Tag 14: 3. Mai 2011

 

Kurz vor 1.00 Uhr morgens wurde ich in meiner Koje herumgeschmissen wie meine Unterhosen in der heimatlichen Waschmaschine mit siebenhundert Schleudertouren. Ich knallte gegen die Steuerbordwand und kannte mich nicht recht aus. Nachdem ich den Lichtschalter ertastete, waren auch meine Ohren wach und das subjektive Sturmgefühl täuschte mich nicht. Wind S 7 bis 8 lautete der Logbucheintrag, und ein kurzer Blick an Deck suggerierte mir: Das kommt mir irgendwie bekannt vor. Stutzig machte mich nur, dass wir gestern keine Delfine sahen, aber ob du es glaubst oder nicht, der Wal vertrat sie würdig. Ist ja auch schwerer so ein Finnwal, wahrscheinlich mehr Gewicht, mehr Sturm. Ich hakte die Sonnenaufgangswache gedanklich ab und sicherte mich mit Gabi in der Koje. Du weißt ja, so nannte ich mein Polster, das ich mir bei schwerem Seegang immer vor die Brust legte. Um 4.00 Uhr Dienstantritt und der Sturm hatte sich verzogen. Zurück ließ er eine hohe Welle, eine Regenwand und einen Luftdruck, der von 1003 Millibar ins Bodenlose stürzte. Gut eingemummt im Ölzeug steuerten Andi und ich im Morgengrauen auf Brindisi zu, um dort zu tanken. Einige Meilen vor der Hafeneinfahrt lag ein Tanker gut beleuchtet vor Anker. Es blitzte und donnerte und eine Regenwand, die mit dem schweren Regen, raste vom Land auf uns zu. Ein Blitz, ein Knall und Achims Kopf tauchte im Niedergang auf: „Volltreffer, gerade ist hier unten alles finster geworden.“

„Und, funktioniert der Plotter noch?“ fragte Skipper Andi und wartete wie ich gespannt auf seine Antwort.

„Jetzt wieder“, vermeldete Achim mit breitestem Grinsen.

„Na siehst du“, meinte Andi sarkastisch zu mir, „geht nicht, gibt´s nicht“, und dann brüllten wir ein Lachen in die graue Regenwand, weil ein normales hätte Achim nicht gehört, so wie der Regen jetzt auf das Boot trommelte. Plötzlich war der Tanker verschwunden. Unser Lachen auch.

„Wo ist der hin?“, polterte Andi und stand wie ich in alle Richtungen spähend unter dem Bimini-Top.

„Da“, fuchtelte ich zeigend: „Da vorne liegt er“, Erleichterung Hilfsausdruck.

 

Wir drehten ab und wollten abwarten, dass sich diese Regenfront verzieht. Mittlerweile war das Cockpit mit vermummten Gestalten gut gefüllt. Also, zweiter Versuch. Der Hafen von Brindisi wird von vielen Kreuzfahrtschiffen, Tankern und Frachtern angelaufen, deshalb auch Verkehrstrennungsgebiet, das wir jetzt nur am Plotter erkennen konnten, Sicht wiederum Null. Der dritte Versuch brachte das erwünschte Ergebnis, und du wirst es nicht glauben, der Regen aus und die Sonne schaut hinter der Wolkenwand hervor, Freudestrahlen nichts dagegen. Wir motorten durch den äußeren Hafenring an den Industrieanlagen und der riesigen Kaimauer vorbei und bewunderten das Castello Alfonsino mit seinen alten Verteidigungsanlagen.

