger Leode aus Sagenfeld war auf dem Weg zu den Drachenspielen von Ganri. Im Frühjahr, wenn der Schnee den Morapass wieder freigab, trafen sich Gaukler und Magier, um ihr Publikum in der Königsfeste zu unterhalten. Am meisten aber liebte Mogwai die kampferprobten Raspotten. In ihren schillernden Kettenhemden treten sie heroisch jeder Bedrohung entgegen. Raspotten fürchten nicht einmal den Teufel persönlich. Ihre Breitschwerter bringen ihren Gegnern meist die Endgültigkeit des Todes. Im Löchrigen Krug – der Dorfschenke von Sagenfeld - wurde gemunkelt, dass einst ein Raspotte die Königstochter von Ganri vor einigen Soloks beschützt haben soll und schlussendlich sogar für sie gestorben sei.
Mogwai ärgerte sich. In seinen Gedanken gefangen, hatte er sich verlaufen. Er hielt kurz inne um zu schnuppern. Mogwai´s fünf Sinne waren sehr gut ausgeprägt. Leider hatte er dieses hässliche Gesicht, das einer ausgedörrten Dattel nicht unähnlich war. Seine langen, knöchernen Arme und Beine hingegen, erweckten den Eindruck von Magersucht. So hatte er meist den Spott der Bewohner von Sagenfeld zu ertragen, sollten die ihn einmal nicht übersehen. Mit neunzig Zentimetern Körpergröße zählte er ja nicht gerade zu den Riesen. Er war auch nicht sonderlich beliebt im Dorf. Eher als komischer Kauz verschrien; er war eben anders als die anderen. Seine Sinne waren in höchster Alarmbereitschaft. Irgendetwas war in seiner Nähe, er spürte das. In einiger Entfernung huschte plötzlich ein Schatten zwischen den Bäumen hindurch. Mogwai stellte sich breitbeinig hin, grub seine spitzen, behaarten Zehen in den Waldboden, um im Falle eines Angriffs einen besseren Stand zu haben. Er zog sein Schwert und spannte jede Faser seines Körpers. Sollte der Gegner größer sein als er, was anzunehmen war, hatte er nur mit Gabriel eine Chance zu überleben. Gabriels Größe und Form spielten im Kampf eine eher untergeordnete Rolle, vielmehr glänzte es durch seine Zauberkraft. Ein gellender Schrei und ein undefinierbares Etwas stürzte aus einer Baumkrone auf Mogwai. Zwei zottelige, rotbraune Arme umschlossen seine Schultern. Mogwai´s Beine knickten unter der Last des Angreifers ein. Durch den wuchtigen Stoß war ihm Gabriel aus der Hand geglitten und steckte nun einen Steinwurf entfernt im moosigen Waldboden. Mogwai erschrak fürchterlich und dachte, sein letztes Stündlein habe geschlagen. Er streckte den Arm nach seinem Schwert aus. Gabriel leuchtete rot und erzitterte. Wie von Geisterhand gelenkt, flog es zurück in Mogwai´s rechte Hand, bereit den Kampf aufzunehmen. Zwei große, tiefblaue Glupschaugen blickten belustigt über Mogwai´s Schulter und ein zotteliges Wesen lachte ihm ins Gesicht. Obwohl Mogwai um gut hundert Jahre älter war als Hamplfort, waren die beiden die besten Freunde. Hamplfort war egal was die anderen sagten, er und Mog, so nannte Hamplfort seinen Freund gerne, hatten immer viel Spaß miteinander.
„Hamp du verrückter Hopper, ich hätte dich töten können! Mich so zu erschrecken!“
Mogwai´s Gesicht, von Natur aus bleich, war um eine Nuance ins Grau abgerutscht. Hamplfort war ein junger Hopper, eine pelzige Mischung aus Hund und Kleinkind. Sein rundliches rosa Gesicht wurde von einem rostbraunen Pelz umrahmt. Jetzt ertönte sein bellendes Gelächter und er war froh, Mogwai eingeholt zu haben.
„Du, mich töten? Da lachen ja die Hühner! Du müsstest einmal dein Gesicht sehen. Es heißt doch: Wenn man einen Leoden erschreckt oder wenn er sich fürchtet, werden seine Augen schwarz wie Kohlen. Deine sehn wie die schwarzen Steine aus Trollnek aus, und das mein lieber Freund, ist der finsterste Ort in unserem Königreich.„ Hamplfort krauste seine Stupsnase und warf Mogwai einen erstaunten Blick zu. „Irgendwie riecht es hier ein bisschen komisch, findest du nicht auch Mog?“
Hamplfort lachte und klopfte Mogwai freundschaftlich auf die Schulter. Dieser schüttelte den Kopf und streifte mit seiner Klaue seine wenigen blonden Haare zurecht. Nachdem sich Mogwai etwas beruhigt hatte und Gabriel wieder an seinem Gürtel hing, setzten sie ihren Weg nach Ganri fort. Beide waren froh, dass sie ab nun zu zweit waren. Der Wald von Manschur barg einige Gefahren. Hamplfort´s kleine Ohren, die er in alle Richtungen drehen konnte, waren wachsam und lauschten unablässig. Die Soloks, bärenhafte Hünen mit grauenhaften Reißzähnen, waren gefürchtet unter den Hoppern, standen diese doch an erster Stelle ihres Speiseplanes. Im Moment aber war alles ruhig.
