Tag 2: 21. April 2011

 

Am Gründonnerstag, den 21. April 2011 frühmorgens um vier Uhr, starteten wir unseren Überstellungstörn von Palma nach Split. Wir hatten auf unsere Route einige Besichtigungen geplant: Liparische Inseln, den Vulkan Stromboli, und Franz und ich wollten in einer lauschigen Kneipe auf den Liparischen Inseln unseren „100er“ feiern. Ich der Ältere 50er (zwei Monate vor Franz), er der Stärkere und unser Cookie, der sich beim Ablegen um 4.45 Uhr schon auf den Gründonnerstagspinat freute.

 

Die Natur machte ihm aber einen Strich durch seinen ausgeklügelten Menüplan und wir bevorzugten an jenem Tag einfache Kost: Brot, Hartwurst, Käse und Mineralwasser. Jeder, der uns kennt, wird wissen, wenn keiner von uns zur Bierdose greift, muss das Wetter „saumäßig“ gewesen sein: war es auch! Einen Westwind hätten wir uns gewünscht, der unserer „Bellissima“ Flügel verleiht und uns ostwärts Richtung Sardinien schiebt. Stattdessen kam es knüppeldick von vorne und mit dem Ostwind prallte uns ein Tief auf die Nase. Es begann zu regnen und der Wind frischte um 6.00 Uhr auf: Ostwind – Stärke 5. Das Auf und Ab hatte begonnen und wir wurden herumgeworfen wie Zement in einer Mischmaschine. Das erste Crewmitglied fiel in den Abendstunden aus: ICH! Während zwei Crewmitglieder das Richtige taten: sie „kotzten“ sich aus, versuchte ich mit Echnatol-B6-Tabletten den starken Mann zu markieren und das Kotzen zu unterdrücken. Falsche Entscheidung! Mir ging es so dreckig wie noch nie zuvor. Mein Magen tanzte Salsa und mein Kreislauf rasselte wie ein Kinderkreisel. Die Nachtwache verweigernd zog ich mich ängstlich unter Deck zurück, wo mir der Arsch auf Grundeis ging und ich mich gedanklich von meinem Dasein verabschiedete. An der Steuerbordseite meiner Kajüte rann beständig ein fingerdicker Wasserfilm die Bordwand herunter und verschwand unter der Matratze. Das Holz knarrte, quietsche und krachte bei jedem Stoß, den die „Bellissima“ erhielt. Es fühlte sich an, als bekäme das Boot wuchtige Ohrfeigen, die sich nahtlos auf mein Seelenleben übertrugen. Warum? Was habe ich verbrochen? Keine Antwort, außer, die nächste Ohrfeige wäre eine Antwort gewesen. Irgendwann muss ich eingeschlafen sein. Als ich am nächsten Morgen durch den Niedergang an Deck blickte, sah ich in müde und auch ein wenig grantige Gesichter. Gute Seemannschaft sieht anders aus und ich musste mir eingestehen, dass Wellen und Wind aus einem Großsprecher rasch eine ängstliche Landratte formen können.

 

Unser Ölzeug wurden wir für einige Tage nicht mehr los. Das Tagesetmal (Wegstrecke, die wir am 21. April von 4.00 bis 24.00 Uhr zurückgelegt haben) belief sich auf 97,32sm (1sm – Seemeile – ist 1852,16 Meter). Mit Wind auf die Nase und einem – wie Franz, unser Cookie und Großsegelmeister, meinte – Notgroßsegel war nicht mehr drin. Die Genua (Vorsegel) war zwar in ansprechender Größe, jedoch meist gerefft, und als der Sturm einsetzte, wurden beide Segel geborgen. Die Takelage kam unserem Skipper nicht vertrauenswürdig vor, was sich später auch bewahrheiten sollte, und so fuhr Andi unter Motor die ganze Nacht durch. Das Unterschiff war stark mit Muscheln und Seetang belegt, was Skipper Andi von seinem Vorgänger telefonisch auch mitgeteilt worden war. Das wirkte sich negativ auf den Speed aus und wir machten unter Motor zwischen 3 und 4 Knoten Fahrt (6–10 km/h). Nicht mitgeteilt wurde ihm: dass es an vielen Stellen reintropft, dass der Herd eine Gefahrenquelle ist, dass die Henkel der Töpfe abbrechen, dass Wasser sich seinen Weg durch die Deckenbeleuchtung bahnt und jeder Zeit ein Kurzschluss auftreten kann (der Skipper und Navigator hätten bestimmt ihre helle Freude) und dass meine Kajüte knarzt, knarrt und kracht, als ob das Boot auseinanderbrechen würde. Unsere „Bellissima“, eine Gib-Sea 51 von Dufour, wurde ihrem Namen in keiner Weise gerecht und das Wetter passte sich diesem Umstand hervorragend an. Aber … morgen wird es wohl aufklaren und dann wird die Sonne auf uns scheinen!!!

 

Warum nicht mehr Bilder von diesem Tag? Weil Achims Nikon D80 von keinem Unterwassergehäuse geschützt war, außerdem brauchte er seine Hände bei diesem Sturm zum Festhalten, so schaut´s aus.