Tag 5: 24. April 2011

 

Um 3.00 Uhr morgens warf ich einen kurzen Blick an Deck. Das Bimini-Top war völlig durchnässt, hing durch und wurde von drei wortlosen Crewmitgliedern, eingemummt in Ölzeug, mit den Köpfen abgestützt. Wer am Steuer saß, konnte ich nicht erkennen. Sie waren eingehüllt in eine Gischt aus Meerwasser und Regen. In dem Bewusstsein, dass die Sicht nur etwa zehn Meter betragen musste und wir kein funktionierendes Radar hatten (war von Anfang an defekt gewesen), verkroch ich mich sofort wieder in meine Kajüte. Die Windstärke betrug wieder E 5. Das konnte ich mittlerweile an den Geräuschen und Bewegungen des Bootes abschätzen. Als ich aus meiner Kajüte kam, in Ölzeug natürlich, werkelten Franz und Achim in der Pantry und bereiteten das Mittagessen vor. Ich konnte gar nicht hinsehen, so schaukelte es. Die beiden waren meines Erachtens die Hälfte der Reise mit Kochen beschäftigt, Trotz widrigster Bedingungen schafften sie es, ein Fünf-Sterne-Menü nach dem anderen auf die Teller zu zaubern. Wenn alles so gut funktioniert hätte wie die Gerichte unserer Hauben-Köche … das wäre ja kitschig gewesen, aber schön! So ließen sie sich auch nicht entmutigen, als um 11.35 Uhr nach einer Wende die Halterung des Gasherds brach. Gott sei Dank stand zu dem Zeitpunkt kein Topf mit heißer Suppe drauf! Dass in weiterer Folge auf unserer Reise auch noch die Henkel an den Suppentöpfen brachen, quittierte Franz nur mit seinem schallenden Lachen und dem Spruch: „Ich hab eh schon damit gerechnet und nicht ganz an´gfüllt!“

 

Mein Blick wanderte unterdessen über Wellenberge zum Horizont. So war es einigermaßen erträglich und der Magen rebellierte nicht dauernd. Ich musste an die Seefahrer der ersten Stunde denken und meine Achtung vor deren Leistungen hatte sich vertausendfacht. Dass sich die Meinung – die Welt ist eine Scheibe – lange Zeit und hartnäckig hielt, war nun für mich und auch die Anderen an Board nachvollziehbar. Am Horizont dieser Wasserwüste war stets ein schmaler dunkler Streifen, der auf eines hindeutete: Endstation. Plötzlich trieb etwas Steuerbord vorbei – eine Schildkröte.

 

„Schildkröte!“, schrie ich und wie immer war es Achim, der als erster den Niedergang heraufstürmte, mit Kamera. Doch diesmal erwischte er sie nicht. War sie abgetaucht oder in ein Wellental gefallen, ich konnte es nicht sagen. Was ich aber dachte, wenn bei diesen Bedingungen jemand über Bord gespült wird, würde es schwer sein, ihn im Auge zu behalten. Und bei einer Wassertemperatur von 14 bis 15 Grad sollte es nicht zu lange dauern. Ich überprüfte den Karabiner meiner Sicherheitsleine. Gegen 18.00 Uhr ging es dann los. Neptun drehte eine Runde mit seinem Dreizack durchs Wasser und setzte Wind und Meer unter Strom. Um 20.00 Uhr hatten wir Windstärke 7 und beim Großsegel brach der Unterliekrutscher. Achim, Mike und Andi kämpften gegen das wild flatternde Segel und sicherten den Rutscher mit einem Tau am Baum. Die Bedienung des Großsegels wurde dadurch nicht einfacher. Gegen Mitternacht begann dann der Luftdruck zu fallen und zwar in einem Tempo, Formel-1-Wagen waren nichts dagegen. Es war nur noch zu dritt, teilweise zu viert an Deck möglich, mit fast nicht mehr vorhandenen, da soweit gerefften Segeln zu segeln. Gewitter und Hagel waren die Draufgabe.  Da ein Kreuzen gegen den Wind nicht mehr möglich war, ohne einige Meilen an hart erkämpfter Wegstrecke zu verlieren, begannen wir mit einem Knoten Fahrtgeschwindigkeit (laut GPS) gegen den Wind und die Wellen am Morgen um 4.50 Uhr mit Motor zu fahren. Die Wellen waren teilweise 6 bis7 m hoch und des Öfteren wurden wir ohne Vorwarnung von einer Gischtwelle über das gesamte Schiff überrascht. Kein Betreten des Oberschiffes ohne sich anzuhängen – zu gefährlich.

 

Und wenn man glaubt, dass es nicht mehr schlimmer kommen kann, dann kommt er: der Klabautermann!