Die Welt des Herrn Bickford

von Andrej Kurkow

Charitonow wandert durch Russland

 

Für Untermatrosen Charitonow und seinen Vorgesetzten war der Krieg scheinbar vorbei. Gestrandet mit einem Schiff voll Dynamit an der Ostküste Russlands, im Japanischen Meer, begibt sich Charitonows Vorgesetzter nach zermürbender Warterei auf weitere Befehle, auf die Suche nach der kämpfenden Truppe und kehrt nicht mehr zurück. Nach einigen Tagen macht sich auch Charitonow auf den Weg. An seinen Tornister knüpft er die „Bickford-Schnur“, deren anderes Ende er mit der gewaltigen Sprengladung an Bord verbindet. Der Matrose macht sich auf die Suche nach irgendeinem Vorgesetzten, um diesem die Zündschnur und somit die Verantwortung über das Boot zu übergeben.

 

So wandert er zeitlos Richtung Westen, wo er, im besten Falle in Moskau, sein Ziel sieht. Dabei hat er jede Menge Zeit, sich über den Krieg, das Leben und sein mehr oder weniger geliebtes Heimatland Gedanken zu machen. Und über das mysteriöse schwarze Luftschiff, das von Zeit zu Zeit, hoch über ihm, seinen Weg kreuzt und vom Wind nach irgendwo getrieben wird. Und während er beständig nimmermüde durch die Taiga wandert, hält die „Bickford-Schnur“ Kontakt zur brisanten Ladung an Bord des Schiffes und dient Charitonow scheinbar auch als Bindeglied zu etwas, das er kennt und geliebt hat.

 

Seltsam, aber so steht es geschrieben, in dem hochinteressanten und lesenswerten Buch von Andrej Kurkow, der es selbst in seinem Vorwort so beschreibt: „Als ich den Roman Die Welt des Herrn Bickford schrieb, war Jelzin gerade dabei, erste Gedanken zu fassen, Chruschtschow war längst vergangenen Geschichte. Und dennoch war diese längst vergangene Geschichte für mich immer noch wichtig. Ich versuchte zu verstehen, was in der Gesellschaft, was in den normalen Sowjetmenschen vor sich ging, über deren Köpfe hinweg im Kreml sie wichtigsten Fragen entschieden wurden, die das Schicksal des Landes, das Schicksal von über 200 Millionen Menschen bestimmten.“

 

Tja, und bei dieser Bevölkerungszahl wäre es für Charitonow alleine, eine wohl unermesslich schwere Aufgabe gewesen, sich über alles, was die Sowjetmenschen in diesen schicksalsschwangeren Zeiten bewegte, bedrohte, berührte und verärgerte Gedanken zu machen. Deshalb schickt Andrej Kurkow noch weitere Protagonisten auf die Reise durch „Mütterchen“ Russland. Und das auf nicht minder skurrile Weise. Da wären der „Fahrer“, der mit dem „Beifahrer“ einen LKW mit einem riesigen Scheinwerfer auf der Ladefläche steuert, mit dem sie auf der Suche nach dem wahren Licht sind, das endlich die ewige Dunkelheit im Land durchbrechen soll. Weiters zieht der Bauernsohn Andrej, der sich dem einbeinigen Kriegsveteranen Kortezkij anschließt, dessen Aufgabe es ist, in den entlegensten Gegenden Russlands einen schwarzen Napf anzubringen, damit das Volk die Stimme der Partei vernehmen kann. Und über diesen Wanderern und allen Sowjetmenschen schwebt das ominöse schwarze Luftschiff, das der Wind immer ins irgendwo treibt. Und in diesem Luftschiff steht einsam und alleine der alte Luftschiffer, der von oben das Land, sein Volk, die Dörfer und Städte und die Wirren des Krieges beobachtet. Und er sieht so manche Seele, die sich in der Weite des Landes verloren hat und auf ein Zeichen zu warten scheint.

 

Wirklich großartig beschreibt der Autor, in kurzen und prägnanten Worten, die wunderschöne und so weitläufige Natur dieses gewaltigen Landes und gibt dem Leser so einen ungefähren Anhaltspunkt, wie groß Russland sein muss. Faszinierend fand ich die oft aufmerksam teilnahmslosen Dialoge, die manche Protagonisten untereinander oder, wenn sie auf jemanden trafen, führten. Allein durch die Dialoge ergab sich für mich ein Bild jedes Protagonisten. Andrej Kurkow vermied es vermutlich ja bewusst, seine Wanderer für die Leser bildlich ins Geschehen zu setzen. So kann sich jeder Leser sein eigenes Bild zeichnen, was mir auch hervorragend gelang.

 

 

Andrej Kurkow schrieb vier Jahre an seinem Roman Die Welt des Herrn Bickford. Ich denke, es war der Mühen wert. Auch wenn ich etwas brauchte, um in diesen Roman einzutauchen, es war dann sehr aufregend Charitonow und die Wanderer durch das weite Russland am Ende des Zweiten Weltkriegs bis zur Kubakrise 1962 zu begleiten.