„Du hast ja keine Ahnung, Hamp! Wehe, wenn ich mich loslassen würde! Ich wäre der größte, der beste und der gefährlichste Kämpfer im ganzen Universum! Und dann ist da ja noch Gabriel, auf ihn kann ich immer zählen, wenn Gefahr droht.“ Mogwai versuchte Eindruck bei seinem pelzigen Freund zu schinden.
„Der Größte? Dass ich nicht lache. Komm, lass uns weitergehn, sonst versäumen wir noch das Turnier, du Held. Das Gabriel mich erkannt hat, liegt doch wohl auf meiner Pfote. Wir haben ihn ja gemeinsam gefunden, damals. Hätte ich nur nicht diese Pfoten“, Hamplfort hielt Mogwai demonstrativ seine beiden Vorderpfoten unter die Nase, die Hinterpfoten brauchte er zum Stehen, „dann wäre Gabriel mein Schwert geworden. Seite an Seite mit Raspotten würden ich dann Soloks, Trolls und …, was auch immer, bekämpfen.“
Mogwai lächelte milde. Beide waren sie noch um einige Jahre jünger gewesen und hatten an jenem Tag am Dorfrand gespielt. Ein gleißendes Licht am gegenüberliegenden Ufer des Flusses erregte damals ihre Aufmerksamkeit. Hamplfort war zuerst bei diesem funkelnden Strahl gewesen. Klar, er hatte ja vier Beine und war damit doppelt so schnell, wenn es drauf ankam. Mogwai hatte dafür zwei Hände. So konnte er Gabriel aus der Felsspalte ziehen und triumphierend im Glanz des Sonnenlichtes gegen den Himmel halten. Er erkannte sofort worum es sich handelte. Sie hatten das sagenumwobene Kurzschwert des Zauberers Faroman gefunden. Er benannte es aufgrund seiner Kräfte nach dem Erzengel Gabriel. Kurz vor seinem Tod versteckte Faroman diese mächtige Waffe und so sehr man auch danach gesucht hatte, keiner konnte sie jemals finden. Es war für Mogwai ein erhebendes Gefühl gewesen. Als ihm Gabriel wenig später seine ganze Macht offenbarte, war er der glücklichste Leode in ganz Sagenfeld.
„Ich hoffe, deine Eltern wissen von deinem Ausflug nach Ganri?“
„Meinst du, ich wäre sonst bis hierher gekommen? Du kennst ja meine Mutter. Natürlich weiß sie, wo sich ihr abenteuerlustiger Sohn rumtreibt.“ Mit entrüstetem Blick sah Hamplfort Mogwai ins Gesicht.
„Na dann ist es ja gut. Komm und lass uns weitergehen; Unterhaltung suchen vom tristen Alltagsleben.“ Er legte fürsorglich seine langen, dürren Finger auf Hamps Schultern und in der Gewissheit, gemeinsam nicht einsam zu sein, setzten die beiden Freunde ihren Weg nach Ganri fort. Hamplforts Mutter war bestimmt schon auf der Suche nach ihrem Sohn.
Ganri war die größte Stadt im Königreich Sambeidur und gleichzeitig Sitz der Königsfamilie. König Varomir Solara regierte seit mehr als 20 Jahren die Geschicke des Landes. Gemeinsam mit seiner Frau, Königin Leoni, sorgte er für Frieden und Wohlstand. Königin Leonis Charme und Wortgewandtheit waren es, die bei einem Gespräch zwischen König Varomir und dem Heerführer der Raspotten, Feisal Morgu, die Wende gebracht hatte. Seit jenem schicksalhaften Tag sorgten die Raspotten für die Sicherheit und den Frieden in Sambeidur. Feisal Morgu war von König Solara zum obersten Richter ernannt worden, was dunkle Subjekte dazu bewogen hatte, das Land zu verlassen und anderorts tätig zu werden.
Es war schon Mittag als Mogwai und Hamplfort in Ganri angekommen waren. Viele Schaulustige drängten sich bereits vor den Burgmauern und warteten auf Einlass. Die Garde des Königs, vier hünenhafte Raspotten in funkelnder Rüstung, sorgten für Ordnung. Mogwai und Hamplfort standen am Ende der Besuchermassen als Gabriel plötzlich heftig zu vibrieren begann. Ohne das Mogwai es gewollt hatte, lag das Schwert plötzlich in seiner Hand. Vielstimmiges Gekreische und eine wellenartige Bewegung der Massen veranlassten Mogwai und Hamplfort sich umzusehen. Zwei Soloks stürmten mit aufgerissenem Maul heran. Die wartenden Besucher drängten nun vehement gegen die Burgmauern. Das war auch der Grund, dass die Raspotten nicht einschreiten konnten.
