Woher nimmst du die Kraft?

Kraft schöpfen aus dem Alltäglichen und dem Besonderen

 

Hallo Fred,

 

Hallo M.

 

so schnell hätte ich nicht mit einer Antwort von dir gerechnet, schon gar nicht in der Ausführlichkeit. Ein großer herzlicher Dank gilt dir dafür. Natürlich habe ich nichts dagegen, wenn du meine Mails einstellst. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie glücklich ich bin, auf deine Seite gestoßen zu sein. Vielleicht stimmt es: Zufall ist, wenn Gott einem etwas zufallen lässt ...

 

... ja, manches kommt wohl überraschend daher und lässt einen jubeln oder auch nicht, wenn ich an Burnout denke. Ja, ich habe eine neue Chance bekommen und sie auch ergriffen und meine Sterne neu geordnet, zumindest teilweise, aber es gibt ja immer noch viele Menschen, die an Burnout zerbrechen. Ich kann nicht immer nur motivierend schreiben, ich muss manchmal auch den Tatsachen ins Auge sehen und mir gefällt dann gar nicht, was ich da sehe.

 

Ich finde du hast eine außerordentliche Gabe schreibend Mut zu machen, ohne Schönrederei. Das ist glaubwürdig und authentisch. Und für mich zutiefst berührend. Ich kann mir vorstellen, dass du immer wieder die gleichen Fragen gestellt kriegst, wie: Wie lange (zur Hölle nochmal) dauert dieser Sch...zustand noch? Wie geht´s weiter, usw. Nervt dich das nicht auf die Dauer? Zieht dir das nicht viel von deiner neu gewonnenen Energie wieder ab? Woher nimmst du deine Kraft?

 

Danke, das habe ich schon oft gehört. Und dennoch, ich finde es einfach, glaubwürdig zu erscheinen. In der Ehrlichkeit und Offenheit steckt doch die wahre Authentizität aller Lebewesen. Eine jagende Löwin wirkt authentisch, sie tötet aus Hunger; ein balzender Auerhahn wirkt authentisch, er macht das aus Fortpflanzungsgründen und der schreibende Stadlmann wirkt authentisch, weil er mit dem geschriebenen Wort seine Ängste, Sehnsüchte, Sorgen und Hoffnungen am besten ausdrücken kann. Nun zu deinen Fragen:

 

Dieser Sch...-Zustand dauert so lange an, wie du brauchst, wieder ganz du selber zu werden, deine Gedanken in Einklang mit deinen Inneren Werten zu bringen, deine Wut über dein Versagen zu akzeptieren und von langen, schnellen Schritten auf tippelnde Kinderschritte zu verlangsamen, was für mich mitunter das schwerste bei dieser Krankheit war. Wie es weitergeht? Diese Frage habe ich mir oft gestellt, doch ist es nicht wichtiger – dass es weitergeht! Wie viele Menschen haben eine Diagnose ihres Arztes erhalten, dass es nicht mehr weitergeht, wie viele eine, dass es nicht mehr lange weitergeht und darum meine ich: Wie es weitergeht wollen viele Menschen wissen, manche denken jedoch: Hätte ich bloß nicht gefragt!

 

Nichts ist von Dauer! Jetzt klinge ich ein wenig wie ein Prediger, doch keine Bange, ich bin keiner dieser Sonntagsgläubigen, die das Wort Gottes für bare Münze nehmen. Mir ist mein Glauben der Nächste und ich glaube an die Natur, ich glaube dass wir uns alle ändern müssen, um die Natur vor ihrem BURNOUT zu schützen, und ich glaube: Nichts ist von Dauer. Darum nervt es mich auch nicht auf Dauer, dir, oder anderen Betroffenen, meine Erfahrungen zu schildern. Ich lasse mich auch nicht mehr nerven, da ich mir nun Zeit nehme darüber nachzudenken ob mich etwas nervt oder nicht. Klingt ziemlich esoterisch, nicht, aber einfacher ausgedrückt: Ich lebe schon etwas zurückgezogen, da kann ich es mir erlauben einmal in Ruhe über Dies oder Das nachzudenken. Natürlich hat das auch seine Nachteile und oft grüble ich darüber nach, ob ich nicht zu sehr vereinsame, weil Menschenaufläufe (in Fußballstadien, bei Konzerten, vor dem Theater) werden mir immer suspekter. Woher ich meine Kraft beziehe, das ist eine sehr gute Frage. Und sie ist schwer zu beantworten: Ein Lächeln meiner Frau, das Lachen meiner Kinder, ein gelungenes Gedicht, ein schöner Tag, ein Gipfelsieg, ein gutes Buch, die Macht das Handy abzudrehen, wenn mir danach ist, meinen Erdbeeren beim reifen zuzusehen, ach es gibt so vieles aus dem wir Kraft schöpfen können und nur Weniges, die sie uns wieder nimmt. Leider sieht in schlechten Zeiten unser inneres Auge eher das „Wenige“.  

