Tag 9: 28. April 2011

 

Der Tag wurde geprägt von: Ratlosigkeit, Wut und Abbruchgedanken, Hektik, Hoffnung, Entspannung, einigen Marinarundgängen und Wäsche waschen. Gegessen haben wir, dank der Kochkünste von Franz und der feinen Klinge von Achim, wie immer hervorragend; war mit ein Grund, dass wir weiterfahren wollten.

 

Um 8.00 tauchte Tonio am Bug auf und Andi, Achim, Mike und Franz blickten mit sorgenvoller Miene auf den kleinen, drahtigen Sizilianer hinab. Du weißt ja, wir haben das Boot gedreht und die vier standen am Bug und Tonio am Steg. Achim kam als Erster mit grantigem Gesicht ins Cockpit zurück.

„In ganz Palermo gibt es kein 12-mm-Stahlseil. Er könnte nach Messina fahren, sagt er, und sich dort umschauen, würde aber noch einen Tag länger dauern …“, fauchte er zornig „… und wer bezahlt das alles, abgesehen davon, dass wir nicht mehr segeln können und unsere Ziele, die wir uns vorgenommen haben, nicht mehr erreichen? Die können sich was einfallen lassen bei der Charterfirma, ein Gratistörn muss da mindestens drinnen sein.“ Ich schluckte, dachte dann aber an einen Urlaubstörn, wo wir immer viel Spaß und keine Probleme hatten.

„Am besten wäre, wir lassen die ‚Gurke‘ einfach hier liegen und fliegen heim. Die Liegegebühren in der Marina: 2x 96.- Euro, der Mehraufwand an Diesel, denn wir ja sicher haben werden, jetzt, wo wir ein Motorboot mit Notsegel sind … wenn die nichts unternehmen, dann …“

„Beruhig dich, Achim“, meinte Andi ruhig, als er ins Cockpit stieg „Tonio hat ein 10-mm-Stahlseil und ich habe mit der Charterfirma telefoniert. Die meinen, das müsste gehen und wir werden heute Abend auslaufen.“

„Na ja, schau mer mal“, grinste ich und erntete einen missbilligenden Blick vom Skipper.

 

Der Vormittag war hektisch, das Boot teilweise mit neun Mann belegt, weil Marco und der dunkel bebrillte Sizilianer Tonio beim Vermessen der benötigten Länge für das Vorstagseil halfen. Wie oft Tonio an diesem Tag im Mast hing, weiß ich nicht, ich drehte meine Runden in der Marina, um mir die anderen, die schönen, intakten Boote anzusehen, und da waren einige Segelyachten darunter, wo ich sofort getauscht hätte. Als die drei mit den Worten: „See you in the evening“ verschwanden, keimte Hoffnung in uns auf und das knackende Geräusch von Bierdosen hallte durch die Marina. Mike und Achim gingen spazieren, um sich die andere Seite von Palermo anzusehen, die wesentlich schöner war als dort, wo wir gestern waren. Andi und Franz hielten Siesta und Grüger und ich füllten die Wassertanks, was gut eine Stunde in Anspruch nahm, da ich den Wasserhahn nur wenig aufdrehen durfte, damit sich der Schlauch nicht vom Adapter löste. Wir hatten ja Zeit. Ich stand also am Steg und Grüger hielt den Schlauch der Reihe nach in einen der vier Tanks, die insgesamt eintausend Liter Wasser fassten. Doch beim Abwasch, Kochen, Mike und Franz duschen gerne, da geht schon einiges auf. Plötzlich wuselte Tonio hinter mir vorbei und sauste zu drei Booten, die neben uns lagen und für die kommende Saison geputzt und mit Segel bestückt wurden. Dort stand wieder so ein Weißhemd mit dunkler Brille und drückte Tonio eine Taucherbrille in die Hand. Die Kommunikation klang hektisch, obwohl ich keine Hektik beim Arbeiten erkennen konnte. Wie der geölte Blitz entledigte sich Tonio seiner Kleider und stand zwei Boote steuerbord, soll heißen rechts von mir, in Unterhosen am Steg. Er hat eine gewisse Ähnlichkeit mit Mike und Achim, dachte ich, wobei Achim wesentlich größer ist. Doch die drei haben eine Gemeinsamkeit: ihnen fehlte ein Muskel, den wir den Gösser-Muskel nennen und den Franz, Andi, Grüger und ich in unterschiedlicher Form und Größe unser Eigen nennen.

