Könnte ich sein wie ich wollte, würde ich sein wie ich will.

Das Leben ist nicht einfacher geworden.


 

Könnte ich sein wie ich wollte, würde ich sein wie ich will.

 

Ein sinniger Spruch, wie ich finde, randvoll mit – ich will. Aber wer möchte das nicht? Nur wenigen Menschen scheint es vergönnt zu sein, so zu sein wie sie sein wollen. So sehen es zumeist jene, die neidvoll auf die Jacht, den Ferrari, das Haus oder das intakte Familienleben des Nachbarn schielen. Doch ist bei jenen die alles haben wirklich alles eitel Wonne, so wie es scheint? Sind jene die alles haben, glücklichere Menschen? Sind sie klüger, erfolgreicher, gesünder als andere Menschen? Oder halten sie auch nur eine Maske hoch?


Es scheint, wir leben in einer Scheinwelt. In einer Welt bestehend aus Vermutungen, Anmaßungen und Verdächtigungen, und es scheint für manche nur schwer verdaulich zu sein, nicht alles über den Nächsten zu wissen. Was hat der gemacht? Wie ist er zu dem gekommen? Warum kann der sich das alles leisten? Fragen über Fragen die zu nichts führen, außer: das man selbst unglücklich wird, wenn man versucht in der Welt eines Anderen leben zu wollen. Natürlich gibt es jene deren Beruf es ist, alles über einen anderen Menschen herauszufinden: Polizisten die einen Gauner jagen; die Staatsanwaltschaft, die ein Urteil fällen muss; der Rechnungshof, der Ungereimtheiten im Finanzhaushalt des Staates und Firmenmauscheleien aufzudecken hat. Da sind Profis am Werk und es ist ihr Job in das Leben anderer einzudringen um die Wahrheit ans Licht der Öffentlichkeit zu bringen. Aber wenn ich so im Kaffeehaus oder am Stammtisch sitze und da wird geraten und gerätselt, wie der zu dem und der zu dem gekommen ist, wer was mit wem hat, da stießt es mir sauer auf.


Vielleicht ja deshalb, weil auch über mich schon Halbwahrheiten und Lügen in Umlauf gebracht wurden, die an den Haaren herbeigezogen sind. Dass ich, auf Grund meines Burnouts und der damit einhergehend befristeten Pension, nun als „Sozialschmarotzer“ vom Steuergeld arbeitender Mitbürger lebe, schmerzt ... ist aber schon wieder so dämlich, dass ich darüber lachen muss. Weder jenem, der diese haltlose These in Umlauf gebracht hat, noch meinem ärgsten Feind (das bin im Übrigen ich selbst) möchte ich zumuten, in dieser unseligen Schwebeposition verharren zu müssen. Kein nach Vor, weil dadurch der Eindruck entsteht, „Der spielt das alles ja nur“, kein Zurück, weil ich unter Druck sofort zusammenbrechen würde, was absolut nicht gespielt ist, genauso wenig, wie ich mein derzeitiges Leben als Bühnenstück sehe.


Irgendwann einmal habe ich den Spruch gehört: Wie man´s macht, ist´s falsch und der zieht sich momentan durch mein Leben wie der sprichwörtlich rote Faden.


Freilich habe ich mit meinem Psychologen darüber gesprochen und den Rat erhalten: „Sie müssen das Gerede anderer Leute an sich abprallen lassen.“ Einmal wurde mir geraten: „Stellen Sie sich vor, an Ihrem verlängerten Rücken sitzt eine goldene Energiekugel, und die Kraft dieser Kugel saugen Sie durch das Rückenmark hoch, sodass in der Mitte Ihres Kopfes die Energiestrahlen austreten und wie ein Springbrunnen einen Schutzschild um Ihren Körper aufbauen.“


Beide haben es gutgemeint, beide wollten mir helfen, mein Leben wieder lebenswerter zu gestalten. Vielleicht bin ich zu einfach „gestrickt“, um das auf die Reihe zu kriegen. Mit Esoterik kann ich nicht wirklich was anfangen, obwohl ich weiß, dass in der Natur die heilenden Kräfte zu suchen sind. Und die suche ich dann auch, wenn ich wieder einmal enttäuscht und verletzt bin, nicht mehr weiter weiß oder mich Fragen heimsuchen: „Wozu machst du überhaupt irgendetwas. Ist doch eh immer der falsche Ansatz.“ Und dann denke ich manchmal: „Lass sie doch einfach reden, die anderen; die, die alles so genau wissen, die mich besser kennen, als ich mich selbst. Ist doch egal, ist doch sinnlos, wenn ich mich darüber aufrege, dann bin ich ja auch nicht besser als diese Besserwisser.“


In solchen Situationen setz ich mich auf meinem Balkon und betrachte die Bäume, die unbeeindruckt, mit stoischer Gelassenheit die vier Jahreszeiten und Wind und Wetter über sich ergehen lassen. In Reih und Glied stehen sie an dem kleinen Bach, der vor unserem Haus vorbeifließt, eine stumme Gemeinschaft Gleichgesinnter. Keinen von ihnen interessiert was ich mache, wenn ich in meinem Wohnzimmer vor meinem Computer sitze. Keiner fragt sich, wie ich mit meinem Leben zurechtkomme. Das sehen sie ohnehin, wenn ich wieder draußen sitze, müde zu ihnen aufsehe und wieder einmal nicht weiterweiß.


Mich haben schon oft Menschen angesprochen oder mir eine E-Mail geschickt, um mich zu fragen, wie´s mir geht. Und ich habe dann geantwortet: „Wenn ich sein darf wie ich bin, dann ist mein Leben ganz in Ordnung. Ich schreibe gerne, würde darum gerne in fremde Länder reisen, um meinen geistigen Horizont erweitern. Doch dafür fehlt mir das nötige Kleingeld und so streife ich eben in meiner Heimat durch die Wälder, durchforste das Internet, wenn ich Informationen suche und bin glücklich, dass ich den Sprung zurück in mein Leben geschafft habe. Anderen ist das nicht gelungen und sie haben sich das Leben genommen. Und daran muss ich manchmal denken, wenn ich auf meinem Balkon sitze und froh darüber bin, mit der Einfachheit meines Lebens klarzukommen. Das ist nicht immer einfach, aber für wen ist es das Leben schon einfach. Nicht für den mit der Jacht, den mit dem Ferrari, den mit dem Haus und auch nicht den, mit einem intakten Familienleben. Auch da gibt es immer ein Auf und ein Ab. Würden das jene Besserwisser so sehen und sich um ihr Leben kümmern, dann könnte ich ... sein wie ich will.


Mit Burnout gebrandmarkt September 2011