11 Tag: 30. April 2011

 

„Ist ja super, dann fahren wir.“ Das launige Lachen von Franz war das Erste, was ich an diesem Tag hörte, als ich meine Augen aufschlug. Dann das Starten eines Diesels und ein sich entfernendes Motorengeräusch. ??? Ich wusste, dass wir im Hafenbecken von Reggio lagen und dass schon in der Nacht zahlreiche Fahrzeuge über unseren Köpfen zu den Anlegestellen der Fähren gefahren sind. An die „Attenzione-Attenzione“-Meldungen des Fahrdienstleiters hatte ich mich auch gewöhnt und an die quietschenden Bremsgeräusche einfahrender Züge. Der Bahnhof lag ein paar Meter hinter der Straße, die durch das Hafengelände führte. Aber das Lachen von Franz, Türen zuschlagen und Dieselgeräusch? Ich krabbelte an Deck, um nachzusehen, was da los war.

„Franz und Mike sind mit einem Taxler einkaufen gefahren“, teilte mir Andi mit und rasiert sich weiter. Ich jubilierte innerlich und wendete mich anschließend auch der Körperpflege zu. Nach dem Frühstück kam Skipper Andi vom Hafenmeister zurück. Ohne Einklarierungspapiere, dafür mit sorgenvoller Miene.

„Sturmwarnung, wir verlegen in die Marina und bleiben bis morgen.“ Unsere Blicke richten sich in den bewölkten Himmel über dem Hafenbecken. Stimmt, der Wind hatte merkbar zugenommen. Jeder auf seinen Posten. Die Marina lag nur einen Steinwurf entfernt und war gut gefüllt. Wir ergattern einen Platz an vorderster Front, zwischen einem Fischerboot und einer Oceanis 40 von Beneteau mit amerikanischer Flagge, als plötzlich der Wind extrem zulegt und wir alle Hände voll zu tun haben, unsere „Bellissima“ vom Ami-Boot fernzuhalten. Sie war scheinbar scharf auf das junge Ding. Weil, du musst eines wissen, manchmal werden ältere Damen ganz scharf auf was Junges.

 

Laut Windmesser, der seid Palermo wieder einwandfrei anzeigte, hatten wir Windspitzen bis 45 Knoten, und das ist kein Seemannsgarn. Der Regen war zu vernachlässigen, auch wenn er waagerecht daherkam, und nur von kurzer Dauer. Ein Selbstversuch auf der Kaimauer, ich stellte mich wie ein Skispringer in den Wind, brachten mir Haltungsnoten zwischen 16,5 und 19, weil Telemarkaufsprung verhauen und so. Den nachmittäglichen Landgang spritzte ich, weil Palermo noch nicht aus meinem Kopf und ich die Jungs mit einer Säuberungsaktion überraschen wollte. Was Reinigung und Abwasch anbelangt, hatte ich ja noch Aufholbedarf. So packte ich den Schlauch aus und spritzte, rubbelte und bürstete das Deck, was das Zeug hielt. Nebenan auf dem Ami-Boot (es waren drei Generationen Italiener, die das neue Boot überstellten: der Vater, dessen Sohn und wiederum dessen Sohn) beäugte ein etwa 80-jähriger, weißhaariger Italiener meine beherzte Putzaktion. Er dachte wohl: Warum müht der sich so ab mit so einem desolaten Kahn. Weil ich unsere „Bellissima“ mittlerweile in mein Herz geschlossen hatte. Ja, sie hatte ihre Macken, aber die habe ich ja auch, dachte ich. Ihre Macken waren auf Lieblosigkeit im Umgang und Desinteresse bei der Pflege zurückzuführen. Meine Macken …, ach, was soll ich dich quälen. Nur so viel, ich war wieder einmal besonders schlau und hatte meine verordnete Dosis Psychopharmaka, die ich im Zuge der Heilung meines Burnouts verordnet bekommen habe, auf Null reduziert. Ich dachte: Andere Umgebung, spannende Tage, lustige Kameraden, da brauche ich diese Dinger nicht und vielleicht brauche ich sie dann zu Hause ja auch nicht mehr. Pustekuchen! Jedenfalls fiel mir während meiner Putzerei ein, dass das mit ein Grund sein könnte für meine Panikattacken und dass ich in den stürmischen Nächten in den ersten Tagen Stimmen in meiner Kajüte gehört habe. Weil, eins muss ich dir sagen, Tablettenreduktion im Selbstversuch, das kann ins Auge gehen, da ist ein Bauchfleck vom Zehn-Meter- Turm ein Klacks dagegen. Nach einer Stunde waren das Heck, Cockpit und ich sauber. Der Wind schien der Meinung gewesen zu sein, der stinkt, und hatte das Wasser aus dem Schlauch gleichmäßig über mich verteilt. Der wusste ja nicht, dass ich abends noch duschen gehe. Der Abwasch war rasch erledigt und das Teakholz der Cockpitbank vom Wind getrocknet. Jetzt stand einer gemütlichen Lesung nichts mehr im Weg. Ich hatte ja so einen Antworttext für alle, die mir während meiner Reise ein E-Mail schicken, kreiert: Ich bin bis zum 10.05.2011 auf Lesereise und daher nicht erreichbar. LG Alfred Stadlmann. Ich tauchte in den Kühlschrank, der hat immer funktioniert und war gut dimensioniert, schnappte mir ein Bierchen, einen Roman von Elisabeth George und die Welt war so wie sie sein sollte – wunderschön.

 

„Hey Freunde, wir haben ein neues Boot bekommen“, bekundete Franz lachend seine Freude über die blitzblanke „Bellissima“ und machte mir damit eine große Freude. Es ist schön, wenn es jemanden auffällt, dass sich was verändert hat und wenn man dafür Lob erntet. Weil Lob Balsam für die Seele und so … Nachdem wir alle geduscht hatten (Fünf-Stern-Dusche gegen Palermo) verbrachten wir einen lustigen Abend unter Deck. Eine Geschichte der fünf müden Wanderburschen, die sie mir über ihren Spaziergang erzählten, hielt ich allerdings für Seemannsgarn, doch auf Achims Foto ist sie deutlich zu erkennen: die Rolltreppe, die in einer steilen Gasse von Reggio di Calabria müde Seefahrerbeine nach oben transportiert.