Tag 8b: 27. April 2011

 

Nachdem sich die Hektik auf der „Bellissima“ auf ein Minimum reduziert hatte – Marco und Tonio waren weg und wir saßen am späten Nachmittag bei einem Bierchen an Deck – fassten wir den Plan, Palermo zu erkunden. Im Laufe des Tages hatte sich unser Boot in einen Wäscheplatz verwandelt, den die Bewohner des noblen Hilton über uns sicher bewunderten. Jeder freie Zentimeter war mit Socken, Unterhosen, Leibchen, kurzen Hosen, Ölzeug, Stiefeln, Handtüchern, Geschirrtüchern, Schlafsäcken, schimmeligen Kopfpolstern, den Sitzpolstern aus dem Salon sowie den feuchten Matratzen unserer Kajüten vollgepflastert. Die Reling und die Wanten waren ein buntes Sammelsurium feuchter Kleidungsstücke und legten Zeugnis ab über die Dichtheit der „Bellissima“. Das schäbige weiße Deck hat sich so in ein wunderbar blaues Matratzenmeer verwandelt.

 

Wir beschlossen in den Abendstunden, nachdem wir vorzüglich gespeist hatten, den Segelflicker Marco in seiner Firma North-Sail zu besuchen und ihm ein wenig über die Schulter zu sehen. Sein Domizil befindet sich in der VIA PAPA SEGIO I, 72, hatte er Andi mitgeteilt, und wäre nur etwa zwei Kilometer vom Hafen entfernt. Ein wenig die Beine vertreten und wieder festen Boden unter die Füße bekommen hat ja was für sich, und so warfen wir uns in Schale. Beinkleider und Schuhe waren frei wählbar, als Oberbekleidung war unser Team-Hemd Pflichtbekleidung. Ein dunkelblaues, kurzärmeliges Hemd von ausgezeichneter Qualität mit unserem Logo für diese Reise: „all4one Team“, das ich mich fast nicht mehr anzuziehen getraute wegen meiner Abreisegedanken. Aber Schwamm drüber. Zur Sicherheit hatte sich unser Skipper noch etwas einfallen lassen. Auf der linken Ärmelseite prangten das Österreichwappen und darunter die genauen Heimatkoordinaten jedes Hemdträgers in Längen- und Breitengrad. So war es in jedem Land ohne Verständigungsschwierigkeiten möglich, ein etwaig verirrtes Crewmitglied an seine Heimatadresse zu senden, sollte dieser Matrose nicht ansprechbar sein, weil seine Zunge in zu viel Wein, Schnaps oder Bier verknotet war. Diesbezüglich machten wir uns aber keine Sorgen und meine Sorge, wie das auf dem Meeresgrund wohl abläuft mit dem nach Hause schicken, behielt ich lieber für mich. Wir stapften also frohgemut und die hässlichen Häuser bestaunend die Via Papa Segio entlang und suchten Nummer 72. Was wir fanden waren stinkende Berge von Müll, die sich beidseitig des schmalen Gehweges auftürmten. Neapel ist noch schlimmer, sagte Achim und ich konnte und wollte mir das nicht vorstellen. Streunende Katzen und Hunde wühlten in vergammelten Essensresten, während die herumstehenden Sizilianer uns mit ihren Blicken fixierten. Ein mulmiges Gefühl drückte meinen Magen.


„Wie heißt die Mafia in Sizilien nochmal?“, fragte ich Grüger, der neben mir ging leise. Ein kurzes Schulterzucken war die Antwort.

„Das gibt´s ja nicht, schau dir das an. Die verkaufen da Gemüse und sitzen dabei neben einem Misthaufen.“

„Andere Länder, andere Sitten“, kam es kurz und prägnant vom Schladminger.

Die Häuser waren von abbruchreif bis zugewachsen und standen beidseitig der Straße aufgereiht als stumme Zeugen der Armut oder Desinteresse an Wohnqualität. Ein paar Häuser mit mehreren Stockwerken passten so überhaupt nicht in diese Straße. Ihr Aussehen war moderat, die Farbe blätterte nicht von den Wänden und die Balkone waren mit Blumen, Bäumen und Palmen bepflanzt. Manche davon so dicht, das die Bewohner eine Machete gebraucht hätten, um zu sehen, wie das Wetter draußen ist.


