"Sie müssen raus aus ihrer Opferrolle", sagte der Psychologe bei meinem Besuch in seiner Ordination.

 

Doch ich sperrte mich dagegen, saß in mich gekehrt auf dem Stuhl und betrachtete gelangweilt meine Schuhe. Erst als der Doktor erklärte, dass ich mein Leben "hinnehmen und wieder leben soll", wurde mir bewusst, wie es gemeint war.

 

Keine Angst mehr vor dem was kommt, sondern reagieren, wenn es denn sein muss. Keine Angst mehr vor blöden Sprüchen, vor Diskreditierungen, die meist hinter meinem Rücken aufgesagt werden, sondern die Ohren zu, bei solch dummen Menschen, die nicht den kleinsten Schimmer haben, was in einem Betroffenen vor sich geht.

 

Ich darf nicht mehr "buckeln", muss meinen gramgebeugten Rücken aufrichten und selbstbewusst sagen: "Okay, ich habe es nicht geschafft, wieder an meinen Arbeitsplatz zurückzukehren. Na und, bin deswegen kein schlechterer Mensch."

 

Viele würden dieser Tage gerne weg - weg von ihrem Arbeitsplatz, weg von sich selbst. Einfach mal eine Auszeit nehmen und zuhause abhängen, stressless sein und trotzdem ein Einkommen haben - so wie ich, der ich ja befristet in Pension bin. Doch die wenigsten haben eine Ahnung, wie das nach fünf Jahren ist, wenn zu viel Zeit und zu wenig Geld vorhanden ist. Wenn man seine Wünsche klein halten muss und nicht mehr spendabel sein kann, was ich gerne sein würde, zu meinen Kindern, wohlgemerkt. Die viele Zeit, die man mit nachdenken verbringt und sich in dunklen Farben das älter werden ausmalt, die steigenden Lebenshaltungskosten, bei gleichbleibendem Einkommen. Da kommen manchmal Existenzsorgen daher und dann ist es doch irgendwie normal, wenn ich denke: Du bist selber Schuld, hast Fehler gemacht und dein Leben weggeschmissen, du hast ja nicht mal versucht im Berufsleben wieder Fuß zu fassen. Warum auch, belehrt mich dann zumeist mein tristes ICH, es hat sich ja nichts geändert. Im Handel werden die Angestellten nach wie vor ausgebeutet und wenn die Menschen dann kaputt gehen und nichts mehr geht, setzt man sie einfach vor die Tür. Jeder ist ersetzbar!

 

Du warst schon mal Opfer, willst du es noch einmal werden?

 

Nein, aber ich muss raus, raus aus meiner Opferrolle. Muss mein Leben leben, das Beste daraus machen und nicht mehr darüber grübeln, warum ich es nicht mehr geschafft habe, warum ich mit Druck und Stress nicht mehr zurechtkomme. Früher ging das, aber früher war ich jünger ..., früher.

 

Aber manchmal meldet sich dann auch mein positives ICH und fragt:

 

Opferrolle, weswegen eigentlich?

 

Weil ich nicht mehr jedes Jahr in den Urlaub fahren kann? Ist doch auch in der Steiermark schön, wenn es schön ist.

 

Weil mich manche hinter vorgehaltener Hand als "Tachinierer" bezeichnen? Sollen sie doch, wenn es sie glücklich macht. Ich weiß ja, dass ich keiner bin.

 

Weil ich gerne noch etwas aus meinem Leben machen würde? Ich habe doch schon so vieles geschafft, von dem andere nur träumen können.

 

Weil ich so oft nach meinen Fehlern forsche, die ich abstellen möchte, um für andere gut genug zu sein? Es gibt keinen fehlerlosen Menschen und ich muss nur gut genug für mich selber sein - aus Schluss basta!

 

Opferrolle?

Nein, abgelegt, ab heute werde ich leben.

 

Und jetzt denke ich an die vielen Menschen, die nicht einmal ein Dach über dem Kopf haben, die nicht genügend zu essen haben, denen es an Kleidung und Wärme fehlt, die mit einer schweren Krankheit ans Bett gefesselt sind oder bald sterben werden. Und so denke ich: Du hast echt Schwein - Stadlmann. Nur ein Burnout gehabt, nur ein bisschen aus der Bahn geworfen worden, von deiner Familie aufgefangen und das Beste daraus gemacht. Hör auf zu jammern und lebe!

 

Aber manchmal vergesse ich das eben. Dann stehe ich auf, blicke aus dem Fenster und mir ist, als würde ich seit ewigen Zeiten aus diesem Fenster starren.

 

Und darum darf ich nicht vergessen, dass ich diese Zeilen geschrieben habe. Und dass ich sie jederzeit wieder lesen kann, sollte mich die Opferrolle mal wieder "überrollen".