Tag 12: 1. Mai 2011

 

Tag der Arbeit oder auch Tag der Fahne, wie der Nationalfeiertag in Österreich früher genannt wurde. Heute ist er ein Tag wie jeder andere, nur dass die Geschäfte geschlossen bleiben. Wir hatten eine geruhsame Nacht und liefen um 4.20 Uhr aus. Wir wollten uns ein wenig Vorsprung verschaffen, weil die Schweizer, die auch für dieselbe Charterfirma überstellten, hatten einen Katamaran und folglich mehr Motorspeed. (Wie wir in Reggio erfahren haben, hatten auch sie mit einigen Problemen auf diesem Törn zu kämpfen).

„Auf zu den Zehen“, frohlockte Mike, der am Ruder stehend durch das Fernglas blickte.

„Wir fahren zur Ferse“, korrigierte ich.

„Ja schon, aber zuerst umschiffen wir die Zehenspitze Italiens.“

„So ein Blödsinn. Italien hat die Form eines Stiefels und da kommt ja wohl erst die Ferse und dann die Zehen“, lächelte ich allwissend. Mein Allgemeinwissen war ja nicht das schlechteste. Das Meer war dunkel, der Wind kühl und eine leichte Welle schob uns ins Morgengrauen. Trotz des Zwielichtes funkelten Mikes blaue Augen gefährlich. Er hat überhaupt stechend blaue Augen, aber jetzt!

„Erst kommen die Zehen und dann steuern wir auf die Ferse zu. Und wenn du es nicht glaubst, dann sieh am Plotter nach“, brummelte er wissend genervt.

„Blödsinn, hast wohl in der Schule nicht aufgepasst.“ Wie Rumpelstilzchen hüpfte Mike jetzt den Niedergang hinunter und kam mit einer Seekarte fuchtelnd an Deck zurück. Grüger schmunzelte mir zu. Er war auch meiner Meinung gewesen, sonst hätte ich doch sofort einen Rückzieher gemacht, weil alleinstehende Meinung selten richtig. Mit breitem Grinsen breitete Mike die Karte über den Cockpittisch und klopfte mit dem Finger auf die Zehenspitze.

„Uuups! Entschuldige. Da kannst du wieder mal sehen, wie es in meinem Hirn aussieht. Alles verkehrt herum von der vielen Schaukelei, wie mir scheint.“

Mike nahm meine Entschuldigung an und lachte. Nach diesem geografischen Fauxpas meinerseits waren alle hellwach, auch die Sonne blinzelte schon über den Horizont. Wenig später färbte sie das Meer bei Sant´ Elia türkis und wärmte unser Deck. Hatten wir noch im Ölzeug (weil Nachtfahrt und wärmer) gefrühstückt, saßen wir mittags in Badehose mit Bierdose im Cockpit und genossen diesen herrlichen Tag.

„Sieht jemand Delfine?“, fragte ich vorsichtig. Unsere Rundumblicke ergaben keinen Sichtkontakt zu diesen Regenboten. PROST!

 

Plötzlich ein raschelndes Geräusch am Vorschiff. Ich saß am Steuer und beobachtete die drei Skipper, wie sie grübelnd in einen großen braunen Sack blickten. Blinder Passagier? Leiche an Bord? Klabautermann gefunden? Nein, sie wollten einen roten Blister setzen, die Schweizer hatten uns nämlich überholt und Andi, Mike und Achim wollten jetzt kontern. Grüger und ich blickten gespannt auf das knisternde Segel, das flatternd am Vorstag hochgezogen wurde. Vom Ruder bestaunten wir ihre Versuche, das riesige rote Segel zu bändigen. Ich dachte dabei an ein Käseeckerl. Jene golden verpackten Rahmkäseecken, die in so runden Pappschachteln in den Supermärkten feilgeboten werden. Die mit dem roten Deckblatt sind mit Paprika gewürzt und schmecken sehr delikat. Mich wunderte, dass sich die Schweizer, die schon einige Meilen vor unserem Bug dahinmotorten, in keiner Weise von unserem ferrariroten Käseeckerlsegel beeindrucken ließen. Die müssen das doch gesehen haben, oder?

„Was meinst du, Grüger, das Blister-Segel sieht doch aus wie ein rotes Käseeckerl?“ Grüger saß am Steuerbordruder und blickte mich irgendwie verwirrt an.