„Da, Via Papa 72“, rief Mike und ich blieb wie angewurzelt zwei Meter hinter dem Blauhemdenpulk am Asphalt kleben. Schweiß auf der Stirn, ein Grummeln im Darm und die Beine überkreuzt. Verdammt, nicht jetzt und vor allem nicht hier, flehte ich den Gott der Erleichterung an. Doch er hatte kein Erbarmen. Grüger drehte sich zu mir um und fragte: „Was ist?“ Ich presste eine einfach verständliche Antwort hervor: „Scheiße!“ „Echt?“ „Jahaaa!“ Während sich vier Mann des „all4one Team“ mit flottem Schritt entfernten, stand Grüger mir bei und blickte wie ich suchend auf die andere Straßenseite.

„Im Normallfall wäre es ja nicht so tragisch, wenn du dich einfach an die Mauer hier lehnst, da schaut´s eh so grauslich aus.“ Er schmunzelte, ich fand das nicht witzig und humpelte über die Straße in ein Geschäft, wo eine grauhaarige alte Sizilianerin den Aufpasser markierte.

„Please, I need a Toilet … Immediately“, und der Schweiß tropfte. Sie winkte heftig mit ihren fettigen Armen und ihre kleinen stechenden Augen sagten mir: „Verschwinde“. Nächstes Geschäft. Eine Konditorei mit Bar und dem Schild „Toilet“. Ganz egal, was die da sagen, es muss sein. Der Besitzer wies mir den Weg und rief mir hinterher: „Oh, no Paper in the Toilet“. Er sah mich hinter der Tür verschwinden. Meine Mutter hat immer gesagt: „Bub, schau immer, dass du Taschentücher dabei hast, wenn du unterwegs bist!“ Danke Mama, ich habe deinen Rat befolgt. Die Brausen in der Marina waren ja schon eklig, Grünspan, rostige Leitungen, Schaben und andere Kleintierchen, aber dieses WC übertraf alles bisher Gesehene, mal abgesehen von der fehlenden Klobrille. Egal, mir war das so egal, wie jemandem, der bei Windstärke 12 als einziger sein Handtuch ausbreitet und sich freut, dass der Strand nicht so überlaufen ist. Beim Verlassen des Örtchens dankte ich dem Besitzer mit den Worten: „Thanks, you saved my Life and my Clothes“ und gab ihm zwei Euro. Grüger, der draußen gewartet hatte, fragte in seiner unnachahmlich stoischen Art: „Und?“ Ich atmete erleichtert aus und sagte: „Danke, dass du bei mir geblieben bist“, worauf er meinte: „Ich glaub, ich geh auch g´schwind. Sicher ist sicher.“ Jetzt konnte ich schmunzeln. Auf dem Rückweg zur Marina trafen wir auf das „Fluchtteam“ und besorgten noch einige Kleinigkeiten in einem Supermarkt, der recht sauber war. Ein paar Meter vor der Marina suchten wir ein kleines „Tschecherl“ auf, wo Franz, der auch unser Kassier war, begeistert war von 0,66-Liter-Flaschen Becks-Bier und das zu einem Preis von 2,70 Euro. Ich begutachtete zum Vergleich noch das WC und stellte fest: keine Klobrille, dafür aber sauberer. Meine „g´schissene Geschichte“ sorgte für allgemeine Heiterkeit am Tisch und ich beschloss, mir so richtig die Kante zu geben, weil heil überstanden und so. Aber erst an Bord, wo ich jederzeit meine kleine, schnucklige, gepflegte Nasszelle mit Toilette aufsuchen konnte, sollte es dringend werden.

 

Spätabends waren Grüger und ich an Deck gegangen, um noch eine Zigarette zu rauchen. Im Salon diskutierte Achim, teils heftig gestikulierend, mit Mike, Franz und Andi über die Schäden an Bord. Die Gedanken in heimatlichen Gefilden schweifend, saßen wir beide, schwankend der Hure Alkohol ergeben, am Heck und dachten: „Was wird der morgige Tag wohl bringen: Auslaufen oder Heimfliegen?“