 

Ich denke, du hast recht mit der Aussage, dass man zunächst einfach nur mal Ruhe braucht. Das klingt so einfach und ist vielleicht die schwerste Übung. Erst seit ich mir (endlich) meinen „Zustand“ eingestehen konnte, merke ich wie viel Kraft mir andere abgezogen haben. Und es immer noch tun oder es zumindest versuchen. Deshalb vielleicht auch die Schuldgefühle, die sich mit Hass und Verzweiflung abwechseln. Ja, auch Hass (und dafür schäme ich mich). Aber ich kann einfach nicht mehr! Ich muss lernen mich abzugrenzen! Das hat auch meine Therapeutin gesagt.

 

So dachte ich anfangs auch und die Schuld- und Hassgefühle gegen mich und die Welt waren sehr ausgeprägt. Bis zu dem Tag wo ich eingesehen habe: Ich selbst bin mein größter Feind, die Welt interessiert sich einen Schmarrn darum, ob ich untergehe oder schwimmen lerne. Niemand kann mir meine Kraft abziehen, wenn ich es nicht zulasse, doch auch ich habe es zugelassen. Und du siehst, man schreibt schnell was man liest, die Wirklichkeit tut weh, verdammt weh und Ratschläge zu geben, gehe durch diese oder durch die andere Türe, sind mitunter sehr gefährlich. Ich habe schwimmen gelernt und wenn du schon einmal beobachtet hast, wie jemand schwimmt, wird dir aufgefallen sein, kaum jemand schwimmt kerzengerade. Das Leben hat seine natürlichen Kurven und fährt man zu schnell in eine Kurve, driftet man ein wenig auf die andere Spur – Glück wenn nichts entgegenkommt... Und noch eines, schämen solltest du dich nicht, sondern deinen Hass hinauslassen. Aber beachte dabei die Möglichkeiten sonst kann es ganz schnell sein, dass dein Hass sich massiv gegen dich kehrt. Ein Schrei in den Bergen, ein Boxtraining, ein Gedicht verfassen, sind gute Methoden dem Hass das Fürchten zu lehren. Ich sitze oft vor meinem PC und schreibe furchtbare Actionszenen – Mord und Totschlag, um sie anschließend wieder zu löschen und erleichtert aufzustehen, oder ich spaziere so lange durch den Wald, bis der letzte dunkle Gedanke aus meinem Schädel entschwunden ist, je nach Laune.  

 

Mein Partner ist mir wirklich die einzige Stütze in meinem nächsten Umfeld. Die paar Freunde, von denen ich mich nicht zurückgezogen habe, machen sich inzwischen auch rar. Meine Geschwister melden sich nicht mehr oder kaum, um dann sofort wieder mit ihren Geschichten und der ihrer Bekannten anzufangen…, was ich echt nicht mehr ertragen kann. Ich war immer für alle da, die mir jetzt den Rücken kehren. Ganz schön ernüchternd.

ICH KANN EINFACH NICHT MEHR!!!!  

