Frau Müller hat nicht die Absicht mehr zu bezahlen

von Natalka Sniadanko

Eine Achterbahnfahrt zwischen Gefühlen und Lebenserfahrungen

 

Chrystyna und Solomija sind jung, klug, musikalisch und selbstbewusst. Sie beschließen ihrer Heimat Ukraine den Rücken zu kehren und aus Lemberg wegzugehen. Sie machen sich auf Richtung Athen, bleiben aber auf halbem Weg in Berlin hängen.

 

Der Titel nahm mich gleich gefangen und ich dachte: „Das wird bestimmt ein lustiger Roman.“ Ja, auch, teilweise, doch mehr ist es ein Lebensspiegel, in dem sich die beiden Protagonistinnen Chrystyna und Solomija aus der Ukraine auf ihrer Reise in ein neues Leben entwickeln. Mit jeder Seite, jeder eingehenden Betrachtung der Situationen, in die sie auf ihrer "Flucht" geraten, gewinnen die beiden an Farbe und Form. Die schwarzweißen Konturen ihres ukrainischen Lebens färben sich alsbald zu bunten, mitunter abstrakten Bildern. Der Leser wird mitgenommen auf eine Achterbahnfahrt zwischen Gefühlen und Lebenserfahrungen.

 

Denn niemand verlässt so mir nichts dir nichts seine Heimat und gibt sich vorbehaltlos und erfreut dem Neuen, dem Ungewissen hin. Jeder Auswanderer weiß, da gilt es schon, das eine oder andere Problem zu lösen und mit der Aufregung und den Ängsten vor dem Unbekannten fertig zu werden. Zudem müssen ja meist sprachliche Barrieren überwunden werden, was auch nicht so einfach ist. Aber mehr überwiegt bei Chrystyna und Solomija die Faszination vor dem Unbekannten, die Fülle an Möglichkeiten und so tauchen sie ein in das auf sie sehr entspannt wirkende Berlin, lernen dort Menschen kennen, lieben sich und leben ihre Leben, die im Laufe der Zeit gefüllt werden von außergewöhnlichen Begegnungen und Reisen.

 

Natalka Sniadanko zeichnet in ihrem Roman ein vielschichtiges Bild zweier Freundinnen, die im Westen ein neues Leben beginnen wollten. Sie streut dabei mitunter Lebensweisheiten ein, über die nachzudenken, es sich lohnt. Sie lässt Chriystyna mit Eva auf Reisen gehen, nach Venedig, nach Krakau, wo man viel über die Schönheiten und Sehenswürdigkeiten der Städte, aber auch über die Intimität und gleichgeschlechtliche Vorlieben der beiden erfährt. Solomija lässt die Autorin in Berlin eine alte Frau pflegen, die ihr viel über die Gräueltaten und Wirren des Zweiten Weltkriegs erzählt.

 

Besonders gefallen hat mir in diesem Buch folgende Lebensweisheit: „Aber die Eltern, die aus ihren Kindern eine bessere Version ihrer selbst formen wollten, erlitten unweigerlich eine Niederlage nach der anderen, stießen immer wieder auf den Widerstand des Kindes, auf seinen Wunsch, sein eigenes Leben leben zu dürfen und nicht eins, das sich seine Eltern ausgedacht hatten.“

 

 

Mir fällt es irgendwie schwer, dieses großartige Buch einzuordnen. Aber muss ich das überhaupt? Wie in der zitierten Lebensweisheit geschrieben steht, will ich niemanden beeinflussen, soll jeder, der dieses Buch liest, selber entscheiden, was für Schlüsse er daraus zieht und welche Zeilen er für sein eigenes Leben mitnehmen will.