„Wie viel Bier hast den schon, heute?“

„Noch zu wenig, sonst hätte ich nicht so kreative Ideen, weil du musst wissen, der Alkohol ist der Todfeind der Kreativität, die vertragen sich überhaupt nicht miteinander, wie der Bush und der Bin Laden damals. Obwohl beide Herren mit einem weichen ‚B‘ im Namen anfangen, sind sie doch beide Hardliner.“ Günter schüttelt kommentarlos den Kopf. Das passierte mir nicht zum ersten Mal, dass ich jemanden mit einer meiner kreativen Ideen konfrontierte und der Konfrontierte meinen Gedankengängen nicht folgen konnte. Darum vermied ich es, Grüger davon zu unterrichten, dass das Segel auch ein dreieckiges Erdbeersegel darstellen könnte. Vielleicht sahen es die Schweizer auch so, weil bei Käse hätten sie bestimmt gestoppt. Hätte ja eine Einladung zum Fondueessen bedeuten können. Plötzlich wurde mir bewusst, woher diese abwegigen Gedanken kamen. Franz klopfte in der Kombüse kräftig mit dem Fleischhammer herum, und zwar auf einem Stück Fleisch! Heute gab es Wiener Schnitzerl, also genauer gesagt: Schweinekotelette gebacken mit Erdäpfel – und Mayonnaisesalat. Grüger hatte sich das gewünscht und zum Franz gesagt: „Die Mami macht am Sonntag immer Schnitzel, wie schaut´s aus, heute ist Sonntag, lässt sich da was machen?“

„Grüger, mein Freund“, hat der Franz gemeint und ihm dabei seine Hand auf die Schultern gelegt, „ist doch kein Problem. Der Barawitzka hat auch schon nach einem ‚Bröslfetzen‘ verlangt. Mach ma doch glatt.“ Und dann hat er wieder losgelacht und dem Grüger auf die Schulter geklopft und ist in der Kombüse verschwunden. Eigentlich müsste ja der Franz der Barawitzka sein auf unserem Boot. Statur, Stimme und den Gaumenfreuden nicht abgeneigt, so wie eben der legendäre Kapitän Barawitzka in den Büchern von Karl Vettermann, aber der Kapitän ist eben der Andi und ich weiß nicht, ob der Herr Barawitzka eine Freude hätte, wenn er plötzlich für fünf hungrige Seebären kochen müsste, der isst ja lieber, wie ich in den Büchern gelesen habe.

 

Der Blister wurde wegen unsteter Windverhältnisse geborgen und der Duft, der den Niedergang heraufzog, wurde immer intensiver. Es hatte dann auch so delikat intensiv geschmeckt, das kann ich dir verraten und das Bier dazu …, so muss ein Sonntag aussehen, ein Feiertag, Nationalfeiertag, Tag der Arbeit, ich glaube, ich habe sogar abgewaschen, nein, die Wellen waren ja auch noch da. Aber Andi, Mike und Achim haben noch eine Arbeit bekommen vom Klabautermann. Und ich habe mir wirklich Vorwürfe gemacht deswegen. Gegen Abend wurde der Wind schwächer und ich saß am Steuerbordsteuerrad. Weil du musst wissen, die Raucher sind immer am Heck gesessen, wegen Wind von vorne und so, also immer, und deshalb befahl mir der Skipper, den Motor zu starten und Gas zu geben. Der Motor sprang an und ich wollte Gas geben

„Geht nicht“, schaute ich ihn verdutzt an und versuchte den Gashebel sanft nach vorne zu drücken.

„Kupple aus und versuch´s dann.“

„Geht nicht.“

„Geht nicht, gibt´s nicht“, lachte Andi und übernahm meine Position. Kurzer Blick auf den Hebel, Hebel nach vorne gedrückt, Hebel fällt durch: und was immer oben war zeigte jetzt auf das Deck.

„Ja was in Dreiteufelsnamen …“ und schon war das Deck gut besucht. Irgendwie dachte ich schon, ich wäre der Klabautermann, aber anderseits musste ich lachen, weil wenn der Skipper mir einen einfachen Befehl gibt: Gas geben, das kapier sogar ich, und wenn ich sage: Geht nicht, dann gibt´s das schon. Und jetzt war wieder einmal bewiesen worden, wohin Nichtglauben führen kann. Doch auch der Skipper konnte nichts dafür. Eine simple Schraube am unteren Ende des Gashebels war locker und so hatte sich der Hebel vom Zahnkranz gelöst. Andi und Achim haben in Andis Steuerbordkajüte und Mike an Deck gewerkt, damit der Hebel wieder funktionsfähig wurde. Nach der Reparatur nahmen wir einen Manöverschluck und es wurde gelacht und diskutiert über Klabautermänner und Verbesserungsvorschläge beim Bootsbau. In zwei Tagen würden wir in Brindisi zum Tanken anlegen, hoffentlich hält dann der Gashebel. Ein Anlegemanöver ohne Gashebel ist wie ein Delfin ohne nachfolgenden Regenschauer. Doch scheinbar gibt es im Ionischen Meer auch Schönwetterdelfine, denn an diesem Tag hielt das schöne Wetter trotz Delfinsichtung. Und was wir am nächsten Tag erleben sollten, daran hätten wir im Traum nicht gedacht.