Tag 13: 2. Mai 2011

 

Mike und Franz hatten die letzte Wache von 4.00 Uhr bis Open End. Das machten sie freiwillig, da sie fasziniert in einen wunderbaren Sonnenaufgang blickten. Kurzeitig wurde der dunkle, orangegelbe Horizont von einer weißen, dürren Gestalt erhellt. Achim war aufgewacht, ja manchmal hat sogar er ein Auge zugetan, und verfolgte nun ebenso interessiert dieses Naturschauspiel. Es wurde ein wunderschöner Tag und das Meer war flach wie ein Spiegel, in dem sich die Sonne ausgiebig betrachtete. Zeit zum Relaxen, die Wäsche zu trocknen und die Hausarbeit zu erledigen. Andi machte es sich an der Spüle gemütlich und reinigte das Frühstücksgeschirr mit einem zufriedenen Lächeln. Grüger gönnte sich noch eine Mütze voll Schlaf nach einem ausgiebigen Frühstück. Er schlief gern und viel und an diesem schönen Tag sogar ohne seinen Sicherheitsgurt. Mike unterstütze Franz in der Küche, der wie jeden Vormittag eines seiner delikaten Gerichte zubereitete. Es gab: Makkaroni alla Carbonare mit grünem Salat. Nach den Vorbereitungen war für ihn sonnenbaden angesagt, vorausgesetzt, wir hatten keine Delfine gesehen. Achim lüftete die Wäsche am Baum und ich setzte mich an den Mast gelehnt und vertiefte mich in einen Krimi von Elisabeth George, wo es schon zehn Verdächtige gab und ich immer noch zweihundertfünfzig Seiten zu lesen hatte. Ein Koch war nicht unter den Verdächtigen.

 

Andi saß mittlerweile am Steuer und hielt Ausschau nach Müll. Wir waren vor einigen Tag durch ein mediterranes Müllfeld mit erstaunlichen Ausmaßen gefahren. Plastiksäcke, Treibholz, Plastikkübel, Farbdosen, Tampons, ein Kamm, Pet-Flaschen, ja sogar ein Plastikstuhl schaukelten da gemächlich am Boot vorbei, und wir mussten höllisch aufpassen, dass wir nicht irgendetwas davon in die Schraube bekommen. Einem Freund war das einmal bei Sibenik passiert und er musste daraufhin ein Anlegemanöver unter Segel fahren, was er auch bravourös gemeistert hat. An diesem Tag war es jedoch ruhig an der Müllfront, bis plötzlich Andi sein Fernglas nahm und meldete: „Schaut mal da drüben“, er streckte seine Hand zeigend nach Backbord: „Da ist was Größeres!“ Es war um die Mittagszeit und wir waren alle an Deck verteilt. Dann stieg auch schon eine Wasserfontäne auf und Achim rief: „Wal! Das gibt´s ja nicht, das ist ein Wal!“ Er wechselte rasch das Objektiv, denn der Wal begann schon abzutauchen. Etwa zweihundert Meter vom Boot entfernt blies ein etwa fünfzehn Meter langer Finnwal Luft in den Himmel. Er zeigte noch einmal seinen mächtigen Rücken, ehe er seine Fluke steil in den Himmel richtete und in den Tiefen des Ionischen Meeres verschwand.

„Das war ein ganz schönes Gerät“, vermeldete Franz ehrfürchtig und Grüger witzelte: „Zu groß für die Pfanne, oder?“ Mike und Achim schauten wie ich verdutzt auf das Wasser, dorthin, wo es kurz zuvor noch gebrodelt und gezischt hatte. Aber es tat sich nichts mehr, der Wal war weg. Schade, doch ich verstand nun die erfreuten Wortmeldungen jener, die einen Wal gesichtet und ihm quasi Auge in Auge gegenüberstanden. Ein emotional aufputschendes Erlebnis, das wir beim Mittagessen ausführlich diskutierten. Wir mussten ja noch zu einer Einigung kommen, wie lang der Wal war, den wir gerade gesichtet hatten. Von fünfundzwanzig Meter ausgehend, einigten wir uns schließlich auf fünfzehn Meter, was der Realität weitestgehend entsprach, wie wir glauben. Aber eines muss ich dir noch sagen: Es ist schon ein unglaublicher Anblick, wenn so ein Riese ganz gemächlich neben dir durch das Wasser pflügt, so einer, wo dir der Mund offen bleibt, das kannst du mir glauben.

 

Um 17.30 Uhr erreichten wir dann den Leuchtturm Santa Maria di Leuca, der einen Teil seines Namens vermutlich von den griechischen Matrosen erhielt, die die Felsen dieses Ortes im Sonnenlicht sahen – „leukos“ auf griechisch bedeutet „weiß“. Diese Perle des südlichsten Zipfels Italiens schmiegt sich in einen Küstenabschnitt, an dem sich steil aufragende Felsenklippen mit kleinen Sandbuchten abwechseln. Die zahlreichen Grotten und der Meeresboden sind von enormem naturwissenschaftlichen Interesse und ein echtes Paradies für Taucher. Eine Treppe mit 184 Stufen verbindet die Basilika von Santa Maria mit dem darunterliegenden Hafen und bildet einen Rahmen für das Acquedotto Pugliese, das Aquädukt, das man im Jahr 1906 zu bauen begann. Die Arbeiten mussten wegen des 1. Weltkrieges unterbrochen werden und wurden erst nach dem Krieg wiederaufgenommen. Der Bau erreichte das Wasser erst 1939. 

 

Achim stieg den Niedergang hinunter und schickte einen Überraschungssong an unseren Bordlautsprecher: „Happy Birthday“ von Stevie Wonder für Franz und mich. Das Wetter hatte sich verschlechtert und der blaue Himmel war gegen einen grauen getauscht worden. Doch die Gesichter von Franz und mir strahlten, wie wir mit der Crew auf unsere „50er“ angestoßen haben. Wir hatten zwar eingangs geplant, am „Stromboli“ zu feiern, aber du weißt ja, Plan und Realität sind zwei verschiedene Dings … Franz erschien plötzlich im Niedergang und auf seinem T-Shirt, das er sich rasch übergezogen hatte, wurde sein Werdegang zum 50-jährigen in lustigen Worten beschrieben. Nach einigen weißen Mischungen stieg ich um etwa 22.00 Uhr den Niedergang hinunter und legte mich in die Koje. Morgen würde ich die Wache von 4.00 Uhr bis Open End haben und mir einen wunderbaren Sonnenaufgang vor Brindisi ansehen, so dachte ich zumindest. Denn wenn man sich zu früh freut, holt einen die unberechenbare Natur wieder zurück in die Realität, und wie zuvor erwähnt, Plan und Realität und so …