Bin mein eigener Narr

Dumm ist der, der dummes tut.


 

Ich lese gerade das Buch: BURNOUT – Wenn die Maske zerbricht, von Dr. Manfred Nelting und bin auf Seite 84 auf eine interessante Sichtweise gestoßen.

 

Ich zitiere: Das große Problem ist, dass die Wahrnehmung für sich selbst im fortgeschrittenen Burn-out massiv verstellt ist. Die inneren Überzeugungen sind übermächtig, aber nicht mehr Realitätskonform, es existiert gleichsam eine andere Realität.

 

Dem kann ich nur zustimmen, erging es mir doch selber so. Obwohl meine Frau mich auf meinen wankelmütigen, aggressiver werdenden Zustand hingewiesen hat, negierte ich ihre Wahrnehmung und wollte mich von ihr nicht belehren lassen. Natürlich merkt man es auch selber – irgendwie, aber wenn man seinen Empfindungen stattgeben und sich outen würde, würde ja die über Jahre hinweg mühsam errichtete „heile Welt“ einstürzen, und wer will das schon? So klammerte ich mich an den Strohhalm der Selbstheilung und dem launigen Satz: „Bis zum Heiraten wird alles wieder gut.“ Da ich schon verheiratet bin, legte ich den Satz auf die Silberhochzeit um und hoffte, bis zu jenem Ereignis wieder ich selbst zu sein. Es hat nicht funktioniert. Ich werde Gott sei Dank nie mehr so sein, wie ich einmal war.

 

So eine Burn-out ist wie ein offener Zahn. Je länger man wartet, je größer das Loch wird, desto stärker wird der Schmerz, bis man es schließlich nicht mehr aushält und zum Zahnarzt gehen muss, oder wie im Falle eines Burn-out zum Praktischen Arzt oder Psychologen. Hätte ich diesen Schritt beizeiten getan, wäre mein Leben wohl anders verlaufen. Doch wie schon gesagt: man will es sich selber nicht eingestehen und professionelle Hilfe anzunehmen wird bei manchen Menschen ja als Schwäche abgetan, was natürlich absoluter Schwachsinn ist. In dem Film „Forrest Gump“, der mich sehr berührt hat, sagt ein kleiner Junge zu einem Mädchen im Schulbus den Satz: „Dumm ist der, der dummes tut.“ Und dieser so weise Satz trifft auf jene Menschen zu, die ihre Wesensveränderung nicht sehen oder sehen wollen.

 

Ich zitiere nochmals Dr. Nelting: Diese Menschen sind wie der Kaiser oder König, der über allen anderen stand. Widerspruch war lebensgefährlich, und nur der Hofnarr durfte Dinge sagen, die anderen den Kopf gekostet hätten. Der Kaiser lachte sogar darüber, weil diese Dinge dem entsprachen, was er selbst ahnte. Tief im Herzen wusste der Kaiser, dass der Narr recht hatte, und er dem Rat des Narren bzw. seines eigenen Herzen folgen sollte.

 

Schlussendlich hatte ich viele Narren denen ich zuhörte. Das schwierige dabei ist: wer macht sich für einen anderen schon gerne zum Narren? Wer sitzt schon gerne einem kranken Menschen gegenüber, der ihm sein Leiden klagt? Und wie lange halten Familie, Freunde, Bekannte so einen weinerlichen, in sich gekehrten Kranken aus? Aus eigener Erfahrung kann ich sagen: Am Anfang, wenn man die Maske abnimmt und sich seiner Tränen nicht mehr erwehren kann, bekommt man jede Menge Zuspruch – denn man dann auch gerne annimmt. Über die Jahre hinweg wird es einfacher und der Schmerz ebbt ab, man wird Medikamentös ausgeglichener und die Sinuskurve der emotionellen Erregung länger. Es ist wie nach einem Sturm, wenn die See wieder ruhiger wird. Man trachtet danach, sich selbst (oder mit Hilfe von Psychologen) zu motivieren und neue Wege zu gehen.