Grüger stand nun auch interessiert am Bug und meinte: „Der wird doch nicht …“ Platsch und Tonio war im Wasser. Zehn Minuten später stand er klappernd neben mir. Ich bot ihm an, ein Handtuch zu holen, was er aber dankend ablehnte, da die Basis eines bringen würde. Seelenruhig stand Grüger am Bug und sah sich den Zitteraal von oben an. Mit stoischer Ruhe wollte er nun die Wassertemperatur erfahren und stellte die Frage: „Are you a Woman … now?“

Tonio blickte hoch und sah Grügers Daumen und Zeigefinger nur Millimeter auseinanderstehen. Er lachte herzlich und zitternd und ein schnarrende „Yes“ sorgte für die Erkenntnis, dass 14 Grad auch für einen durchtrainierten Körper nicht das Gelbe vom Ei sind.

 

Unsere beiden Sizilianer leisteten großartige Arbeit. Marcos fachgerecht genähtes Großsegel war bereits im Mast eingerollt und Tonio hatte ein 10-mm-Stahlseil mit zwei Spannschlössern beschlagen und sicherte so den Mast nach vorne am Bugbeschlag ab. Laut Auskunft unserer Charterfirma sollte das bis Split halten, schau´n wir mal. Um 8.00 Uhr abends hieß der Befehl von Andi: „Leinen los, es geht weiter.“ Langsam glitt die „Bellissima“ der Hafenmauer entgegen. Vor uns lag die nächste Etappe nach Regio di Calabria, wo wir unsere Einklarierungspapiere erhalten würden. Das Wetter war sonnig und der Wind schlief tief und fest. Wir hatten ihn überrascht. Genauso überrascht war Andi, als er kurz nach der Hafenmauer Fahrt aufnehmen wollte. Er drückte den Gashebel nach vorne und … AUS! Nur mehr das Plätschern der Wellen gegen den Rumpf war zu hören und … ein lautstarker Fluch: „Verdammt, jetzt reicht´s dann!“ Begleitet von nicht jugendfreiem Wortlaut stürzte der Skipper den Niedergang hinunter zu den Dieseltanks und wäre beinahe Franz ins Gesicht gestiegen, der neugierig den Niedergang heraufblickte, was denn nun schon wieder los sei. Eben war Andis Hintern im Bauch des Bootes verschwunden, da kniete er auch schon wieder neben mir vor dem Ruder.

„Pass auf und bleib da!“, hatte er mir bei seinem emotionalen Abgang noch mitgeteilt, nicht in Zimmerlautstärke, musst du wissen. Jetzt drehte er den Startschlüssel und mir kam vor, dass Schweißperlen auf seiner Stirn standen. Doch genau wie ich hatte Andi Glück und der Motor sprang rechtzeitig und laut hustend an, ehe wir auf die Kaimauer prallten, was ja nicht hätte passieren können. Achim stand breitbeinig am Ankerkasten und hielt die Fernbedienung in seiner Hand. Vielleicht hätte der Anker ja Notfalls gehalten, vielleicht.

 

Zwei schwimmende Hotels, das sind diese riesigen Kreuzfahrtschiffe auf denen eine Seereise kein Abenteuer, sondern eine Völlerei und Herumliegerei ist, ließen wir noch passieren, ehe Andi den Gashebel drückte und mit 2300 Umdrehungen auf vier Knoten beschleunigte.


„Bacardi Cola, und zwar Doppelte“, rief er den Niedergang hinunter, dann setzte sich unser Skipper hinter das Steuer und nahm Kurs auf die Straße von Messina, immer die Küste Siziliens entlang, weil, man weiß ja nie und so … Ich war neugierig, was uns als nächstes erwischen würde: ein technischer Defekt oder eine Klatsche von Neptun. Es kommt wie es kommt, dachte ich und diese Erkenntnis hatte sich in zwei erholsamen Tagen (abgesehen von der Kackattacke in der Via Papa Segio) in mir gefestigt. Und …, dass man auch ein bisschen Glück braucht!