„Lauf!!“, schrie Mogwai zu Hamplfort „Lauf, so schnell du kannst.“ Doch Hamplfort war versteinert. In seinen weit aufgerissen Augen konnte Mogwai Todesangst erkennen, ehe er von Gabriel nach vorne gerissen wurde. Er konnte nicht loslassen, so gerne er das auch getan hätte. Mogwai war dem Willen Gabriels ausgeliefert. Die Beute zum Greifen nah, tropfte Speichel von den Lefzen der Soloks. Sie kamen unausweichlich wie die Finsternis auf ihn zu. Er konnte den kalten Atem des Todes spüren, während er nun wutentbrannt diesen Bestien entgegen stürmte. Mogwai sah ihre riesigen Mäuler auf- und zuschnappen. Mordlust funkelte in ihren Augen. Sie waren nur mehr ein Zwinkern entfernt, ihre haarigen Klauen griffen nach ihm.
Als Mogwai wieder erwachte, lag er in einem Meer von Blut. Die Soloks hatten ihn unterschätzt. Wie so viele andere auch, hatten sie gedacht, dass dieses Ding keine Gefahr für sie darstellte. Ein tödlicher Fehler. Man sollte nichts und niemanden nach Größe und Aussehen beurteilen. Diejenigen, die glaubten, sich nicht daran halten zu müssen, würden so manche Überraschung erleben. Oder auch nicht mehr.
„Mogwai, wie geht es dir?“ Hamplfort hatte sich über ihn gebeugt und Mogwai musste plötzlich lachen. Absurd, aber als er die angsterfüllten Glupschaugen seines Freundes erblickte, war es um ihn geschehen.
„Alles klar, Hamp! Hilf mir hoch!“
Zwei starke Arme hoben Mogwai in die Höhe. Aber nicht Hamp war es, der ihn hochhob, sondern Feisal Morgu, der Anführer der Raspotten. Er hielt den blutverschmierten, zitternden Leoden wie ein Kind auf seinem Arm.
„Ich weiß nicht, wie du das vollbracht hast, das tut auch nichts zur Sache. Alles was zählt ist, dass du viele Leben gerettet hast. Ich wäre sehr stolz, einen wie dich in meiner Einheit zu haben.“
Feisal Morgu war stolz auf ihn? Auf ihn, den kleinen hässlichen Leoden, dessen Schwert Gabriel ganz allein zwei Soloks getötet hatte? Mogwai schwebte auf dem Arm des Kommandanten der Burgmauer entgegen, bejubelt von tausenden Besuchern: Leoden, Hoppern, Gauklern, Menschen ... und Raspotten. Nachdem er gebadet hatte und seine Wunden versorgt waren, wurde ihm ein schillerndes Kettenhemd gereicht. Ihm zu Ehren wurde ein großes Bankett gegeben und er saß an der Tafel des Königs. Langsam wurde Mogwai bewusst, dass das kein Traum war. Neben ihm saß Hamplfort, sein bester Freund. Seit geraumer Zeit schon sah Hamp intensiv in Mogwai´s jetzt grünblaue Augen. Er meinte nun: „Du bist wirklich der größte, der beste und der gefährlichste Kämpfer des ganzen Universums, was auch immer das ist!“
König Varomir und seine Gattin erhoben sich von ihrem Platz. Sie hielten ihre Gläser hoch und Königin Leoni sprach zu dem kleinen, großen Helden.
„Mein lieber Mogwai! Du hast uns alle an diesem Tag beschämt. Vor allem jene, die glauben in einem Wesen nur das zu sehen, was sie sehen wollen. Größe und Mut werden nicht an Körpergröße und Aussehen gemessen. Das Herz, ganz egal welcher Rasse, entscheidet in Momenten wie jenen, wer und was man ist. Du hast das Herz eines Raspotten, Mogwai! Deshalb ist es mir eine Ehre, dich zu einem Ritter dieses Ordens zu ernennen.“
Wie auf Kommando erhoben sich alle Raspotten und schufen einen Korridor vor dem Königspaar. Ihre gezückten Breitschwerter formten einen Tunnel, durch den Mogwai nun erhobenen Hauptes schritt. Gabriel funkelte in leuchtendem Grün. Während das Königspaar Mogwai zum Raspotten ernannte, weinte Hamplfort dicke Tränen. Tränen der Freude. Er wusste ganz genau, dass Mogwai, obwohl jetzt ein edler Raspotte, für immer und ewig sein bester Freund bleiben würde.