Einfach ICH sein ...

... und doch von vielen geliebt und gelobt werden. Ich denke, das wünschen sich ganz viele Menschen jeden Tag. Das zu tun, was einem Spaß macht, das zu spielen, was man gerne spielt, die Füße hochlegen, wenn einem danach ist, sich in die Sonne setzen, wenn sie denn einmal scheinen sollte.

Und da gibt es Leute wie mich, die das ICH sein jeden Tag leben, doch in letzter Zeit, wo ich über fünf Jahre schon ICH sein darf, finde ich mich einfach nicht mehr damit zurecht. Am einfachsten lässt es sich vielleicht mit meinen Gedanken ausdrücken, die ich vor wenigen Wochen niedergeschrieben habe.

 

Positiv denken - Wen´s nur nicht so schwer wäre.

 

Kann man sich ins Burnout schreiben, obwohl man damit eigentlich vertraut sein sollte?

»Yes I can!«, oder wie ich in letzter Zeit wieder sage: »Is Scheiße, is aber so!«

 

Von jugendlichem Leichtsinn kann in meinem Fall ja nun wirklich nicht mehr die Rede sein. Von schleichender Demenz zu sprechen wäre eine Streicheleinheit für mein Ego, das die letzten Jahre, von verkauften Silben aufgeblasen, nun als fauliger Apfel unter dem ›Baum des unbändigen Wollens‹ vor sich hingammelt. Ich muss mich wohl oder übel damit abfinden: Bei mir ist der Apfel und nicht der ›Groschen‹ gefallen. Lustlos und müde bin ich, wie damals, als ich von Bücherschreiben noch keine Ahnung hatte – was in diesen Tagen ja immer noch der Fall zu sein scheint. Und deshalb trieft es täglich aus mir heraus, das Selbstmitleid. Es ist ein schleimiges ich-bin-so-allein-und-auf-mich-selbst-gestellt-Mitleid, und es stinkt zum Himmel. Nein, es füllt nur unser Wohnzimmer, während ich vor dem PC sitze und auf den blinkenden Cursor starre. Begleitet wird das Selbstmitleid von würgender Tatenlosigkeit, und von einem klebrigen Unverständnis einen strukturierten Lebenswandel zu führen, der mein Leben irgendwann auf ein stabiles Fundament stellen sollte.

 

Kreativität statt Hackelei! Worte statt Taten! Entgegen dem allgemeingültigen Satz: »Taten statt Worte!«, sitze ich tagtäglich vor meinem Monitor und tippe Konsonanten und Vokale in meine Tastatur (eben musste ich nachschauen, was Vokale eigentlich sind: A, E, I, O, U, - in der Schule gelernt ..., doch längst wieder vergessen). Trotz einer Checkliste für gute und verständliche Texte, die links neben dem Monitor in meinem hellbraunen Buchenholzschrank klebt, verwende ich beim Schreiben zumeist schmückende Adjektive, um der Scheiße, die sich mein Leben nennt, mehr sattes Braun zu verleihen.

 

Hilft nichts, meine Bemühungen gingen wieder mal in die Hose. Ich spüre das. Es ist nicht wie beim Schwimmen - wer es einmal gelernt hat, der verlernt es nie mehr, oder wie beim Tauchen. Wenn ich jetzt abtauchen würde, Handy aus, Computer aus, Fernsehen-, Radio- und Zeitschriften aus, Freundschaften aus, so wie damals, nach dem großen Knall im Jahr 2008 ...

 

Hm ..., jetzt sitze ich da, mein Kinn in die Hände, die Ellenbogen auf die herausgezogene Tastaturschublade gestützt, und denke an damals, diese schrecklich traurige Zeit. So schmerzvoll war das Weinen. Beinahe beginne ich zu Weinen, wie damals. Aber das will ich nicht, ich habe genug geweint, genug für zwei Leben. Jetzt ist Trotz, jetzt ist Zorn, jetzt ist Scheiß-drauf angesagt. Und Schuld an meiner Einstellung und an dieser Misere bin ich einzig und allein selber. Es ist mein Wollen, das wie ein Geschwür irgendwo in meinem Gehirn sitzt und mich täglich mit dem ›Es-wird-dir-schon-einmal-gelingen-Gedanken‹ füttert. Aber egal wie sehr ich mich auch bemühe, etwas Leserfreundliches zu schreiben: Einleitung – Hauptteil – Schluss –, ich komme meist über die Einleitung nicht hinaus. Ideen – Ja! Einleitende Worte – Ja! Konflikte – Nein!

