Zur unmöglichen Aussicht

von Gustav Ernst

Würden Sie einem Fremden ihr Leben erzählen?

 

Schon das Cover zu diesem Buch hat mich etwas verwirrt und doch magisch angezogen. Die Spiegelung der Allee und das Blau des Himmels, das einen in die Tiefe blicken lässt, nahmen meine Augen gefangen und zogen mich in das Buch.

 

Die ersten Zeilen waren etwas gewöhnungsbedürftig, lässt Autor Gustav Ernst seinen Protagonisten Kagraner doch ohne die typischen Anführungszeichen bei der direkten Rede erzählen. Nach kurzer Überlegung stellte ich mir vor, ich sitze im Kaffeehaus am Nebentisch und höre Herrn Kagraner zu, wie er seine Lebensgeschichte in Form von kurzen Geschichten, dem stillen, fremden Mann erzählt, an dessen Tisch er sich eingangs des Romans setzt. Einfach so, mit der Bitte sich dazusetzen zu dürfen, die ihm der Fremde nicht abschlug. So ergoss sich fortan ein beredsamer Monolog aus Kagraners Mund über den Fremden, der, je mehr er sich in die Geschichten von Kagraner hineindachte, süchtig nach selbigen wurde.

 

Nach und nach lüftet der Autor die Eigenarten, Vorlieben und Macken Kagraners, was das Ganze für mich irgendwie geheimnisvoll machte und mich dazu verleitete, so wie den Zuhörer, mich auf Kagraners nächste Geschichte zu freuen. So wollte ich unbedingt wissen, wer dieser Herr im hellen Sakko ist, der Kagraner zu verfolgen scheint, oder was es mit dem verschwundenen Freund von Kagraner auf sich hat und je mehr er über das endenwollende Verhältnis zu seiner Ehefrau und seinen Kindern erzählte, umso mehr wuchs mir dieser schrullige Kagraner ans Herz.

 

Gustav Ernst schreibt mit feiner Feder und großartigem Wortwitz aus dem Alltagsleben zweier Männer, die sich unerwartet im Kaffeehaus treffen und die alsbald die Geschichten des Einen, mit einem unsichtbaren Band aus Loyalität, höflicher Zurückhaltung und einer großen Portion Neugierde verbindet. Man kann, wenn man aufmerksam liest, vielleicht sogar Parallelen zum eigenen Leben in Gustav Ernst´s Zeilen finden. Der Alltag, die Sorgen und Mühen, die auf uns Menschen laste, dabei kommt man nicht umhin zu denken, dass irgendwie in jedem von uns ein Kagraner steckt.

 

Dieses großartige Buch ist wie ein Glas Schilcher (Wein aus der Steiermark). Beim ersten Schluck, etwas herb, aber dann wird er mit jedem Schluck süffiger. So ging es mir auch mit „Zur unmöglichen Aussicht“, das ich letztlich bis zur letzten Silbe auskosten wollte und es auch tat.