 

Und warum liest der Stadlmann nach drei Jahren ein Buch über Burn-out, wo er doch selber eines geschrieben hat und alles zu diesem Thema wissen muss, wird sich mancher Leser fragen. Tja, ich würde mal sagen: man lernt nie aus und wenn ich meine Nase wieder mal nicht zur Türe hinausstecken will, dann stecke ich sie eben in ein Buch und suche nach den Ursachen für meinen Rückzug. Ich bin selbst noch in dieser wellenförmigen Sinuskurve gefangen, in der es langgezogene Up´s und Down´s gibt. Ich suche noch immer nach Stabilität und schreibe dabei meine Gedanken nieder, die mich bewegen und zum Teil auch erregen. Und wenn ich dann so vor meinem PC sitze, durch die offene Balkontüre die Vögel tschilpen höre, unser Bächlein rauschen höre und die Sonne ihre Strahlen verlockend zum Fenster hereinschickt, ja dann denke ich manchmal: „Alfred, du bist ja eh dein eigener Hofnarr, weil du sitzt hier und die fragenden und sagenden Buchstaben erscheinen auf deinem Monitor (ob grammatikalisch richtig oder nicht ist mir mittlerweile egal, muss nicht mehr perfekt sein) und sie sind wie ein Spiegel, den du dir vors Gesicht hältst.“

 

Und ich bin auch ein Narr, weil niemand da ist der Druck auf mich ausübt. Das schaff ich ganz alleine. Ich schreibe und denke, denke und schreibe und bin irgendwann völlig erschöpft und müde vom ewigen Tippen und lesen und dem Wunsch, mein Leben wieder in den Griff zu bekommen und noch etwas zu leisten. Man will es nicht hinnehmen oder ich zumindest, nur dazusitzen und zu warten – worauf eigentlich? Dabei jage ich mich durch Buchversuche, Artikelschreiben, Networking, Homepagepflege und verzweifle hin und wieder daran, warum es mir nicht gelingen will einen geregelten Tagesablauf aufzustellen. Das lustige ist, ich habe einen Plan für ein geregeltes Leben. Das weniger lustige daran ist, dass ich, wenn ich gedanklich in meinen Buchprojekten verschwinde oder in die Cyberwelten abtauche, die Zeit und meinen Plan aus den Augen verliere.

 

Oha ... bald halb Zwölf. Jetzt aber rasch, denn heute ist Montag und so wie manche Frauen montags eine Diät beginnen, habe ich mir geschworen: früher aufstehen und der PC läuft nur mehr bis Mittag. Nachmittag ist Wandertag oder Lesezeit oder Spielezeit mit meiner Frau. Nein ... Brettspiele nicht Bettspiele. Und sollte das Wetter einmal nicht zum Wandern taugen, kein Buch greifbar sein oder meine Frau zur Arbeit, tja dann ..., dann werde ich mir etwas einfallen lassen.

 

Das muss ich heute unbedingt meinem Narren mitteilen. Ich habe nämlich einen Termin bei meinem Psychologen. Der wird sicher hocherfreut sein, dass ich mich endlich zu einem Plan durchgerungen habe.

 

Und das sollten Sie auch tun. Dazu noch ein paar anregende Beispiele:

 

Schalten Sie manchmal ihr Handy aus. Die Welt geht nicht unter.

Nehmen Sie sich Zeit für sich und Wanderungen in der Natur.

Vergessen Sie dumme Sprüche wie: Wer A sagt muss auch B sagen.

Freuen Sie sich auf ein schönes Essen.

Planen Sie Dinge, die Sie schon lange nicht mehr gemacht haben.

Denken Sie konträr – nicht alles was schiefgeht ist meine Schuld.

Beobachten Sie ihre Umwelt intensiv, schärfen Sie den Blick für spaßiges.

Delegieren Sie mehr und sagen Sie NEIN, wenn Sie der Meinung sind.

Denken Sie im Ernstfall, professionelle Hilfe aufzusuchen.

 

Und das Allerwichtigste: Hören Sie auf Ihren Narren, wer auch immer das sein mag. Frau, Kinder, Freunde, Bekannte sehen Veränderungen, die Sie selber nicht wahrhaben wollen. Lieber bei einem Arzt nachfragen, als sein Leben wegwerfen. Im Internet gibt es zahlreiche Info-Plattformen mit Burnout-Tests, die Sie unverbindlich und kostenlos beraten. Siehe Burnout – Prävention auf meiner Homepage.

 

Ich wünsche Ihnen alles Gute und dass Sie hier rein aus Neugierde und nicht als Betroffener lesen.

 

Alfred Stadlmann – Hofnarr und Burn-out - Berichterstatter.

 

zu Dr. Manfred Neltings Homepage


Stadlmann Alfred Oktober 2011