Burnout ist kein Zufall


Eine Betroffene stellt Fragen zu Burnout


 

Hallo Fred,

ich bin über Umwege (an "Zufälle" glaube ich längst nicht mehr) auf deine HP

gestoßen und habe interessiert darin gestöbert.

 

Danke, das freut mich, aber bitte gib nicht auf an Zufälle zu glauben, die gibt es sehr wohl.

 

Leider kann ich mich aufgrund des Burnouts nur noch sehr schlecht konzentrieren - und sehr kurz.

 

Das war im Anfangsstadium meines Burnouts genauso. Körper und Geist brauchen jetzt Ruhe um wieder zu sich zu finden. Du kannst dir das vorstellen wie bei einem überhitzten Motor. Fährst du weiter, kann es passieren dass dir das Teil um die Ohren fliegt. Hältst du an, um den Motor auskühlen zu lassen, so genieße die Zeit und steige aus dem Wagen aus. Schau dich um und nimm dir Zeit, deinen Blick schweifen zu lassen. Du wirst viel Neues entdecken, vieles das du schon vergessen hattest und so manches, auf das du in Zukunft verzichten solltest. Sobald sich der Kreisel deines Gedankenkarussells verlangsamt hat, wird es mit der Konzentrationsfähigkeit wieder aufwärts gehen.

 

Ich bin jetzt seit Anfang April krankgeschrieben... es ging einfach nicht mehr!

 

Hast du schon einmal die Zweige eines Baumes, eine Wiese oder ein Weizenfeld im Wind betrachtet? Biegsam und ästhetisch pendeln sie im Sturm. Ist der Sturm vorüber, nehmen sie ihre altgewohnte Position wieder ein. Manchmal bricht dabei ein Zweig, manchmal wird auch eine Ähre entwurzelt oder ein Grashalm ausgerissen. Das sind dann jene Zweige, Ähren und Gräser, die sich gegen den Sturm stemmen, um trotzig den Urgewalten Paroli zu bieten. Zumeist bleibt es beim „Wollen“.

 

Zum Glück unterstützt mich mein Partner und meine Kinder sind auch schon aus dem Haus (weitestgehend).

 

Ich habe einmal zu einem Psychotherapeuten gesagt: „Wissen Sie, ich kann mir schon denken, warum manche es nicht schaffen und sich in ihrer Verzweiflung das Leben nehmen. Das Alleinsein und der eisige Hauch der Versagensangst ersticken die aufkeimenden Samen der Hoffnung im Keim. Wohl dem der einen Menschen an seiner Seite hat, der mit tröstenden Worten ein wenig Wärme und Zuversicht spendet.“ Na ja, vielleicht nicht genau in diesem Wortlaut, aber es ist schon was Wahres dran. Auch ich war dankbar, dass ich in der schwersten Zeit meines Lebens, die wärmenden Hände meiner Familie und meiner Freunde gespürt habe. Sie alle sind an ihre Grenzen geführt worden, mit meinem Burnout. Ich will hier nichts beschönigen, meine Launenhaftigkeit war dabei nicht immer einfach zu ertragen und meine Frau hat den Großteil davon abbekommen. Wir sind noch immer verheiratet. ;-)

 

Dein Buch habe ich leider noch nicht gelesen, weil ich´s eben erst heute entdeckt habe. Wenn ich die Kraft dazu habe, werde ich es lesen.

 

Das macht nichts. Würde ich nämlich sagen: „Das solltest du aber!“, wäre das „Druck“ ausüben. Und genau das ist es, was du am Anfang eines Burnout nicht gebrauchen kannst. Ruhe, Ruhe und nochmals Ruhe, sind die drei Elemente der ersten Zeit, auch wenn es immens schwerfällt seinem Gehirn mitzuteilen, dass es Ruhe geben soll. Aber wenn du dann die aufkeimende Kraft wieder verspürst, wirst du ohnehin deine Entscheidungen fällen.

 

Wie es aussieht, habe ich noch einen sehr langen Weg vor mir.

