STILL - Chronik eines Mörders

von Thomas Raab

Sympathie für einen Mörder?

 

Kann es das überhaupt geben? Im Normalfall wohl eher nicht, in diesem Fall: JA! Nachdem ich „STILL – Chronik eines Mörders“ gelesen und zur Seite gelegt hatte, atmete ich aus und stellte mir dabei die Fragen: Wie kann Thomas Raab so ein großartiges Buch schreiben und woher nimmt er all die treffenden Worte?

 

Fragen, das Leben und den Tod betreffend, hatte mir sein Protagonist Karl Heidemann zur Genüge beantwortet.

 

Karl Heidemanns Andersartigkeit, sein gequälter kleiner Körper, für dessen sensibles Gehör sich Regen wie Maschinengewehrfeuer anhört und jedwedes Geräusch, das uns Normalos so vertraut ist, sich in unsagbarem Schmerz definiert, ist für ein Kind und seine Eltern eine Herausforderung. Ich musste spontan an Schmetterlingskinder und ihre Schmerzen denken. Durch die Achtsamkeit seines Vaters findet Karl bei Spaziergängen durch den Wald und schließlich in der Stille des heimischen Kellers freiwillig seine Frieden. Er liebt fortan seine Abgeschiedenheit und kann oder will die Liebe seiner Eltern nicht auf die Weise erwidern, wie Eltern sich das wünschen, was einem Familienvater natürlich ans Herz geht. Was wäre gewesen wenn, geisterte mir durch mein Hirn.

 

Als der junge Karl seine Sinne und Fähigkeiten zu schärfen beginnt, und trotz seiner Zurückgezogenheit merkt, wie die Leute in Dorf Jettenbrunn hinter vorgehaltener Hand und zur Belustigung am Stammtisch über die Heidemanns herziehen, beginnt eine erstaunliche Wandlung. Die kindliche Neugierde erwacht. Die Fragen nach dem Warum und Wieso Menschen so grausam mit ihren Worten sind, ohne das er oder seine Eltern ihnen je etwas Böses getan haben, lassen ihn nicht mehr los. Doch ohne Führung, ohne Antworten, weil ja stumm und sprachlos, liegt die Erforschung des Sinnes dahinter in Karls Ohren, mit denen er trotz dämpfenden Wachsverschluss, Gespräche auf große Entfernung und sogar durch Wände vernehmen kann.

 

Als Karls Mutter mit dem Liebesentzug ihres Kindes nicht mehr fertig wird, geht sie im Beisein ihres Sohnes ins Wasser und löst so eine Suche nach dem WARUM in Karl aus. Nicht warum sie sich das Leben nahm, sondern warum sie nach dem Tod so friedlich und entspannt am Rande des Jettenbrunner Weihers gefunden wurde. Danach geht er vom Keller nach oben und stellt sich dem Leben – um, Antworten auf seine Gedanken zu finden.

 

Karl begibt sich auf die Suche nach, Stille und Erlösung, will Menschen, die sich seiner Meinung nach, aus welchen Gründen auch immer, durch ihr Leben quälen, denselben friedlichen Gesichtsausdruck, wie ihn seine tote Mutter am Weiher hatte, auf das Antlitz zaubern. Er ist davon überzeugt: Nur die Stille des Todes kann den Gequälten Linderung und Erlösung bringen. Schon bald zieht sich Karls blutige Spur von seinem Heimatdorf Jettenbrunn bis in angrenzende Dörfer. Er, der unsichtbare Erlöser, dem es um Frieden und Stille geht, schleicht bei Nacht durch die Wälder und entwickelt sich immer mehr zu einem Raubtier, das für seine Opfer stets unsichtbar bleibt.

 

Und dann trifft er unverhofft auf Marie, und ein ihm völlig unbekanntes Gefühl bemächtigt sich seiner Sinne. Doch bevor er sich darüber Klarheit verschaffen kann, wie er dieses Gefühl einordnen soll, wird er von Menschen, Hunden und Kommissar Horst Schubert gejagt und ...

 

Irgendwie scheint Marie ihm seine Unsichtbarkeit genommen zu haben.

 

Thomas Raab hat mit „STILL- Chronik eines Mörders“ meiner Meinung nach ein Meisterwerk geschaffen. Er erzählt vom Leben selbst, das aber ohne Tod, keine Berechtigung haben würde. Wir beginnen ja schon nach unserer Geburt wieder zu sterben.

 

Thomas Raabs Feder ist aufwühlend, eindringlich, nicht mehr loslassend, nachdenklich machend, sie lässt einen zweifeln, über das eigene Leben grübeln und das Buch ist genauso wie auf dem Buchrücken vermerkt: „Eine soghaft, virtuose literarische Komposition“, die meines Erachtens das Zeug zu einem Bestseller hat. STILL ist anders als Thomas Raabs Metzger Krimis, neuartig, direkt, den Punkt im Herz des Lesers treffend, in kurzen, pointierten und auch ausufernd erklärenden Sätzen, beschreibt der Autor die Lebens-, Leidens- und Mordsgeschichte des Karl Heidemann.

 

Und sollte, in (hoffentlich) ferner Zukunft, der Tod bei mir vorstellig werden, so werde ich sagen: „Grüß Gott, Herr Heidemann, ist´s an der Zeit?“ Denn ich weiß ja jetzt, dass er Stille, Frieden, und Erlösung bringt.

 

„STILL – Chronik eines Mörders“ ist ein aufwühlendes Buch, das ich bestimmt noch öfter lesen werde. Um auch alles zwischen den Zeilen zu lesen, reicht einmal nicht aus.

 

 

Gratuliere, Herr Raab - Absolute Leseempfehlung!



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