Tag 3: 22. April 2011, Karfreitag 

 

Die See hatte Mitleid und ich habe die Nacht irgendwie überlebt. Sogar die Wellen ebbten im Laufe des Vormittags etwas ab. Die erste Nachtfahrt war geschafft und ein wackeliges Frühstück mit Kaffee, Brot, Honig, Wurst und Käse sorgte für Beruhigung an Bord. Franz verkündete am Vormittag: „Heute gibt es einen Karfreitagspinat mit gerösteten Kartoffeln und Spiegelei.“ Na schau ‘n wir mal, dachte ich und mein Blick wurde durch einen blauen Flecken am achterlichen Himmel erhellt. Der Wind pendelte an diesem Tag zwischen: E 3 (Ost 3), ESE 3, SE 3–4, SW 3–4 (Südwest), ehe er plötzlich auf West drehte und Achim freudestrahlend vom Navi-Tisch durch den Niedergang meldete: „West 3 jetzt geht’s los!“ Das war zur Mittagszeit und trotz Spinats (der herrlich geschmeckt hat) war die Stimmung plötzlich großartig. Mit atemberaubender Geschwindigkeit schob sich der blaue Flecken Himmel an die „Bellissima“ heran und wurde immer größer. Das knackende Geräusch, als ich meine Dose Heineken öffnete, klang wie der Startschuss zu einer Regatta.

 

Deshalb möchte ich an dieser Stelle die Crew einmal näher vorstellen: „267 Jahre Lebenserfahrung und tausende Seemeilen Segelroutine treffen auf eine Gib Sea 51 mit dem Namen ‚Bellissima‘, was soll da schon schiefgehen?

 

Skipper Andi, 47 Jahre jung, der in Anlehnung an die lustigen Segelbücher von Karl Vettermann von der Crew oft Barawitzka genannt wird, hat alles im Griff. Seit beinahe zwei Jahren sitzt er in seiner Kellerkajüte und plante diesen Törn. Computer, Segelbücher, Zirkel und Dreiecke zur Positionsbestimmung auf seinen nautischen Seekarten, alles liegt übersichtlich und geordnet an seinem Platz auf dem Schreibtisch. Andi ist die Ruhe und Übersicht in Personalunion. Er kennt bestimmt schon jede Seemeile auswendig, die wir schippern werden.

 

Franz, unser Cookie, Hauben-Koch und im März 50 Jahre geworden, so wie ich, ein Mann wie ein Baum, ach, was sag ich, wie ein Bär Sein herzhaft bellendes Lachen wird auch noch bei Windstärke 7 über das Meer hallen und die Winde zum Weinen bringen. Mit Franz will ich 100 Jahre auf See feiern. Eine feuchtfröhliche Geburtstagsparty bei den Liparischen Inseln schwebt uns vor. Skipper Andi hat uns in Aussicht gestellt, vorausgesetzt die Winde sind günstig und es tauchen keine Probleme auf, dass wir dieses Fest am Stromboli feiern und der feuerspeiende Vulkan die Wunderkerze auf unserer Geburtstagstorte sein wird.

 

Und sollte einmal etwas nicht nach Plan laufen, haben wir in unserer sechsköpfigen Crew neben Skipper Andi noch drei Elektriker, die für die richtigen Verbindungen sorgen, damit wir wieder unter Strom steh´n.

 

Allen voran Mike, von mir insgeheim Benjamin getauft, da er mit seinen 37 Jahren unser jüngstes Crewmitglied ist. Trotz seiner Jugend fungiert er zusammen mit Achim als stellvertretender Skipper. Mike bringt schon einige Seemeilen an Segelerfahrung mit. Wie ein Vielflieger will er auf diesem Törn Seemeilen sammeln, die er für den nächsthöheren Segelschein braucht. Seine Größe und sein geringes Gewicht sollten wir noch zu schätzen lernen und auch seine Bastler-Fähigkeiten. Wichtig war ihm auf diesem Törn braun zu werden.

 

Achim, ein blondgelocktes, gertenschlankes 39-jähriges Springginkerl, der das Amt des Beikochs, Fotografen, Navigators und weiß der Geier,was noch alles übernommen hat, steht Mike in nichts nach. Hyperaktiv, furchtlos, ohne Höhenangst und immer am Sprung.

 

Das komplette Gegenteil ist Günter, unser 43-jähriger Schladminger, der von allen meist nur „Grüger“ gerufen wird, er ist neben unserem Skipper der ruhende Pol an Bord. Sein freundliches Wesen und sein gutmütiger Hundeblick wird uns etwas Vertrautes, Heimatliches in aufgewühlter See geben, nehme ich an. Außerdem hat er sein Garmin-Hand-GPS mit, um unsere Wegstrecke und die dabei gefahrenen „Höhenmeter“ zu dokumentieren. Somit ist er Achims „Bei-Navigator“.

 

Und ich? Was mach ich eigentlich an Bord? Bord-Poet? Bord-Kasperl? nein, ich habe da so gewisse Vorstellungen. Ich will ein neuer Fred werden. Ein Fred, der seinen 50 Jahren weitere 17 Tage Erfahrung gönnt, der sich diskret im Hintergrund hält und die eingeschworene Crew werken lässt. Ja, so werde ich es anlegen oder, um es mit „Ernest Hemingways“ Worten auszudrücken: „Der alte Fred und das Meer“, man könnte es auch „Senioren-Vip-Reise für Schriftsteller“ nennen oder als „Five and a half Men“ titulieren. Wichtig sind: Entspannen, Erfahrungen sammeln, Lesen und Körper und Seele zu stabilisieren und miteinander in Einklang bringen, je nach Wetterlage.

 

Zusammenfassend lässt sich also sagen: Unsere Crew ist hervorragend aufgestellt. Zwei Skipper, ein „Hauben-Koch“ mit „Bei-Koch“, der auch als Navigator fungiert, ein „Bei-Navigator“ und ein Fred. Und ein Schiff, auf dem jeder seine eigene Kajüte mit Nasszelle hat, fast jeder. Mike hat etwas später für diesen Törn gebucht und teilt sich daher die Kabine mit Achim. Dürfte aber kein Problem sein, die beiden sind eh „schmal wie Abziehbilder“, soll heißen, Bauch nicht vorhanden.

 

„Delfine!“ Mein Ruf bringt Bewegung an Deck und lässt Achims Spinat kalt werden. Barfuß hastet er nach vorne zum Bug und feuert aus seiner Nikon D80 ein Erinnerungsstakkato ab. Mike, Franz und Grüger stehen am Vorschiff verteilt und bewundern eine Gruppe von etwa 15 Delfinen, die mit der „Bellissima“ spielen wollen. Andi und ich essen unseren Spinat, denn eines ist gewiss: die einstündige Schönwetterphase ist in Kürze vorbei. Delfine haben uns all die Jahre, die wir zur See fuhren, Regen gebracht. Dreißig Minuten später sitzen wir wieder im Ölzeug!