 

Es ist schwer diese Frage oder Selbsteinschätzung zu beantworten. Ich kann hier nur von mir ausgehen und ob ich dabei eine Vorbildwirkung erziele, möchte ich bezweifeln. Am Anfang meines Burnout, habe ich zwanghaft nach jemanden gesucht, der mir sagt, wie und was ich machen muss, damit ich rasch wieder auf dem Damm bin, sozusagen mein geliebtes Leben wieder weiterführen kann. Ich habe diesen „Jemand“ nicht gefunden. Was ich in den drei Jahren gefunden habe erinnert mich in diesen Tagen irgendwie an „Hänsel und Gretel“. Brotkrummen, Steine, Menschen, Helfer und neue Freunde, die mich auf meinem Weg begleitet haben und mir mit Rat und Tat zur Seite standen. Nicht das ich nach ihnen gesucht hätte, nein, die meisten von ihnen sind mir zufällig über den Weg gelaufen, der eine oder andere hat mich per Mail kontaktiert und ich habe zurückgeschrieben, so wie ich dir nun zurückschreibe. Du siehst: Es gibt sehr wohl Zufälle im Leben.

 

Das Schlimmste für mich ist: Ich schäme mich, obwohl mein Verstand sagt, dass es dafür keinen Grund gibt und ich habe Schuldgefühle... einfach so....

 

Weißt du, es gibt überhaupt keinen Grund sich zu schämen, obwohl, ich habe mich genauso geschämt – kannst es in meinem Buch ja einmal nachlesen. Das mit dem Verstand ist so eine Sache. Jene, die unter immensem Druck noch klar bei Verstand sind und immer und überall die richtigen Entscheidungen treffen, heißen: Stallone, Schwarzenegger oder Lara Croft und sind auf der Leinwand zu bewundern. Doch privat ist ihr Verstand eben auch menschlich und fehleranfällig. Vielleicht ist dies der einzige Grund für Schuldgefühle ... Menschlichkeit!

Wer emotionslos durchs Leben wandert wird niemals an Schuldgefühlen leiden, wäre ein guter Spruch eines Roboters, derweil er einem weinenden Menschen seinen Laserfinger auf die Stirn drückt.

 

Ich finde toll, dass du dir gewissermaßen selbst durch das Schreiben geholfen hast. Bei mir ist´s leider so, dass ich eigentlich immer sehr gerne geschrieben habe, Tagebuch, Gedichte, Briefe... aber im Moment fällt es mir sehr schwer.

 

Dann warte einfach ab, es kommt wieder. Am Anfang meines Burnout habe ich nur geweint, dann habe ich die ersten zögerlichen Schritte durch die Natur gewagt und dann habe ich begonnen, alles zu dokumentieren und mein Buch zu formen. Mittlerweile habe ich drei Bücher geschrieben, unzählige Berichte für meine Homepage getippt, auch für die eines Freundes und für mein Belletristik Studium schreibe ich ja auch noch. Manchmal wächst mir das alles über den Kopf und ich fühle mich wie in meinen besten Tagen vor dem Burnout. Dann trete ich auf die Bremse und mache eine gewisse Weile gar nichts, zumindest nur das, wozu ich Lust habe. Das liest sich für jemanden der tagtäglich im Berufsleben steht wohl ein wenig wie: Der hat leicht reden, diese Arschgeige. Und ich stimme dem in gewisser Weise zu, habe das auch schon live zu Ohren bekommen und auf meine lapidare Antwort: „Willst du tauschen“ nur verächtliche Blicke geerntet, was ich aber verstehen kann. Keiner kann die Existenzängste, die Versagensängste, die Schmach einen Psychologen aufsuchen zu müssen nachempfinden, außer jene, die selbst durch diese Hölle gegangen sind. Wobei einem das eher am Anfang so vorkommt. Heute bin ich froh, dass ich die Chance bekommen habe, in einer Klinik essentiell wichtige Dinge über das Leben mit mir selbst zu lernen.