 

Auch wenn in jeder therapeutischen Sitzung, in der Ausseer Klinik in der ich war, darauf hingewiesen wurde – es gibt kein MUSS, so möchte ich dir hier in aller deutlich sagen: DU MUSST KÖNNEN!!! Gib dich nicht auf, es ist schwer, ich weiß, aber du schaffst das, ich hab´s ja auch geschafft, so leidlich aber immer noch besser als aufgeben, denke ich. Wichtig ist über deine Gefühle zu reden und du hast ja einen Partner der dir zuhört. Je älter und ruhiger ich werde, desto weniger tangieren mich diese esoterischen Glaubenssätze: „Es gibt kein MUSS“, denn wenn ich dringend auf Toilette (muss/will) dann sage ich bestimmt nicht: „Ich sollte auf´s Klo sondern ich „Muss“ jetzt, aber Dalli! Und da würden mir schon noch ein paar Beispiele einfallen, zu der „Muss-Debatte“. Nur in einer Hinsicht haben Sie schon Recht, die Esoteriker. Man sollte versuchen das „Muss“ in: ich will, ich möchte, ich darf, ich brauche nicht, ich sollte nicht oder ich „muss“ nicht zu wandeln; in gewissen Situation jedenfalls.

 

Meine Mutter war selbst sehr krank Anfang des Jahres, als es mir auch schon sehr schlecht ging. Trotzdem „durfte“ ich mich um sie kümmern, ihre Klinikaufenthalte organisieren, mit Ärzten sprechen…. Ich brach fast zusammen und musste meiner Mutter Mut zusprechen, sie aufbauen und Entscheidungen für sie treffen, weil sie dazu nicht mehr in der Lage war.

 

Zur gleichen Zeit schrieb ich mit Hilfe der Gewerkschaft eine Überlastungsanzeige, weil es in der Arbeit nicht mehr ging. Eigentlich wollte ich ja kündigen, kapitulieren, aber es lag ja nicht an mir, sondern wieder mal an der Führungsschwäche meiner Chefin. Und so hörte ich auf den Rat des Personalrats, auf die Missstände, die nicht nur mich schwer belasteten, hinzuweisen. Was bei meinem Arbeitgeber hohe Wellen geschlagen hat… So richtig zur Ruhe komme ich diesbezüglich lange noch nicht. Am Freitag muss ich zum Betriebsarzt. Aber mein Hausarzt ist echt toll und stärkt mir immer voll den Rücken und spricht mir Mut zu.

 

Dein Burnout ist ja nicht von heute auf morgen gekommen sondern hat sich über die Jahre hinweg aufgebaut, ebenso wie meines. Man ist ja selbst nun mal der Letzte, der gewillt ist, das einzusehen. Und dann ist da dieser täglich Wahnsinn: wie schaffe ich es, ein wenig Zeit für mich zu gewinnen, wie kann ich die Probleme am Arbeitsplatz lösen, wie soll ich meinen Freunden beibringen, dass ich keine Zeit für sie habe und in deinem Falle auch noch die kranke Mutter und eine Chefin, die scheinbar mit ihren Mitarbeitern nicht umzugehen wusste (weil vielleicht selber schon angezählt) und und und. Es gibt sehr viele Menschen, die einfach alles auf die Reihe bringen, ich gehörte nicht dazu, lautet dann mitunter das abschließende Fazit. Fakt ist, das sensible Menschen eher dazu neigen, zwischen den Mühlrädern der täglichen Belastung zerquetscht zu werden, rein metaphorisch gesprochen natürlich. Würde alles so laufen, wie wir es uns vorstellen oder vorgestellt haben, dann würde ich dir vermutlich jetzt nicht hier schreiben. Aber heute finde ich es schön, dass ich dir schreibe und es wertet mein Dasein wieder auf. Der Unterschied zu früher, zu meinem Leben vor dem Burnout, ist der, dass ich mein Leben nicht mehr zu sehr aufwerten will, das bringt nur Probleme. Dieses Streben nach Anerkennung, immer vor dem Chef der Beste, die Beste sein zu wollen, nichts als Stress und Selbstzerstörung. Dagegen ist meine derzeitige Ruhe der Garten Eden, auch wenn ich manchmal auf unserem Balkon sitze und es mir scheint, als hätte ich im Augenwinkel eine Schlange gesehen. Früher wäre ich aufgesprungen und hätte gefragt: „Hallo, was kann ich für dich tun“ Heute: „Zisch ab!“

 

Wenn ich meinen Partner nicht gehabt hätte, ich weiß nicht, wie ich das hätte schaffen sollen – und auch jetzt… Ich bin unendlich dankbar, ihn an meiner Seite zu haben.