 

Die Erbauung der Burg, die als Vorposten zur Verteidigung der Stadt Brindisi und ihres Hafens entstanden war, wurde im Februar 1481 von Ferdinand I. begonnen. Sie wurde aus Gründen einer größeren Sicherheit vollkommen isoliert, mit einer Öffnung eines Kanals im Osten. Im Jahr 1492, mit der Errichtung des großen Saals im ersten Stockwerk und den Gängen mit den Tonnengewölben im Untergeschoss, kann man die Burg als fertiggestellt betrachten. Die Verwendung von rötlichem, auf der Insel herausgebrochenem Carparo-Stein brachte der Festung den Beinamen Rote Burg ein. Im Jahr 1558 begannen die Arbeiten zur Errichtung der Befestigungsanlage für die Verteidigung des Teils der Insel, der noch wehrlos geblieben war, um nach dem von den venezianischen Schiffen verübten Angriff im Jahre 1528 neuen feindlichen Einfälle entgegen zu wirken. Im Jahr 1577 verbanden zwei mächtige Bollwerke die Festung mit der ursprünglichen Burg. So wurde der alte Verteidigungskanal geschlossen und das jetzige Hafenbecken entstand. In unmittelbarer Nähe zur Burg befindet sich die Marina mit ihrer Tankstelle.

 

Ein kurzer Tankstopp, ehe wir zur letzten großen Etappe nach Dubrovnik aufbrachen. Bei der Hafenausfahrt kam uns ein kleinerer Kreuzfahrer entgegen, und da wir ihn nicht provozieren wollten, ließen wir ihm die Vorfahrt. Die Sonne blieb und trocknete rasch unser nasses Ölzeug. Ich hatte die Ruderwache übernommen und „surfte“ Richtung Dubrovnik. Die Welle war hoch und lang und unser überdimensionales Surfboard „Bellissima“ machte mit dem Großsegel gute vier Knoten Fahrt. Mein Übermut erreichte seinen Höhepunkt, als eine Welle kurz vor der Steuerbordseite gurgelnd und mit weißem Schaum brach.

„Hey, das ist ja beinahe wie in Hawaii“, rief ich Franz, Mike und Achim zu. Alle drei hatten plötzlich ein werbemäßig verdächtiges Zahnpastalächeln im Gesicht. Und ob du es glaubst oder nicht, die haben was gesehen, dass ich nicht sehen konnte. In meinem Rücken rollte eine Welle heran, die wie eine riesige Hand der „Bellissima“ einen Klaps auf ihren Hintern gab. Mit dem Effekt, dass es mir die Beine nur so weggerissen hat und ich am Steuerrad querab hing wie ein sturmgeplagter Windsack auf der Semmering-Autobahnbrücke. Hätte nicht Toni, unser Autopilot, gesteuert, unsere „Bellissima“ wäre mit Mann und Maus gesunken, so wie ich das Ruder herumgerissen habe im Fallen. Toni hat diese Wellenattacke souverän ausmanövriert und ich ging anschließend Zähne putzen. Mike übernahm das Steuer und musste kurz danach einem Tanker ausweichen. Also Autopilot aus und … volle Deckung. Als ich von meiner Zahnreinigung zurück an Deck kam, sah ich drei lachende feuchte Crewmitglieder, denen eine Welle zu einem Vollbad verholfen hatte. Jetzt zeigte ich mein Zahnpastalächeln. Der restliche Tag verlief ruhig und wir würden morgen früh um 10.00 Uhr in Dubrovnik sein, laut Skipper. Eine weitere Meldung von Andi sorgte für Freude an Bord.

„Jungs, heute machen wir die letzte Nachtfahrt mit Wachdienst.“ Hast du schon einmal gesehen wie die Studenten in den Fernsehfilmen ihre Mützen in die Luft schmeißen, wenn das Schuljahr zu Ende ist. So ein Jubel war jetzt an Bord. Wir warfen aber keine Mützen, sondern tranken ein „Hell-Bier“, das Franz und Mike in Reggio gekauft hatten. Den eigenartigen Geschmack dieses „Hell-Bier“ spülten wir anschließend mit einem Gin Tonic hinunter. Meine letzte Wache würde also von 10.00 bis 1.00 Uhr sein. Ich war erleichtert und ging nach diesem langen Tag früh in meine Koje. Es sollten die dunkelsten drei Stunden dieser Reise werden.



Surfen in der Adria