Tag 17: 6. Mai 2011

 

Weißt du, was ein Befehl ist? „Trink das, Alfred“, das ist ein Befehl und Befehle müssen eben befolgt werden. Auch wenn es am nächsten Morgen ein wenig weh tut, weil ob du es glaubst oder nicht, wie ich um 10.00 Uhr an Deck gekrabbelt bin, hat die Sonne ein so grelles Licht verbreitet, Zahnarztlampe nichts dagegen. Und wir waren schon seit 6.00 Uhr unterwegs, wie ich im Logbuch nachgelesen habe. Dass einige in der Crew Frühaufsteher sind, war mir schon aufgefallen, aber dass sie jetzt so vehement nach Hause wollten, komisch. Jetzt, wo es schön wurde und an unsere vielen Urlaubstörns erinnerte.

„Morgen“, brummelte ich, „Frühstück schon vorbei?“

„Kaffee steht unten, Brot daneben, wirst wohl übersehen haben beim Vorbeigeh´n“, und dann hat er wieder so laut gelacht, der Franz, wie eine Kirchturmglocke hat das gedonnert in meinem Schädel. Aber nach dem Kaffee ist es besser geworden, Umweltverträglichkeit und so. Die Insel Korcula lag bereits weit im Heckwasser der „Bellissima“ und Mike steuerte auf Hvar zu. Im Hafen drehten wir dann eine „Herzeigrunde“, quasi: Schaut her, wir leben noch, wenn auch mit wenig Stoff am Mast … und am Körper. Weil das Boot, das uns entgegengekommen ist, die waren alle voll bekleidet und wir quasi fast nackert. Weil das musst du dir vorstellen: Vorfrühling und nicht Hochsommer, und wir wie die Wikinger in der Badehose. Da haben sie geschaut, die Hvarer, das kannst du mir glauben, wie wir so bauchfrei durch den Hafen getuckert sind. Dann ging es schnurstracks zur Insel Brac, wo wir heute in der Bucht Lucice ankern wollten. Und bevor ich es vergesse, auf dem Weg dorthin hat uns der Küchenchef Franz noch mit einer „Französischen Zwiebelsuppe mit selbstgebackenen Croutons“ überrascht, vom Feinsten. Das Wasser in der Bucht war türkis und auch vom Feinsten, der Anker hat leider nicht gehalten beim ersten Versuch. Beim zweiten schon, aber Skipper Mike hat Bedenken geäußert. Der Wind hat nämlich entdeckt, was wir vorhaben, Gebläse auf volle Leistung. Wir haben den Sparefrohgedanken ad acta gelegt und schipperten ein paar Meter weiter in die Bucht hinein, wo ein Bojenfeld mit windgeschütztem Platzerl auf uns wartete. Die paar Euro muss einem die Sicherheit schon wert sein, wäre doch jammerschade um die „Bellissima“, Zynismus im Sinne von „Feindseligkeit“.

War das eine Freude, als mir der Franz nach dem Bojeanlegemanöver ein Glas Gin-Tonic reichte, mit Zitrone, passend zu meinem Gesichtsausdruck. Aber hilft nicht, Befehl ist …

 

Und dann ist was passiert, das glaubst du nicht. Der Achim ist ins Wasser gegangen. Nein, kein Suizidversuch, mehr Unterschiff untersucht, mit Kamera, wegen Charterfirma alles belegen, was faul ist und so. Mir war das ja nicht egal, wie der Achim bei 14 Grad ins Wasser gegangen ist … ohne so eine Gummisicherheitshaut gegen die Kälte, die was bei den Tauchern Neoprenanzug heißt. Mir ist schon vom Zuschauen so kalt geworden, dass sich mein kleiner Fredi vor lauter Sorge, ich würde das auch ausprobieren, auf seine Mindestgröße zusammengeschrumpft hat. Ich habe ihm dann gesagt, er braucht sich nicht zu fürchten, ich bin doch nicht verrückt beziehungsweise nicht so durchtrainiert wie der Achim. Aber hergebibbert hat es ihn, den Achim, wie er wieder rausgekommen ist aus dem Meer, frage nicht, Gänsehaut Hilfsausdruck. Ich bin dann doch neugierig geworden und habe meine große Zehe ins Wasser gehalten, weil türkis und kalt, das passt irgendwie nicht zusammen. Mein lieber Herr Gesangsverein!

„Du bist ja verrückt!“, hab ich den Achim aus Versehen angeschrien, weil er so knapp neben mir gehockt ist. Der hat nur gegrinst und so komisch mit den Zähnen gescheppert. Ein halbe Stunde später hat er dann nicht mehr so gezittert. Der Mike hat dann auch noch seinen Fuß ins Wasser getaucht, wieder Gesangsverein, und dann hat er sich gleich in die Sonne gelegt und ist eingeschlafen. Zur Stärkung von Mannschaft und Moral hat der Franz dann was Besonders zum Abendessen gekocht. Linseneintopf mit Speck und Semmelknödel. Wie ich so dasitze und der Franz mir von hinten den Teller an meinem linken Auge vorbei reicht, ob du es glaubst oder nicht, da ist es auf einmal finster geworden im Salon. Dabei hat doch das Licht gebrannt, weil schon Abend war. Wie der Franz mit feistem Grinsen den Teller vor mir auf den Tisch stellt, ist das Licht wieder dagewesen. Der Jumbo Schreiner, der dicke Fernsehmoderator, was immer die größten Schnitzel und so sucht, der hätte dem Franz die Goldmedaille überreicht.

„Jo bist du deppert, was sind denn das für Geräte“, habe ich gestammelt, und mein blödes G´schau, wie wenn aufwachen und die Frau im Bett nicht die eigene. Ich muss sagen, ein Fan von Linseneintopf bin ich ja nicht, aber die Linsen hat man jetzt eh nicht mehr gesehen. Die sind von dem 400 Gramm Semmelknödel regelrecht erdrückt worden, der sich da in der Mitte des Tellers breitgemacht hat. Weggeputzt hab ich ihn dann nicht, nur zur Hälfte. Die andere Hälfte wollte ich tiefgefrieren, im Meerwasser. Aber die Fische und die Möwen wollten das nicht. Und wie ich jetzt so dasitze und das alles aufschreibe und mir die Fotos dazu anschaue, da habe ich es dann gesehen. Zum Linseneintopf mit den XXL-Knödeln hat der Franz uns einen Gurkensalat serviert. Und jetzt rate einmal, wo wir die Gurken gekauft haben? Den Spaniern ist mit dem EHEC-Virus übel mitgespielt worden, weil ich am PC und nicht auf Quarantänestation, nur so vom Ding her. Wir sind dann noch ein wenig zusammengesessen und haben über die schöne Reise geplaudert und ein wenig gebastelt und den Schoko-Osterhasen gefressen und den Kochwein getrunken, den roten, und zeitig schlafen gegangen bin ich dann auch, weil morgen Heimkehr nach Split und da wird von den anderen Booten immer so herübergeschaut, beim Anlegen, ob Fehler und so, Spannerreisen nichts dagegen.