Tag 18: 7. Mai 2011

 

Und ob du es glaubst oder nicht, schon wieder Sonnenschein am Morgen, aber nicht so intensiv wie die Zahnarztlampe vom Vortag, mehr orange und weich, und das Meer ganz flach und ruhig, wie Wasserbett, wenn man sich nicht zu viel darin bewegt, du verstehst?

„Jetzt hat er es aufgegeben“, frohlockte ich beim Frühstück.

„Wer?“, murmelte Mike kauend.

„Der Klabautermann!“

„Noch sind wir nicht im Hafen“, merkte Achim grinsend an.

„Aber bald“, sagte Grüger und schmierte versonnen Butter auf sein Weißbrot.

„Was soll jetzt noch passieren?“, ließ ich nicht locker.

„Motor, Gashebel, beim Anlegen nicht lustig“, lachte Franz. Und Andi hat daraufhin mit den Augen gerollt und gesagt: „Spart euch die dummen Sprüche. Schlafende soll man nicht aufwecken.“ Und dann hat er einen Schluck Tee getrunken, weil Tee immer beruhigend wie das Ticken einer Uhr. Der Tag wurde dann so etwas von gemütlich, Kuschelsofa nichts dagegen. Sonnenbaden, Lesen, Tanken in Milna, Sonnenbaden, Lesen, nach Split hinüberschauen, Sonnenbaden, Lesen, das Steuer übernehmen und beim Hydrografischen Institut den Toni abschalten, Autopilot aus. Meine Kappe habe ich dann verkehrtherum aufgesetzt, damit die Sonnenanbeter gewusst haben, neuer Toni, manueller Betrieb. Und wie die Marina Kastela dann schon in Sicht war und der Andi und der Franz am Bug sitzend auf die vielen Masten im Hafen geschaut haben, habe ich die „Bellissima“ herumgerissen, weil Ehrenrunde und so. Eingefallen ist die Aktion dem Mike und dem Achim, weil wie sie vor Jahren einmal einen guten Wind hatten …, ja, es gibt auch den guten Wind, war der Franz am Steuer und hat hier auch so ein Ringerl gedreht, darum quasi Hommage an den Franz. Und der ist dann auch gleich vom Bug zurückgekommen und hat sich artig bedankt, Rotweinglas leider leer. Der Skipper hat über das Ringerl-Manöver nur den Kopf geschüttelt, quasi Rudergänger ist Vollkoffer und so. Aber das Boot, das uns gerade entgegengekommen ist, das hat einen feinen Sicherheitsabstand gehalten, frage nicht. Unser Skipper hat das Steuer jetzt selbst übernommen, weil Anlegen Chefsache und weil ich vor vielen Jahren in Skradin angelegt habe und bis dato nicht weiß, wer von der Crew wo war und was getan hat, Filmriss ein Dreck dagegen. Und beim Anlegen braucht es Konzentration und vor allem Ruhe, weil Spanner überall wie die Geier auf Fehler warten. Aber unserem „Barawitzka“ können sie da schon zuschauen, der ist schon von der Hafeneinfahrt verkehrt, quasi mit dem Heck voran, auf die Parklücke zugefahren und die Marineros haben durch die Zähne gepfiffen, weil Anlegemanöver natürlich Eins A. Gelacht haben sie dann aber auch noch, wie ich über die Planke auf den Steg gegangen bin und den Boden geküsst habe, Papstsyndrom, du verstehst. Ich könnte jetzt stundenlang über das Duschen schreiben, weil seit Reggio di Calabria, Tag 10, keine Volldusche mehr, nur so Katzenwäsche. Da brauchst du dich nicht wundern, wenn Seemannslieder im Duschraum über die Fliesen rattern wie Reibeisen über einen Holzpfosten. Und dann der Schweizer Wurstsalat, wie ein schönes Gedicht, und interessanterweise plötzlich die Schweizer am Heck gestanden, die mit dem Katamaran. Während wir gelöffelt haben, haben sie uns ein paar Geschichten von ihrer Überfahrt erzählt. Der kleine Weißbärtige mit der Pfeife hat nur gesagt: „Wenn wir keinen Maschinenbautechniker an Bord gehabt hätten, wir hätten euch niemals überholen können.“ Und beim „Überholen“ das rollende „R“ wie halt in der Schweiz so üblich.

 

Danach sind sie mit Franz auf eine Bootsbesichtigung gegangen und haben sich eine „Bavaria 45 Cruiser“ angeschaut, von der Achim so geschwärmt hat und am liebsten eine Runde mit ihr gefahren wäre. Das Boot war aber schon vergeben und in dem Augenblick, wo Franz mit den zwei Schweizern den Niedergang heraufgestiegen ist, ist der Firmenmarinero dieser Flotte aufgetaucht, Donnerwetter inklusive. Aber der Franz hat ihm nur ins Gesicht gelächelt, weil wir wollten den Abend in Split verbringen aber nicht auf dem Polizeirevier. Der Taxidienst unserer Charterfirma (die übrigens alle Kosten für die Reparaturen übernommen hat und uns für den erhöhten Dieselanteil einen ansehnlichen Betrag in die Bordkassa überwiesen hat) funktionierte einwandfrei und der Taxler sprach Deutsch.

