Tag 4: 23. April 2011

 

Würde Achim nicht über seine Polar-GPS-Uhr die Windstärke gemessen haben – er zeichnete mit dieser Uhr auch unsere gesamte Route auf –, hätte ich gedacht, wir haben Orkanstärke. Der Windanzeiger versagte nämlich um 13 Uhr als erstes wichtiges Instrument seinen Dienst. Doch es war kein Orkan, sondern „nur“ ein E (OST) 5er, der uns laut Logbuch von 20 Uhr 35 bis 23 Uhr um die Ohren pfiff und meine tagsüber positive Stimmung wegwischte wie ein nasser Schwamm die Kreide auf der Tafel. Es pfiff in den Wanten, Regen peitschte uns ins Gesicht und die „Bellissima“ wurde geschüttelt und geprügelt, Hölle nichts dagegen. „Ihr Arschgeigen“, schrie ich meinen Zorn in den Himmel, „man schlägt keine Frau!“

 

Dabei hatte der Tag sehr lustig begonnen. Das Frühstück war Klasse, die sardische Gemüsesuppe zu Mittag Weltklasse (je nachdem, wo wir gerade segelten, gaben wir den Gerichten von Franz und Achim landesspezifische Vornamen. In diesem Fall segelten wir also auf Sardinien zu). Nach dem Mittagessen machte sich Mike auf Fehlersuche wegen des Windanzeigers und baute den Kompass aus seiner Halterung am Cockpittisch, um die Steckkontakte des Windanzeigers an den Raymarine-Armaturen zu überprüfen. Unserem „Toni“, so nennen wir den Autopiloten, hat das gar nicht gefallen. Er quittierte wie der Windanzeiger den Dienst und zog sich schmollend in eine Ecke zurück. Wahrscheinlich um dem Klabautermann sein Leid zu klagen, dass er sehr hart für uns arbeitet und Mike jetzt suchend an seinen Kontakten herumkitzelt.

 

Ich saß gemütlich schaukelnd am Steuer, als Mike mich anbrüllte: „Kurs halten!“

„Welchen Kurs? Grüger und du, ihr steht doch vor dem Kompass, den du außerdem noch in der Hand hältst! Ich sehe nichts“, stammelte ich aufgeregt.

„Halt das Ruder fest und versuch wenigstens, geradeaus zu steuern!“

„Wohin soll ich steuern? Keine Berge, keine Häuser, keine anderen Schiffe, nichts. Nur eine graue Wolkendecke und eine überall gleich aussehende Wasserwüste“, zuckte ich entschuldigend mit den Achseln

„Der Kompass ist wieder an seinem Platz und der Autopilot funktioniert auch wieder“, meldete Mike erleichtert an Andi, der wie der Geist aus der Flasche aus seiner Kajüte an Deck erschienen war.

„Und wo fährst du hin? Im Kreis herum?“, fragte er lächelnd.

Kommentarloses Achselzucken meinerseits.

„Achim, gib dem Steuermann einen Kurs“, rief der Skipper in den Niedergang hinunter. Eine Minute später waren wir wieder auf Kurs – Sardinien.

 

Um 16 Uhr setzte plötzlich starker Regen ein, doch das war uns mittlerweile egal, und als hätten die Götter unsere Witzeleien gehört: „Grüger, bring die Wäsche an Deck, es regnet, wir können die Waschmaschine schonen!“, knallte Neptun kurze, harte Wellen an den Bug und Äeolus marterte unsere Segel. So wie Hans Söllner in einem seiner Lieder singt: „Charly blos ma an“ fauchte Äeolus, der römische Gott der Winde, uns einen Ostwind der Stärke 5 auf die Nase. Ich glaubte, irgendwann reicht es unserer „Bellissima“ und sie wird einfach auseinanderbrechen und sich in den Tiefen des Thyrrenischen Meeres für immer ausruhen, samt uns, ihrer Besatzung. Sie gab aber nicht auf, was ich ihr heute noch hoch anrechne, und wir erreichten um 20.35 Uhr die Isola del Toro südlich vor Sardinien. Wir ließen sie Backbord querab liegen und nannten diese Insel „Franz Island“, da unser Cookie Franz sie als Erster gesichtet hatte. Wir nahmen einen Schluck Ballantine´s und ein Helles. Das schien die Götter nun von unserer wilden Entschlossenheit, nicht klein bei zu geben, überzeugt zu haben, denn der Wind drehte gegen Mitternacht auf West 1 und der Luftdruck pendelte zwischen 1007 und 1009 Millibar.

 

Dass sie, gemeinsam mit dem Klabautermann, etwas Spannendes für uns ausheckten, sollten erst die beiden kommenden Tage zeigen.