 

Ich versuche schon, meinen Alltag ein wenig zu dokumentieren, denn ich bin jetzt sehr vergesslich. Inzwischen habe ich gehört, dass das auch zum Krankheitsbild gehört... vielleicht wird´s wieder besser nit dem Gedächtnis, wenn sich mein "Zustand" bessert... nun...Geduld war noch nie meine Stärke.

 

Auch ich war kein Geduldsmensch und habe heute noch so meine Probleme damit – manchmal. Dabei ist Geduld das Einzige, dir auf diesem dornigen Pfad den richtigen Weg zu weisen. „Lassen wir unser Herz ganz weit werden, damit wir wahrnehmen können, dass die Bedingungen für unser Glücklichsein schon da sind“, so der Autor Thich Nhat Hanh in seinem Buch – Im Hier und Jetzt zuhause sein. Und dieses Buch kann ich dir sehr empfehlen.

 

Vielleicht "darf" ich sie auf diese Art jetzt erlernen, vor allem Geduld mit mir selbst.

 

Das „darfst“ du, und wenn du es so siehst, dann hast du schon den ersten Schritt getan. Ich habe mein Buch zum Beispiel geschrieben, um meine eigenen Fortschritte zu dokumentieren und, damit ich dann nachlesen kann, wie ich mich verändert habe. Wie, wann, warum ich meine Geduld verloren habe, wo und wieso ich mich über meine Geduld gewundert habe. Und daher will ich dir gleich eines vorweg sagen: Du wirst die Geduld auch manchmal verlieren, aber umso schöner ist es, sie wieder zu finden.

 

... und dann verzettle ich mich immer selbst irgendwie... weiß jetzt auch nicht mehr, was ich dich fragen könnte, was du nicht schon auf deiner HP erzählst.

 

Ich finde nicht, dass du dich „verzettelt“ hast und es ist auch ganz normal, dass du nicht alle Fragen auf einmal stellen kannst, die dich im Augenblick belasten. Gib dir ruhig Zeit, auch wenn es schwerfällt sich einfach mal fallen zu lassen, am Ende steht man gestärkt und weiser wieder auf.

 

Wollte einfach nur mal mit jemanden "reden", der vielleicht oder wahrscheinlich weiß, wie es ist, wenn man sich ... ja ... ausgebrannt fühlt. Und der schon einen oder mehrere Schritte weiter ist als ich.

 

Ich selbst weiß aus Erfahrung wie wichtig es ist, mit jemandem „reden“ zu können. Speziell am Anfang eines Burnout. Man ist da völlig alleine, auch wenn man schon jahrelang gemeinsam mit einem/er Partner/in durchs Leben geht. Ich habe mich gefühlt, als wäre ich nur mit Badehose bekleidet in einer Eishöhle eingeschlossen. Den sicheren Erfrierungstod vor Augen hat mir meine Frau die Hand gereicht und mit mir zu „reden“ begonnen. Aber nicht: reiß dich am Riemen, sei kein Weichei, was heulst du hier so rum. Sondern: das wird schon wieder, wir stehen das gemeinsam durch, ein Schritt nach dem anderen. Und diese Worte, und die Hilfe meiner gesamten Familie, haben mich dorthin gebracht, wo ich heute bin. Phasenweise habe ich auch nach drei Jahren noch so meine Probleme. Vor allem dann, wenn ich mir selbst zu viel Druck auferlege, weil ich – das noch schreiben soll, weil ich dies noch erledigen muss, weil ich schon über fünfzig bin und mir die Zeit wieder einmal davon läuft! Schwachsinn ... nichts läuft davon.

 

Das gibt mir Mut und Zuversicht.

 

Und wenn ich durch meine Zeilen ein bisschen dazu beitragen konnte, dann freut mich das und vielleicht, wer weiß, eines Tages ... verliert diese Krankheit ihren Schrecken, weil Menschen wie du und ich mit unseren Gedanken Betroffenen und Angehörigen helfen dieses Burnout besser zu verstehen – nicht wissenschaftlich gesehen.

 

Danke!

Liebe Grüße

M ......

 

Alles Gute und niemals den Glauben, die Hoffnung und die Zuversicht verlieren.

Fred


Burnout Praevention