Ich bin nicht Allein ...

einsam vielleicht, manchmal, aber alleine ...

Manchmal bin ich allein. Wenn ich dann vor meinem Bildschirm sitze und nur das leise Rauschen des PC-Lüfters höre oder das unrhythmische Knacken meiner Tastatur, dann komme ich manchmal auf die absurdesten Ideen. Deshalb stapeln sich auch schon 13 Buchideen auf meiner Festplatte. Die Zeit dazu habe ich, die Technik zur Umsetzung, respektive die Wortwahl, um Szenen für Leser zu malen, noch nicht. Als ich meiner Frau einmal eine meiner Ideen präsentierte, sagte sie doch glatt zu mir: „Jetzt glaube ich, hat es dir ein Federl ausgehängt“, was so viel bedeutet: Du bist verrückt geworden. Und nur weil ich über einen Arbeitslosen schreiben wollte, der in seiner Einsamkeit beginnt, mit Haushaltsgeräten zu kommunizieren, ehe er völlig den Verstand verliert und als vermisst gemeldet wird. Vielleicht hat sie ja befürchtet, ich würde mich zu sehr mit der Rolle dieses Arbeitslosen identifizieren. Ich bin ja auch, manchmal allein. Und das ich leicht zu beeinflussen bin / war, ist ihr natürlich bestens bekannt. Ich beklage mich nicht, dass ich manchmal allein bin und dass ich sehr viel Zeit in Welten verbringe, in denen mich meine Gedanken mal hierhin und mal dorthin führen. In diesen Welten kann es aufregend, wunderschön, erschreckend, brutal, einfühlsam, zärtlich, traurig, spannend und vieles mehr sein. Aber eines haben diese Welten gemeinsam: Ich bin dort allein, allein mit meinem imaginären Protagonisten, mit seinen Handlungen, mit seiner Liebe, seinem Leid. Dann sehne ich mich oft danach, mich in der realen Welt mit jemandem auszutauschen, meine Gedanken zu teilen, sie in jenen Farben leuchten zu lassen, in denen sie sich mir präsentiert haben. Doch sobald ich in die Realität zurückkehre, herrscht Stille. Meine Frau werkt in der Küche, lebt ihr Leben, ich das meine. Meine gedanklichen Höhenflüge, enden meist in nonverbaler Kommunikation und einem enger werdenden Korsett liebloser Taubheit. Aber was sollen wir uns auch erzählen. Meine Schreiberei interessiert sie nicht und somit ... hält sich mein Repertoire an Neuigkeiten in Grenzen, außer ich wechsle nach drei Wochen meinen Trainingsanzug und sage zu ihr: „Schatz, ich habe den Wäschekorb gefüllt.“ „Das machst du doch andauernd“, höre ich sie dann sagen. Ja das stimmt, ich wechsle täglich meine Unterhose, meine Socken und mein T-Shirt. Nur der „Eisenerzer“ wie der Trainingsanzug in unserer Region liebevoll genannt wird, hat eine längere Halbwertszeit.

 

Und damit ..., bin ich vermutlich nicht allein.

 

Mag sein, dass ich manchmal wie ein Eigenbrötler wirke, introvertiert und unkommunikativ bin, mit zum Teil weltfremden Ansichten, deren Umsetzung sich fernab jeder Wirklichkeit bewegt. Ich war nicht immer so. Die Jahre haben mich zu dem gemacht, der ich heute bin. Nachdenklich, besorgt, ungeduldig, in der Hoffnung lebend, ein kluger Kopf findet die Lösung für eine bessere Arbeitswelt. Eine Lösung, in der Arbeitnehmer an ihren Wirkungsstätten wieder Mensch sein dürfen. Die große schwarze Kelle rauszunehmen und hier einen Rundumschlag anzubringen wäre aber falsch, denn es gibt diese Firmen, in denen der Mensch noch Mensch ist. Leider werden sie immer weniger. In meinen nun drei Jahren zuhause, habe ich bei meinen Spaziergängen viele Gespräche mit Betroffenen führen dürfen. Es ist mir dabei auf schmerzvolle Weise bewusst geworden, wie viele Menschen von einem Burnout betroffen sind. Menschen, von denen ich es niemals geglaubt hätte. Es ist vermutlich leichter vor einem Menschen, von dem man weiß, dass er diese Krankheit hat und der sich dazu bekennt, die Maske unbändiger Stärke fallen zu lassen und sich zu offenbaren, als vor jemanden der in dem Glauben lebt, man wolle nicht mehr arbeiten. Ich hörte mir oft wehmütig, teilweise auch zornig an, wie vielen Menschen, ehemaligen Arbeitern und Angestellten, an ihrem Arbeitsplatz übel mitgespielt wird. Unterbesetzung durch Einsparungsmaßnahmen, Arbeit, die sich auftürmt, hitzeschwangeres oder zugiges Raumklima und enormer Umsatz- und Produktivitätsdruck Diese Gespräche haben mich oftmals sehr mitgenommen und waren ein Grund, mich wieder mehr in der Natur als in der geschäftigen Einkaufswelt zu bewegen. Natürlich hatte das den Nachteil, dass ich jeglichen Kontakt zur Außenwelt auf ein Minimum reduzierte und das Leben eines Eremiten führte. Zerrissen, verzweifelt und ratlos saß ich dann allein zu Hause und hämmerte Kurzgeschichten oder Gedichte in meine Tastatur. Schrieb an meinen Manuskripten weiter, die halbfertig auf meiner Festplatte lagerten, da ich meine Gedanken nicht fokussieren und den Riegel der Gleichgültigkeit gegenüber Problemen anderer nicht vorschieben konnte. Dazu bin ich zu emphatisch – Mensch eben. Gott sei Dank.

