Kein schöner Land ...

... hasten, hetzen, eilen und die ewige Gier nach Erfolg und Geld.


 

„Kein schöner Land in dieser Zeit, als hier das unsre weit und breit, wo wir uns finden wohl unter Linden zur Abendzeit.“


Diese einleitende Liedzeile soll Ihre Aufmerksamkeit wecken und auf das lenken, was wir bei uns in der Steiermark gemeinhin als „Ennstal und Ausseerland“ oder schöne Heimat bezeichnen. Wir erleben in diesen Tagen einen jahreszeitlichen Umbruch; sehr stabil, sehr schön. Die Natur färbt sich gerade festlich, um sich von uns zu verabschieden und sich in Bälde zur Ruhe zu betten.


Und was machen wir, zumindest die meisten von uns: wir hasten und eilen, schuften und keilen, und jagen dem Geld hinterher. Und wozu das alles?

 

„Je mehr wir die Wirtschaft ankurbeln, desto besser wird es uns gehen“, lächelt ein junger Mann, der soeben sein neuestes Handy an der Kasse in Empfang nimmt.

 

Tja, wenn er meint? In Wahrheit sieht es so aus: wir strampeln uns ab, um unser sauer verdientes Geld anschließend für die unnötigsten Dinge auszugeben. Ich weiß wovon ich spreche, ich habe das selber so gemacht. Seit ich mit zwanzig meinen Führerschein machte, habe ich es in den folgenden dreißig Jahren, auf insgesamt 14 Autos gebracht. Von anfänglich Klein und Gebraucht bis schlussendlich Neu und Groß. Von Fotoapparaten (so hießen die Dinger früher), Computer und sonstigen Elektronik-Equipment ganz zu schweigen. Unsummen habe ich investiert, um immer State of Art unterwegs zu sein; wollte immer glänzen, im Kreis meiner Freunde. Die Wirtschaft hat es mir mit immer schneller werdender Rotation gedankt. Ich bin gar nicht mehr dazugekommen, die Funktionen meiner Kameras, Computer und teilweise auch Autos näher unter die Lupe zu nehmen, geschweige denn auszuprobieren. Immer kam etwas Neueres, Besseres, Schnelleres auf den Markt und meine Augen wurden groß und glänzten voll Vorfreude.

 

„Das muss ich einfach haben“, kam damals beinahe täglich über meine Lippen und meine Frau meinte dazu meist erstaunt: „Du und deine Umtauscherei. Ich bin nur froh, dass du mich nicht auch umtauschst.“ Zugegeben, manchmal bin ich auch clever. Dazu zählt, dass ich meine Frau nicht umgetauscht habe. Und auch, dass ich sie mit unseren beiden Kindern beschäftigte, deren Kindheit ich hauptsächlich von Foto und Videos her kenne. Ich durfte meine Kinder damals in Schwarz-Weiß aufwachsen sehen, durch den Sucher meiner Videokamera. Bei Tierparkbesuchen, auf unserer Hütte oder bei gemeinsamen Urlauben, immer hielt ich ihnen die Kamera vor die Nase - stolzer Papa spielend. Stolz bin ich auch heute noch, wenn sie uns besuchen kommen und ich sie dabei in Farbe begutachten kann. Ich habe bezaubernde Mädels und eine tolle Frau – alles in Farbe.

 

Aber diese Farbsicht habe ich mir erst wieder hart erkämpfen müssen, nachdem sich mein Sehvermögen in ein schleierhaftes Grau gewandelt hatte. Das Streben nach Geschwindigkeit, nach wirtschaftlichem Aufschwung, nach immer neueren, besseren Produkten und dem Wunsch, irgendwann einmal genug Geld zu haben, um unabhängig von all dem Druck zu sein, der durch diese tägliche Jagd entsteht … tja, der hat schließlich zum Supergau geführt und mich in ein schweres Burnout geschickt. In diesen Tagen, drei Jahre danach, sitze ich hier und tippe diese Zeilen. „A klanes Resümee“, wie es Wolfang Ambros singt. Und ich habe gelernt, oh, ich habe viel dazugelernt. Zum Beispiel, dass ich die Zeit nicht zurückdrehen kann, dass ich mehr Zeit mit meiner Familie hätte verbringen sollen, in Farbe wohlgemerkt, und das dieses hasten, eilen und gieren nach Erfolg und Geld, die Welt und somit auch das „Ennstal und Ausseerland“ in dumpfes Grau färbt. Und so gehe ich es jetzt ruhiger und gelassener an, damit mir das nicht noch einmal passiert. Ich will die Welt in Farbe sehen, will ihren Atem spüren, will dabei sein, wen die Bäumer ihrer Blätter abwerfen, wen sie sich ihr weißes Kleid überstreifen und sich zur Ruhe betten, und in tiefstem Winterschlaf vom Frühling träumen. Und wen sie dann erwachen, sich strecken und ihre Zweigen und Ästen wieder Leben einhauchen, ja dann …


Dann sitze ich auf meinem Balkon - meiner Gedankenterrasse oder streife durch die heimischen Wälder, über den „Marienwaldweg“ und beobachte wie sich alles wandelt und wieder erblüht. Und dann denke ich oft: Was habe ich falsch gemacht im Leben? Und die Antwort kommt wie von selbst: Vieles und Nichts!

 

VIELES, weil ich mehr Zeit mit meiner Familie hätte verbringen müssen, mehr Zeit mit mir selber hätte verbringen sollen, mich nicht immer so wichtig hätte nehmen dürfen.


Und NICHTS, weil dann in diesem Augenblick alles anders wäre und ich nicht oder nicht mehr, zu meiner tollen Familie gehören würde, und ich dann womöglich nicht mehr in dieser wunderschönen Gegend leben dürfte und ich nicht an Sie diese etwas Nachdenklichen Zeilen schreiben würde.


Schließen möchte ich meine Zeilen aber mit einer der letzten Zeilen, aus diesem einleitenden deutschen Liedgut, wo alles drinnen ist, wenn man gewillt ist zu glauben: „In seiner Güten uns zu behüten ist er bedacht.“


und was glauben Sie? Stadlmann Alfred - September 2011