Alt, aber Polt

von Alfred Komarek

Alt ist er geworden, aber Klarheit will er immer noch, der Polt

 

Wein ist Poesie in Flaschen, meinte Robert Louis Stevenson (1850-94), schott. Autor. Alfred Komareks Romane zu lesen ist Poesie in Worten, meine ich. Und das lange Warten auf Komareks neues Werk mit dem jovialen Polizisten Polt hat endlich ein Ende gefunden.

 

„Magst was trinken, Simon?“ Ach wie habe ich mich gefreut, diese Zeile wieder zu lesen, Seite für Seite meine Augen über die wandelbaren Hügel des Wiesbachtals und durch die stiller gewordene Kellergasse schweifen zu lassen, und dabei Bekannte zu erblicken, die, ein wenig älter geworden, aber nichts von ihrer charmanten Mürrischkeit eingebüßt haben.

 

In bekannt wortmalerischer Virtuosität lässt Komarek seinen pensionierten Gendarmeriebeamten Simon Polt, neuerdings Gemischtwarenhändler und Drittelwirt, verheiratet, Vater von Zwillingen, durch Burgheim und die in den Löss gebauten Presshäuser streifen. Dort sitzen sie zusammen, die alten Weinbauern, zu deren Stand sich seit Kurzem auch Polt zählen darf, nachdem er sein erstes Fass Veltliner gekeltert hat. Selig Wein schlürfende, wortkarge alte Männer, in ihren behaglich kühlen Höhlen, die dort unten das Leben bis zum letzten Atemzug auskosten und sich am Wein erfreuen wollen. Und oben, im beschaulichen Burgheim, im nahen Brunndorf und in Breitenfeld, geht das Leben derweil seinen gewohnten Gang, nur nicht mehr in dieser elegischen Gelassenheit von einst.

 

Bis die junge Tochter des Starwinzers Eichinger tot im Wiesbach gefunden wird, da ist es dann vorbei mit der beschaulichen Ruhe in den Presshäusern und den Häusern der Oberwelt. Denn dieser Tod betrifft viele. Polt muss zwar nicht, darf auch gar nicht mehr amtshandeln, aber die Leute aus dem Wiesbachtal tragen täglich neue Fakten zu diesem Unglücksfall in seinen Gemischtwarenladen. Und wer Simon Polt kennt, der weiß, dieser Fall lässt ihm bald keine Ruhe mehr, er kann nicht wegschauen und will Klarheit und Polt beginnt in seiner unaufgeregt ruhigen Art in seinem Umfeld zu recherchieren – alt, aber Polt eben.

 

„Wenn wir uns gehen lassen, Herr Polt, dann gehen wir zum Teufel“, lautet eine Textstelle im Buch, und als ich die las, war mir, als würde der Autor diese Zeile auf sich selbst beziehen und sich ermahnt haben, wieder zur Feder zu greifen und seinen Simon nochmals durch die Kellergasse radeln zu lassen.

 

Ein Volltreffer, Herr Komarek, diese Entscheidung. Und ich möchte noch eine Textstelle, vom Wein abgeändert auf ihr Buch, zitieren, die mir sehr gefallen hat.

„Und, was sagen Sie zu meinem Buch?“

„Nichts.“

„Warum?“

„Sonst müsste ich es ja loben.“

 

"Alt aber Polt" - schlichtweg geniale Lektüre.