Tag 7: „Dienstag“, 26. April 2011

 

Endlich „Vögel´n“! Das hört sich zwar erotisch an, hat aber mit unserem Sexleben auf diesem Törn nichts gemeinsam. Na ja, die werden schon vögeln, aber wir nicht, und schon gar nicht mit ihnen. Es sollte jedenfalls der lustigste Tag werden an Deck der „Bellissima“, seit wir in Palma abgelegt haben.

 

Ich steckte meinen Kopf an diesem Morgen durch den Niedergang, um meinen Wachdienst anzutreten. 4.00 bis 7.00 Uhr – Fahrt in den nassgrauen Morgen. Es sollte mein letzter Tag an Bord werden, weil Schnauze voll und so. Meine Kameraden wussten das noch nicht. Ich hatte beschlossen, es ihnen kurzfristig in Palermo zu sagen, wegen Abschiedstränen ersparen und so. Ordentlich adjustiert: Ölzeug, Rettungsweste mit Life-Line, Handschuhen, Südwester und Stirnlampe betrat ich also das Cockpit und sah … eine Leiche. Mike saß gezeichnet von einer weiteren anstrengende Nacht am Ruder und rauchte. Ich überlegte, ob ich es ihm gleich sagen soll oder ob ich mir zuerst eine anzünden sollte. Wir waren drei Raucher an Bord: Mike, Grüger und ich. Dank Mike, er hatte kurz vor diesem Törn bei der letzten Segelbesprechungen wieder zu rauchen begonnen, hatten wir eine Patt-Situation an Bord: drei Raucher, drei Nichtraucher. So entfiel das verbale Herumhacken auf uns Rauchern, Prediger nichts dagegen. Jetzt stand ich an Deck und klärte Skipper Mike über den Leichenfund auf. Die Vogelleiche lag direkt vor seinem Steuerrad auf der Cockpitbank.

„Oh, da ist wohl nichts mehr zu machen“, schürzte Mike die Lippen und blickte auf den toten Vogel, „da hat sich der Franz wohl unabsichtlich draufgesetzt. Der Vogel ist uns in der Nacht zugeflogen und hat sich bei ihm auf der Bank niedergelassen.“ Franz hatte die Wache vor mir von 1.00 bis 4.00 Uhr.

„Mit Verlaub, Skipper, wenn sich der Franz draufgesetzt hätte, wäre der Vogel platt wie ein Abziehbild und seine Körpersäfte wären gut sichtbar im Cockpit verteilt. Vermute, der Piepmatz ist an Entkräftung gestorben.“

„Ah, an dir ist ein Kriminaler verlorengegangen. Also … Seebestattung!“

„Ay, Skipper, Seebestattung. Willst du vorher noch ein paar Worte sprechen“, sagte ich mit stoischer Miene und blickte auf den leblosen, spatzengroßen Körper in meiner Hand.

„Futter für die Fische … Lebwohl“, sagte Mike und ich warf den Vogel ins Meer.

Der Regen und die tiefhängende Wolkendecke passten gut zu diesem Akt der Verabschiedung. Das Meer hatte sich beruhigt und die Wellen kräuselten weiße Schleier um den Vogelkadaver, der langsam in den Fluten versank.

Der Wind, NE 2 bis 3, war gleichmäßig, die Welle lang und nicht mehr so bedrohlich. Nach und nach erwachte die Crew und Franz und Achim verbrachten, nachdem sie ein kräftiges Frühstück – Kaffee und Ham and Eggs – zubereitet hatten, den Vormittag wieder in der Küche unter Deck. Ich glaube, sie haben dort die Mehrzahl der Seemeilen verbracht, die wir gefahren sind. Dementsprechend delikat waren auch die Menüs, die sie Tag für Tag kochten. Ich überwachte „Toni“, unseren Autopiloten und hielt Ausschau nach etwaigem Müll, der im Meer treibt und sich in unserer Schiffsschraube verfangen könnte. Das hätte uns noch gefehlt: antriebslos und manövrierunfähig. Außerdem hatte ich ja einige Ruderstunden gutzumachen und ich wollte mich ehrenhaft von Bord und Besatzung verabschieden.

 

Am Nachmittag dann ein geselliges Beisammensein an Deck. Franz und Grüger saßen auf der Backbordseite, Andi auf der Steuerbordseite und ich am Ruder. Mike gönnte sich eine Mütze voll Schlaf und Achim war mit seinem Laptop, dem Plotter und seiner Polar-GPS-Uhr beschäftigt. Hin und wieder erschien sein Kopf im Niedergang, um das eine oder andere Foto zu machen oder um uns ein „Doserl Heineken“ heraufzugeben. Wir hatten ja auf Grund der Ereignisse der letzten Tage einen Überschuss Bier an Bord, ja was glaubst du. Mag sein, es lag am Bier, dem einen oder anderen Schluck „Ballantine“ oder einfach an der Tatsache, dass Neptun sich beruhigt hatte und die See sanft dahinplätscherte, jedenfalls spielte ich mit dem Gedanken, an Bord zu bleiben und den Rest unseres Törns auszusitzen. Nach dem Mittagessen, das wie immer vorzüglich, wenn auch schwankend war, bekamen wir Besuch von einer sizilianischen Bachstelze. Wie beim Essen hielten wir es auch mit der Tierwelt so, ortsgebundene Namen zu vergeben. Der kleine Vogel setzte sich auf die Reling und versuchte krampfhaft Halt zu finden, um nicht vom Wind davongeblasen zu werden. Franz, sichtlich zermürbt ob des Todesfalles am Morgen, versuchte den Vogel zu locken und ihn unter die Sprayhood zu dirigieren. Es gelang. Der kleine Scheißer setzte sich auf die silbrig blankpolierte Großsegel-Winsch und entspannte sich rutschend. Er bekundete mit einer Spur weißen Vogelkots seine Dankbarkeit.