 

Ich weiß sehr gut, was du meinst. Dazu ein kurzes Zitat aus einer Rezension, die ein Leser zu meinem Buch auf Amazon eingestellt hat: Es beschreibt eine wahre Geschichte, beschönigt nichts und ist nichtsdestotrotz eine Liebeserklärung an die Heimat des Autors und - was mir am allerbesten gefällt - eine wunderschöne Liebeserklärung an seine Frau und seine Töchter.

Als ich diese Rezension gelesen habe, und über mein Buch nachdachte, da ist es mir erst selber aufgefallen, wie ich meine Familie unterstrichen habe. Aber für mich war das ganz normal, dass ich einfach geschrieben habe, wie viel sie mir alle bedeuten und wie viel Kraft und Lebenswillen ich durch sie erhalten habe.

 

Du hast recht: Schreiben hilft wirklich, vor allem, wenn man mit (fast) niemanden darüber reden kann. Keiner, der nicht in dieser Lage gewesen ist, kann verstehen, wie sich das anfühlt. Und leider will es ja kaum jemand wissen.

 

Und das ist ja das schwierige, einem gesunden Menschen zu erklären wie krank man sich fühlt, da ja nichts sichtbar wird, bei einem Burnout. Die Stimmungsschwankungen, denen man unterliegt, diese Hoffnungslosigkeit die sich wie ein kalter Herbststurm über die Schultern breitet und diese Lethargie, diese bleierne Müdigkeit, wo jedweder Wille sich zu erheben und dagegen anzukämpfen bedeuten würde, tonnenschwere Lasten zu stemmen.

 

Abschließend möchte ich dir nochmals herzlich für deine lieben, tröstenden und Mut machende Zeilen danken. Warst du schon immer so „achtsam“ oder hat der (überwundene?) Burnout deine Wahrnehmungen geschärft und dein Mitgefühl vertieft? Vielleicht birgt jede Krise eine Chance, oder?

 

Abschließend danke ich dir für deine Zeilen und "Nein", ich war nicht immer achtsam, bin es zuweilen auch heute nicht immer. Wie ein Fluch lastet dieses Burnout noch immer über meinem Haupt, und mal berührt es mich mehr, dann wieder weniger. Meine Wahrnehmungen wurden insofern geschärft, dass ich mich mittlerweile selber sehr gut einzuschätzen vermag, was, ob und wie ich etwas schaffe. Ich bin dankbar, dass ich krankheitsbedingt dieser Tretmühle der Geschäftigkeit entronnen bin und meine Aufmerksamkeit nun jenen schenken kann, die in einer ähnlichen Situation ihr Leben verbringen – müssen. Auch wenn heutzutage niemand mehr belächelt wird, wen er mit Diagnose Burnout vom Dienst befreit wird und ihr oder ihm dadurch eine Auszeit vergönnt ist; die Zeichen der Zeit stehen auf Sturm – sowohl in der Natur als auch in der Arbeits- und Finanzwelt. Und jene, denen durch eine Krise die Chance beschert wurde über den Sinn des Lebens nachzudenken, fragen sich: Wann wird endlich reagiert? Wann lenken die Damen und Herren in den Gesundheitsgremien in Brüssel ihre Aufmerksamkeit auf dieses globale Problem, Burnout, das sich still und unheimlich ausbreitet, weil nicht sichtbar und nach wie vor tabuisiert. Mir ist es aus rhetorischen Gründen und meiner Angst vor Publikum aufzutreten nicht vergönnt, auf die Missstände in der Burnout-Prävention hinzuweisen, aber ich führe Gespräche, tausche mich über das Netz aus und werde dabei das Gefühl nicht los, dass dieses Burnout-Syndrom wieder stark im Ansteigen begriffen ist. Vielleicht schlittern wir in eine Krise aber vielleicht ist das auch die große Chance, dass irgendwo ein Umdenken stattfindet und die Gier nach Ruhm und Geld hinter das Wohl der Menschen gestellt wird.

 

Mit lieben Grüßen

M.

 

Ich wünsche dir Glaube – Hoffnung – Zuversicht und die Kraft der Natur, die du bei jedem Spaziergang tief in dir spüren wirst.

Fred