 

Und hoffentlich ..., bin ich damit nicht allein.

 

Ein guter Bekannter klagte mir eines Tages sein Leid. Er hatte sich im Rücken einen Nerv eingeklemmt und war nur sehr eingeschränkt beweglich. Er arbeitet in einem der größten österreichischen Unternehmen und hatte jahrelang bei Wind und Wetter die Leute, auch fernab der Zivilisation, mit Brief und Paket versorgt. Dienstbeflissen war ihm dabei kein Weg zu weit und kein Hund zu groß, um seine Arbeit nicht zur Zufriedenheit jener Menschen zu erledigen. Lob bekam er manches Mal, vom Empfänger einer Sendung, weniger von seinen Vorgesetzten. Hellhörig wurden diese erst, als er unbeweglich und mit starken Schmerzen zuhause liegend, dieser Aufgabe nicht mehr nachkommen konnte. Es reichte in seinem Fall jedoch nicht, ein Attest eines ortsansässigen Arztes in die Zentrale zu senden, er musste den beschwerlichen Weg nach Graz antreten, um dort seinen lädierten Stützapparat der Begutachtung eines firmeninternen Sachverständigen zu unterziehen, der ihn anstandslos wieder nach Hause schickte und gute Besserung wünschte. Und das nicht nur einmal.

Dies ist kein Einzelfall. Den Arbeitnehmern wird heutzutage jede Glaubwürdigkeit abgesprochen, und man stellt sie als Lügner und Simulanten an den Pranger. Ist es da verwunderlich, wenn der Mensch ausbrennt?

 

Und diese Frage ..., stelle ich mir nicht allein.

 

Wofür zum Teufel sind wir eigentlich auf dieser Welt, frage ich mich nach solchen Gesprächen und mein Blutdruck nimmt gefährliche Werte an. Der Krieg zwischen den Süd- und Nordstaaten ist doch längst Geschichte, die Sklaverei abgeschafft, denke ich. Es sind jedoch genau die Geschichten, bei denen ich mir nicht mehr als Sozialschmarotzer vorkomme, sondern als freier Mensch. Und es sind genau diese Situationen, vor denen ich Angst habe, wieder ins Berufsleben zurückzukehren. In diesen drei Jahren habe ich mir eine Meinung gebildet und würde nicht zögern, sie meinem Chef mitzuteilen, sollte es dazu kommen. In jungen Jahren spielte ich in einer Rockband – SLAVE – wörtlich übersetzt: Sklave. Ich war aber keiner. Wir waren schon damals der Überzeugung, jedwede Unterdrückung bekämpfen zu müssen. Mit den Jahren wurde ich zahnloser. Doch es wird der Tag kommen, an dem Menschen aufstehen, um ihr Recht nach menschwürdigen Öffnungszeiten, nach menschwürdigen Arbeitsplätzen und nach menschwürdigen Umgangsformen einzufordern. Es passt vielleicht nicht zum Thema, wird sich der geneigte Leser denken, eine Brandrede gegen Unterdrückung zu schreiben, wo ich doch nur ein wenig Licht in meinen Alltag bringen will. Aber genau darum geht es, das sind meine Gedanken, die mich nebst tausend anderen Gedanken Tag für Tag quälen. Und wenn ich sie niederschreibe bekomme ich anschließend besser Luft. Ich habe noch nicht die Kraft, aufzustehen und die geeigneten Schritte zu setzen, um in eine lösungsorientierte Richtung zu gehen. Vielleicht tragen ja diese Zeilen dazu bei. Ich hoffe nach wie vor, dass sich innerhalb der Europäischen Union, jemand, der etwas zu sagen hat ein Herz fasst und sich dieses Problems der Arbeitnehmer annimmt. So wäre auch das Burnout in den Griff zu bekommen. Wenn jemand gerne zur Arbeit geht, kann er, mit einem brennenden Feuerzeug in der Hand durch eine Lache Benzin schreiten. Er wird sein Feuerzeug festhalten und die Flamme anderwärtig nutzen.

 

Und mit dieser Meinung ..., bin ich nicht allein.

