Mitternachtsblüte

von Maria Matios

Ein Säuseln wird zum Schrei

 

Iwanka Borsuk heißt Maria Matios Protagonistin im Roman „Mitternachtsblüte“, die in einem bukowinischen Dorf in der Ukraine in den 1940er Jahren bei ihren Eltern und Geschwistern aufwächst. Anfangs dominieren dort die Unbekümmertheit, die Heiterkeit und die Neugierde von Iwanka, mit der sie auf der Suche nach Antworten (was mich mehr als einmal schmunzeln ließ) auf ihre kindlichen Fragen heranwächst.

 

Mir hat da ziemlich am Anfang eine Textstelle gefallen, wo Iwankas Mutter der neugierigen Tochter die Leviten liest, weil sie wieder mal seltsame Ansichten von der Dorfheilerin, der Moskowiterin Seweryna, mit nach Hause getragen hat.

„Das ist doch nicht gut, Kind. Ein Mädel soll lange Haare haben und einen kurzen Verstand. Doch bei dir ist alles anders … alles.“

 

Die Reaktion der Mutter verdeutlicht sehr gut, was die Eltern von der Neugier, dem Forscherdrang und dem oft traumwandlerischen Verweilen in der Natur ihrer Tochter halten. Doch Iwanka nährt sich weiter an Aussagen der Älteren, die sehr von Aberglauben geprägt und deshalb wohl noch interessanter für das Kind sind.

 

Die Autorin versteht es meisterhaft, denn Erzählfluss in der Geschichte zu halten, wenn Iwanka in Rückblenden (z.B. in Gesprächen mit ihrer verstorbenen Großmutter oder einer zurückliegenden Episode mit ihrem Großvater) schwelgt. Als Iwanka „die schwarze Krankheit“ Epilepsie befällt, lässt sich das Mädchen nicht unterkriegen. Sie ist zwar verunsichert, die Freunde werden weniger und im Dorf schlagen viele das Kreuzzeichen, wenn ihnen das seltsame Kind über den Weg läuft, aber sie glaubt, dass sie diese Krankheit besiegen kann.

 

Einfühlsam und bedrückend zugleich malt einem Maria Matios mit jeder Zeile die Sorgen von Iwanka bildhaft in den Kopf, als erst die Russen „die roten Kommissare“ und danach die Deutschen und Rumänen im Zweiten Weltkrieg im Dorf einfallen.  Erst werden Verwandte und Nachbarn von den Russen deportiert, was schon schlimm genug ist, doch später bekommt man eine Ahnung, was ein Kind, was Iwanka gefühlt haben muss, als der jüdische Teil der Bevölkerung – Freunde, Nachbarn und Bekannte – vor ihren Augen zur Exekution geführt werden. Obwohl ich die Kriegsgräuel der SS schon aus Filmen und Dokumentationen kenne, bei diesen Zeilen wurden mir die Augen feucht.

 

Iwanka hat in diesen furchtbaren Tagen also doch noch den Teufel gesehen, vor dem sie sich als Kind, beim Milch holen durch den Wald, das eine oder andere Mal gefürchtet hat.

 

Genial, wie es die Autorin versteht, die mitunter grausame Welt durch die Augen der aufgeweckten, fantasievollen und nicht alltäglichen Iwanka Borsuk zu erzählen. Und darum meine ich: "Mitternachtsblüte" ist ein lesenswertes Buch.