Töte, was du nicht liebst

Ich habe getötet! Es tut mir nicht leid, ganz im Gegenteil, ich habe es sogar genossen. Und ich würde es jederzeit wieder tun, wenn mir der Typ nochmals in die Quere kommen sollte, ohne mit der Wimper zu zucken ... Doch das wird nicht passieren, ich war gründlich. Eigentlich schade, denn als ich ihn ins Nirwana schickte, erregte mich sein schmerzvoller Blick. Es fiel mir schwer, meine vor Zorn geröteten Augen von ihm abzuwenden, ich wollte sehen, wie dieses Schwein krepiert.

 

Ich brauchte dazu keine Waffe, keinen Revolver oder Messer, nein, ich habe ihm einfach die Luft zum Atmen genommen; wollte sehen, wie das so ist, wenn jemand qualvoll erstickt. Ich selbst kannte dieses Gefühl ja nur zu gut, über Jahre hinweg hatte es mich heimgesucht und er war nicht unbeteiligt gewesen daran. Lange habe ich auf den richtigen Zeitpunkt gewartet, habe ihn beobachtet, sein Verhalten studiert, seine Vorlieben, seine Schwächen, seinen Tagesablauf durchleuchtet. Letztendlich konnte ich in ihm Lesen, wie in einem offenen Buch. Es war so leicht ihn zu killen, einfach lächerlich.

 

Bestimme ich die Stärken des Feindes, während meine Gestalt nicht wahrnehmbar erscheint, so kann ich meine Stärke konzentrieren, während der Feind unvollständig ist. Der Höhepunkt militärischer Entfaltung findet sich im Formlosen: Weiset keine Form auf und sogar der sinnestiefste Spion suchet Euch vergebens und der Weise kann keine Pläne gegen Euch schmieden.


Sunzi, (um 500 v. Chr.), chinesischer General und Militärstratege, »Die Kunst des Krieges«

 

Ich muss vor diesem chinesischen General meinen Hut ziehen, es war genau die richtige Taktik. Ich habe mich unauffällig benommen, ja scheinbar gleichgültig, war ein Schatten geworden in seinem Leben. Er glaubte, mich zu dominieren, dabei hatte ich längst die Macht über ihn und seine lächerlichen Versuche mich zu drangsalieren, prallten wirkungslos an mir ab. Langsam wurde er schwächer und es war nur eine Frage der Zeit, bis ich ihm die Luft nehmen konnte. Geduld und eine zuvor nicht gekannte Zielstrebigkeit führten mich schlussendlich zum Erfolg.

 

„Tu es nicht, du brauchst mich doch“, winselte er im Angesicht des Todes.

 

Ich lachte nur und spuckte ihm mitten in seine herzlose Fratze.

 

„Dich brauchen? Dass ich nicht lache. Du hast mein Leben zerstört, hast es ohne Rücksicht ausgebeutet, bis ich zu einer lethargischen Hülle verkam. Sagt dir der Begriff Yin und Yang etwas? Wir hätten Freunde sein können. Geben und Nehmen hätte Geist und Körper in Einklang bringen und im Leben positionieren können. Aber du!, du hattest immer nur den Spaß und einen liederlichen Lebenswandel im Sinn. Und wohin hat das geführt?“

 

Da grinste er mich an, lag schon am Boden und grinste mich immer noch an. Schluss dachte ich und drückte zu. So lange, bis jede dieser verhassten Psychopharmaka aus der Packung in der WC-Muschel lag. Und dann drückte ich nochmals ..., die Taste am Spülkasten. Ein befreiender Strahl fegte seine Existenzgrundlage den Abfluss hinunter – ins Nirwana.

 

Meine geröteten Augen nahmen langsam wieder ein sanftes Blau an. So wie er gekommen war, war er verschwunden. Aus dem Nichts, ins Nichts. Doch ich bin gewarnt, werde auf der Hut sein, dass er sich nicht noch mal an mich heranschleicht, sollte er irgendwie durch die Kanalisation entkommen sein.

 

Die höchste Form der Kriegsführung ist die Zerstörung des Willens seines Feindes, um so allen Angriffen vorzubeugen.

 

Genauso werde ich es anlegen, mit positivem Denken!

 

 


Anmerkung:

 

Hin und wieder setze ich mich einfach hin und schreibe mir die Last des Lebens von der Seele. Einfach so, wie oben zu lesen. Es ist befreiend, lässt mich durchatmen und dennoch bin ich froh, nicht wirklich getötet zu haben oder es irgendwie zu müssen. Der wichtigste Satz, in dieser kurzen Geschichte, steht am Ende und wer ihn beherzigt, wird erst gar nicht in die beschriebene Situation kommen.

 

Tod und Vergeltung führen immer nur zu noch mehr Leid. Hingegen kann es sehr nützlich sein, gezielt seinen eigenen Willen zu brechen, zumindest den, der einen nicht weiterhilft im Leben.