 

In meinem Leben scheint es nur einen Konflikt zu geben, und den trage ich tief in meiner Seele. Ich kämpfe nur gegen mich selbst. Wie soll ich Protagonisten erfinden, wie sie in Konflikte verstricken, wie sie zu Lösungen führen, wenn ich mich selber nicht retten kann? Wie soll das funktionieren? Jede Nacht kämpfe ich in letzter Zeit wieder gegen mich, schreie mich leise unter der Decke an: Lass es doch sein, du Idiot. Sie bringt dir nichts, deine Schreiberei; du bringst dich nur in Schwierigkeiten mit deinem Stur-heil-Denken. Du bist kein Autor ..., jedenfalls keiner, der einen Roman schreiben kann. Der Roman, die Königsdisziplin der Wortschmiedekunst! Du wurdest nicht dafür geboren! Und bei diesem absurden Gedanken – wofür wird man schon geboren? – kommt ein weiterer Gedanke  auf Besuch, ein noch absurderer.

 

Vielleicht lebe ich ja gar nicht mehr? Vielleicht bin ich Teil eines Versuches. Eines was-wäre-wenn Versuches? Vielleicht spielt jemand mit meinem Leben, so wie in der Truman-Show. Und ich bin die schreiben wollende Ameise in einer fremden Welt, der man motivierende Gedanken gibt, um zu sehen, ob aus einer gewöhnlichen Arbeiterameise ein König der Silben werden kann. Funktioniert nicht, ihr da oben, hört ihr? Schon wieder so ein blöder Gedanke, bei Ameisen gibt es nur Königinnen und die werden von Arbeiterameisen begattet. Ein schöner Beruf eigentlich, doch nichts für mich. Bin zu müde für so schweißtreibende Begattungsakte.

 

Lieber würde ich auf einer Bühne im Scheinwerferlicht stehen und den Applaus für meine Bemühungen ernten. Für welche eigentlich? Dass ich ein Buch über Burnout geschrieben habe, oder ein Buch über Freundschaft, das mit seinem nichtssagenden Titel vor sich hin darbt? Im ersten Fall hatte ich meinen Applaus ja bekommen, nur fertig geworden bin ich damit leider nie. Aber wie auch, wer das Selbstvertrauen einer Ameise hat, hat auf der Bühne des Erfolgs nichts verloren. Außer in Begleitung seiner Kompanie, die damals leider nicht vorhanden war. Oder habe ich sie nur nicht wahrgenommen? Oft frage ich mich in diesen Tagen, was wäre passiert, wenn ich selbstbewusster aufgetreten wäre und Einladungen zu Lesungen und Vorträgen angenommen hätte. Wäre ich jetzt glücklicher, hätte ich jemanden gefunden der an mich glaubt, der mir dabei helfen könnte, meine Ideen in lesbare Bücher zu verwandeln? Würde es vielleicht sogar genügen, wenn ich selbst an mich glaube? Und warum glaube ich eigentlich nicht an mich?

 

Und als das Licht des Tages schwindet, erkenne ich: ich bin und bleibe eine einfache Ameise, die sich im beleuchteten Spiegel der Eitelkeit als Autor sieht. Wird diesem Spiegel das eitle Licht genommen, bleibt außer der nackten Wahrheit nichts übrig. Und es ist eine entwürdigende Wahrheit, eine Wahrheit die micht entmutig: ich bin schreibkreativ und disziplinär untauglich, gebe viel zu rasch auf, meine Wut über das Versagen verbrennt mich, und dass mein Buch eine gelungene Eintagsfliege war, und dass ich niemals Autor, sondern immer nur eine Ameise sein werde ist somit für mich in Stein gemeißelt.

 

Für mein Ego bedeutet das ›Minderwertig‹, es ist der Todesstoß für meine Schreibambitionen, und wohl auch für mich selbst. Aber darüber sollte ich besser nicht schreiben, das wäre zu negativ, und ich soll ja positiv denken!