„Macht nichts“, lachte Franz „ist eh außer Betrieb.“ Dann wischte er die Spur weg und der Vogel wurde mutiger. Er flatterte durch den Niedergang in den Salon und setzte sich auf das Gewürzboard. Dann flog er wieder herauf, drehte eine Runde um das Boot und landete zielsicher wieder unter der Sprayhood. Die Stimmung wurde ausgelassen und wir kamen uns vor wie Robinson Crusoe, als er seinen Gefährten Freitag fand. Wir wollten den Vogel aber nicht Dienstag nennen, sondern einigten uns auf Hansi, das hätte Herrn Hinterseer sicher gefreut, dass jemand so lieb auf ihn schaut. Leider war das ein Fehler.

 

Denn plötzlich tauchten aus den tiefhängend grauen Wolken zwei weitere Gefiederte auf. Wir in der Annahme, das sind Mama und Papa, winkten sie an Bord, wobei nur Mama mutig genug war, unsere Einladung anzunehmen. Sie flog mit ihrem Filius den Niedergang hinunter und setzte sich mit ihm auf das Gewürzboard. Dort steckten sie die Köpfe zusammen und atmeten erleichtert, weil vermutlich Wiedersehensfreude. Franz blickte selig nach unten und meinte, „hoffentlich scheißen die nicht in der Küche herum, da wird der Achim nämlich rabiat.“ Zwei Sekunden später …

„Vaschwind´s ihr blöden Vögel, scheißen da alles nieder, verdammt!“ Begleitet wurde der Ausbruch von heftigen Flügelschlägen und einer wild umhergeschwungen Zeitung. Franz zog den Kopf aus dem Niedergang, um den Vögeln den Fluchtweg freizugeben. Erschöpft setzte sich der Kleine auf den Zeigefinger von Andi. Das erste Mal, dass ich ihn auf dieser Reise richtig strahlen sah. Er war ein guter Ersatz für die urlaubende Sonne und erhellte das Cockpit unter dem feuchten Biminitop. Mike war ob des Wirbels wachgeworden und telefonierte nun an die Winsch gelehnt mit seiner Frau in der Heimat. Die Verbindung war gut, Sizilien nicht mehr fern und die beiden Vögel wurden immer dreister. Sie setzten sich auf Mikes linke Schulter. Er bemerkte das vorerst nicht und nur durch unser herzhaftes Lachen wurde er stutzig. Als er über seine Schulter blickte, erschrak er sichtlich und schüttelte sich wie ein nasser Hund. Als säße der Klabautermann auf seiner Schulter, weiteten sich seine strahlend blauen Augen, was die Szene nur noch komischer machte und unser Lachen heftiger werden ließ. Den ganzen Frust der letzten Tage lachten wir in die Regenwand vor Sizilien und mein Gedanke von Bord zu gehen versank in den Untiefen des Thyrennischen Meeres. Aus zwei mach vier. Plötzlich hatten wir vier fliegende Gäste und Achim verbarrikadierte den Niedergang mit einem Müllsack. Es war kurz nach 16.00 Uhr, am Horizont war Sizilien nun schon gut auszumachen und ich war hundemüde. Den ganzen Tag am Ruder, ein oder zwei Bierchen, eine Flugshow aus nächster Nähe, Lachen bis der Notarzt kommt, all das forderte nun seinen Tribut und ich wollte ja um Mitternacht dabei sein, wenn wir in Palermo anlegen. Also kroch ich, den Müllsack vorsichtig zur Seite schiebend, den Niedergang hinunter, und nachdem ich mich von Rettungsweste und Ölzeug befreit hatte, krabbelte ich erstmals mit einem Lächeln auf den Lippen in meinen Schlafsack.

„Jetzt reicht´s! So geht das nimmer. Pass auf. Ich glaub´ ich spinn … und das herzhaft bellende Lachen von Franz begleitete mich in einen tiefen, traumlosen Schlaf.

 

Nachdem ich um 22.00 Uhr an Deck erschien, erzählte mir Grüger, dass 15 oder gar 20 sizilianische Bachstelzen das Boot entern wollten. Die Crew hat aber aufopfernd gekämpft und konnte den Feind vertreiben. Es ist wie mit den Frauen, hat noch einer aus der Crew gemeint, gibst du ihnen den kleinen Finger, wollen sie gleich den ganzen Mann. Das gleißende Licht vom Flughafen Palermo und das Lichtermeer an der Küste animierten mich nochmals, darüber nachzudenken, ob ich weiterfahren oder nach Hause fliegen sollte. Das Meer war spiegelglatt und die Lichter spiegelten sich funkelnd im küstennahen Gewässer. Die Skyline von Palermo kam immer näher und als eine Küstenstraße mich an frühere, schöne Urlaubstörns erinnerte, warf ich meine Zigarette über Bord und den Gedanken über eine vorzeitige Heimreise hinterher. Die Marina Villa Iglea erreichten wir um 1.00 Uhr morgens. Das Log zeigte 652,44 Seemeilen, als wir die „Bellissima“ am Steg vertäut hatten.

 

An diesem Morgen sollten wir jedoch alle mit dem Gedanken konfrontiert werden – Fliegen oder Bleiben!