„Ist heute großes Fest in Split, viele Leute“, auch rollendes „R“, vielleicht Exilschweizer oder so.

„Das passt gut, wir wollen heute ordentlich Abschied feiern“, übersetzte Andi am Beifahrersitz unsere Wünsche.

„Njema Problema“, lachte der Taxler und gab unserem Skipper die Telefonnummer für die Rückholung, weil zurückschwimmen, eindeutig zu weit. Und ob du es glaubst oder nicht, wenn du 17 Tage auf einem Boot mit fünf Kameraden unterwegs bist, ab und an einige Delfine, einen Wal, einige Schildkröten und einige Vögel triffst, du dir den Glauben verinnerlicht hast, dass die Welt ein Scheibe ist und dann stehst du an der Hafenpromenade von Split und siehst einen Kirtag, der alle je gesehenen Kirtage (Kirmes) in Form und Grüße übertrifft, ja dann: Panikattacke Hilfsausdruck. Pass auf, ich erklär´s dir: Split ist die zweitgrößte Stadt Kroatiens und hat insgesamt 220.000 Einwohner. Und an diesem 7. Mai 2011 waren mindestens 100.000 auf diesem Kirtag am Hafen unterwegs und in der Altstadt, subjektive Meinung. Wir sind an die Mole ausgewichen, um nicht unter die Füße zu kommen. Dann haben wir ein kleines Café mit einer bunten Kellnerin gefunden und ich bin nur dagesessen und habe geschaut, und dann habe ich geschaut, und dann habe ich wieder geschaut. Das Bier war warm, aber das war mir so was von egal, weil Kellnerin bunt und lustig und Veranda umzäunt, quasi Sicherheitsgedanke. Und ehe ich es vergesse, Toilettenbesuch im Preis inbegriffen. Dann Altstadtbesuch und dort ein kleines Restaurant zum Essen gefunden. Die Calamari Fritti schmeckten ausgezeichnet, das Bier war gut gekühlt und ein Schnapserl gab es auf Haus. Ein bisschen negativ vielleicht, dass, während wir gegessen haben, etwa 500 Personen durch den Gastgarten zwischen unserem und dem Nachbartisch durchgestapft sind. Volkslauf mit Kindern, ohne Kinder, mit Kinderwagen und Luftballons, mächtiges Gewusel. Zurück wanderten wir durch ruhige Seitengassen der Altstadt und konnten neben zahlreichen Kirchen und Lokalen ein Kinderkarussell der besonderen Art betrachten. Ein massives Holzgestell mit vier Auslegern, an denen vier geflochtene Wäschekörbe hingen, mit Kindern drin, frage nicht. Und in der Mitte stehend drehte der Eigentümer an einer Holzspindel, die aussah wie die Ankerwinsch eines alten Segelschiffes, nur kleiner. Nachdem Franz und Mike mit ihren Kirtag-Einkäufen fertig waren, nahmen wir noch einen Absacker am Hafen und unser freundlicher Taxler holte uns pünktlich ab und brachte uns sicher zur Marina zurück, wo ich in die Koje fiel, bleierner Fisch nichts dagegen.

 

Und das wars dann auch schon, das größte Schiffs-Abenteuer des Alfred Stadlmann. Die Heimfahrt am nächsten Tag – wir hatten bei Sixt einen Leihwagen gebucht, da wir nicht über München nach Salzburg fliegen wollten – klappte wie am Schnürchen. Mike machte den Fahrer und brachte uns sicher bis nach Graz, wo wir von Marion und Achims Mutter erwartet wurden, und mir fielen auf der Fünf-Stunden-Fahrt mehrmals die Augen zu. Mike nicht … Gott sei Dank! Zusammenfassend kann ich sagen: Nie wieder segeln ist Schwachsinn, weil Urlaubstörns wunderbare Sache, Kaiser sein nichts dagegen. Einen Überstellungstörn werde ich wohl nie mehr fahren und mit dieser Meinung war ich nicht allein an Bord. Bedanken möchte ich mich bei unserem umsichtigen und ruhigen Skipper Andi Sölkner, dem niemals müde werdenden Navigator, Fotografen, Beikoch, Taucher und Segelbetreuer Achim Stadler, dem ebenfalls umsichtigen und technisch versierten Co-Skipper Michael „Mike“ Daum, dem Iceman und in sich ruhenden Schladminger, der mir manchen schwankenden Abwaschdienst abgenommen hat, Günter „Grüger“ Gruber, und es ist besser, man ist der Letzte als das Letzte, ein besonderer Dank und Anerkennung für Küche immer im Griff und so, unserem Metre della Gasherd, Mister Rotwein, Großsegelmeister, Ankerleger und 50er Haubenkoch … Franz Stiegler.

 

Was gute Seemannschaft ausmacht, lernt man erst in Ausnahmesituationen und davon haben wir einige genossen, Tafelspitz nichts dagegen.

Der letzte Tag


Schiffsbesichtigung Bavaria 45 Cruiser


Take me Home, Country Road ...