 

In diesen Tagen umgibt mich eine empathisch und gleichzeitig euphorische Stimmung. Ich verfolge die Berichte über die Rettungsaktion in Chile. 33 Männer, getrennt von ihren Familien, 700 Meter unter der Erde eingeschlossen. Bergarbeiter, die, als sie vor knapp 70 Tagen zur Arbeit gingen, nicht daran dachten, für so lange Zeit unter Tage zu verweilen. Eine Ahnung davon beschleicht wohl jeden Bergmann, wenn er in die Finsternis der Grube einfährt, aber die Hoffnung, nie in so eine Situation zu geraten, wiegt wohl stärker, als die Angst seine Familie nicht ernähren zu können. Und diese Angst beschleicht wohl viele Arbeitnehmer in diesen Tagen. Da werden Schmerzen, Probleme und Sorgen unterdrückt, um die oft magere Entlohnung, des sich immer geschäftiger drehenden Hamsterrads nicht aufs Spiel zu setzen. In einer beispiellosen Rettungsaktion wurden die 33 Bergleute aus der Tiefe befreit. Unter Einsatz von Know-How und Bohrgerät, welches sich auf dem aktuellsten Stand der Technik befand. Die ganze Welt verfolgte via TV die emotionalen Momente dieser, ja, ich sage es mal pathetisch: göttlichen Fügung des Schicksals zum guten Ende. Aber was ich damit ausdrücken möchte, ist, wenn Menschen an einem Strang ziehen und nach Lösungen suchen, wird vieles möglich. Vermutlich auch dieses Problem, arbeitenden Menschen wieder Freude zu bereiten, bei ihren täglich so wichtigen Tätigkeiten für die Gemeinschaft. Und wer weiß, vielleicht führt dieser Gedanke zu einer humanitären Welle der Hilfsbereitschaft und ist der Anfang dessen, was ich mir aufs Innigste wünsche: Eine Welt, in der die Starken den Schwachen unter die Arme greifen.


Und mit diesem Gedanken ..., bin ich nicht allein.

 

Meine Töchter, meine Frau, mein Bruder, meine Schwester, mein Schwager und viele Bekannte und Freunde sind noch berufstätig. Manche gerne, andere wiederum weniger gern, aber einige sind schon mit den Merkmalen, die ich in meinem ersten Buches Zeit der Tränen - Ausgebrannt beschreibe, infiziert und suchen nach Lösungen. Manch einer von ihnen ist schon an mich herangetreten und hat mich um Rat gebeten. Ich weiß dann nie so recht, was ich sagen soll. Nur, dass ich ihnen meinen Weg, respektive meine derzeitige Situation, liebend gerne ersparen würde, und dass man sich durch eine Veränderung manchmal auch verbessern kann. Dann binde ich gerne die neue Arbeitssituation meiner Frau ins Gespräch mit ein. Arbeiten muss auch sie, im Altenheim, keine Frage, aber, die Strukturen, die im Sozialbereich geschaffen wurden, führen zu mehr Sicherheit für die Arbeitnehmer und zu einem gewissen Wohlfühleffekt. Natürlich gibt es wie bei jeder anderen Arbeitsstelle manchmal auch Probleme, die es zu lösen gilt. Aber sie weiß zum Beispiel schon einen Monat im Voraus, wann sie frei hat und so können wir unsere Freizeitaktivitäten gemeinsam planen. Das ist ein enorm wichtiger Punkt und mindert auf gewisse Weise den Druck. Die familienunfreundlichen, langen Öffnungszeiten des Lebensmittelhandels und des Handels im Allgemeinen, aber auch die schlechte Bezahlung der Angestellten, lassen hingegen diesen Wohlfühleffekt erst gar nicht aufkommen. Ich weiß das, und ich bin nicht allein mit diesem Gedanken. Und deshalb frage ich mich: Warum wird nicht reagiert? Warum müssen arbeitende Menschen in die Verzweiflung, ja womöglich in ein Burnout getrieben werden, ehe man sich zusammensetzt und nach Lösungen sucht? Die Antworten darauf wissen wohl nur die Denker und Lenker in den Büros in Brüssel oder im Parlament in Wien, um in Österreich zu bleiben. Mein Intellekt ist zwar nicht so hochstehend, aber eines ist mir bewusst: Die koordinierenden Maßnahmen, dass es sich Arbeitgeber leisten können, mehr Personal einzustellen und damit für Entlastung in der angespannten Personalsituation zu sorgen und dabei auch wettbewerbsfähig zu bleiben, können nur ganz oben stattfinden, und obliegensomit den Regierungsspitzen Europas. Vielleicht liest ja einer der hohen Herren diesen Bericht und denkt so wie ich: dieses Problem sollte man lösen, zum Wohle der Arbeitnehmer und im weiteren Sinne zum Wohle der Wirtschaft und der Gemeinschaft.


Mit diesem Wunsch ..., bin ich sicher nicht – ALLEIN. 

 

Allein sein ist grausam ...