Tag 8a: 27. April 2011

(An diesem Tag war so viel los, dass ich ihn teilen musste.)

 

Ich hatte gar nicht mehr gewusst, wie schön es sein kann, sanft schaukelnd in der Koje zu liegen. Vor allem in der Gewissheit, sollte die „Bellissima“ jetzt auseinanderbrechen, könnte ich den Steg schwimmend erreichen. So stand ich ausgeruht und was noch wichtiger – nach sechs Tagen endlich geduscht – an Deck und blinzelte in den Morgen. Die Wolkendecke hing tief, grau und geschlossen über der Marina Villa Igiea, doch es regnete nicht mehr und ich hatte ein gutes Gefühl, dass dieser heiße, trocknende, lebenspendende gelbe Ball demnächst auf die Marina herabblicken würde. Wir nahmen in der Zwischenzeit ein kräftigendes, nicht schwankendes Frühstück ein. Es schmeckt einfach besser, wenn man nicht acht Hände braucht, um die Teller mit Eierspeise, Kaffee, Messer, Mineral, Tupperware mit Wurst und Käse, Marmeladenglas, Honigglas und vor allem die Kanne mit dem heißen Wasser festzuhalten oder im Auge zu haben. Selig kauend ließ ich meinen Blick schweifen. Auf einem ausgehöhlten, tropfenden, mit Kakteen bewachsenen Felsen ragte hinter einem Steg, 20 Meter vor unserem Bug, ein Prachtbau in braunem Sandstein empor. Ausgedehnte Gartenanlagen mit Palmen und ein mit Glas überzogener Gebäudeteil brachten mich zu der Annahme, dass es sich hier um ein Marina-Hotel der gehobenen Kategorie handelt. Bei einem späteren Spaziergang las ich auf einem goldenen Schild: „Hilton Villa Igiea Hotel“.


Hilton Igiea Palermo
Hilton Villa Igiea Palermo

 

Für Andi war es nach dem Frühstück an der Zeit, unsere Charterfirma zu kontaktieren und die Schadensmeldungen abzugeben. Vorher sollte Mike noch in den Mast, um nachzusehen, was mit unserem Vorsegel los war. Also zogen ihn Franz und Achim mit dem Bootsmannsstuhl nach oben, in 23 Meter schwindelnde Höhe. Gut, dass ich nicht zu den „Leicht-Matrosen“ gehörte. Mike hangelte sich, gezogen von Franz und Achim, mit Werkzeug in der „Pütz“ und Fotoapparat den Mast hinauf. Die Bilder, die er oben machte, sorgten wenig später für gewaltige Aufregung an Bord. Das 12-mm-Stahlseil, welches im Inneren des Vorstagrohres gespannt ist und den Mast nach vorne spannt, war aufgespleißt und die erste Wicklung stand lose in alle Richtungen davon. Jetzt war es Achim, dem der Kragen platzte.


„Das ist doch ein Wahnsinn! Uns mit so einem desolaten Boot auf diesen Törn zu schicken. Mir kann keiner erzählen, dass diese Fehler nicht schon lange zuvor aufgetreten sind.“

„Wer schaut denn schon da oben nach?“, warf ich ein und Grüger meinte: „Grob fahrlässig ist das. Bei den Turbulenzen, die wir in den letzten Tagen hatten, wäre es gut möglich gewesen, dass wir den Mast auf den Schädel bekommen, wenn das Stahlseil reißt!“

„Da ist es doch kein Wunder, dass das Großsegel reißt, der Mast ist vermutlich nicht mehr der Geradeste“, gab Franz missmutig seine Meinung zu dieser Entdeckung ab.

„Und der Baum schaut auch nicht mehr gut aus, wo er am Mast angeschlagen ist. Die können sich jetzt was einfallen lassen, so fahren wir nicht mehr weiter, das ist ja lebensgefährlich“, fauchte Mike in die Runde. Wir standen an Deck und ich überlegte, wie auch manch anderer, meinen Entschluss hierzubleiben zu revidieren. Sollen die ihr „Wrack“ doch selber hier abholen, wie kommen wir dazu, unser Leben auf´s Spiel zu setzen, wo wir doch einen Überstellungstörn gebucht und bezahlt haben und nicht einen Überlebenstörn.

 

Die ganze Diskussion in sich gekehrt, die Bilder akribisch betrachtend, stand Skipper Andi an Deck und war die Ruhe in Person. Bewundernswert, dachte ich. Was muss passieren, dass er einmal explodiert. Ich sollte es noch erfahren.

„Ich werde jetzt mal telefonieren gehen“, war sein einsilbiger Kommentar und dann stieg er von Bord. Ich folgte ihm. Die Verbindung war glasklar, so wie Andis Kommentare über unsere Defekte. Von Rage keine Spur, er lachte sogar und meinte: „Ja, fad ist uns nicht gewesen.“ Dann erklärte er mir, dass sich eine hier ansässige Dame mit guten Deutschkenntnissen um die Reparatur des Großsegels kümmert und uns jemanden schickt. Die Bilder vom Vorsegel werden wir per MMS an die Charterfirma senden und dort wird entschieden, wie es weitergeht. Entweder wir fliegen heim oder wir ankern hier wochenlang, dachte ich, Palermo, Sizilien, Mafia, das wird dauern. Eine halbe Stunde später: „Hello, where is your Skipper. I´am Marco, the Sailmaker.“ Meine Augen wurden groß wie Straußeneier, weil Auftrittsgeschwindigkeit und Englisch mich total überraschten wie auch den Rest der Crew. Hoffnung keimte auf, als Marco, der kleine rundliche Sizilianer mit spärlichem Haarwuchs, nach einer halben Stunde das Segel schulterte und mit den Worten: „Maybe tonight or tomorrow morning“ den Steg im Eilschritt dahintrabte.


„Wow, das flutscht ja“, lachte ich und im selben Moment kam der Anruf der Charterfirma. Ein Auslaufen mit diesem Vorstag wäre nicht möglich, sie haben schon jemanden beauftragt, der sich den Schaden ansieht und beheben wird. Fünfzehn Minuten später lernten wir Tonio kennen, selbe Größe wir Marco, halber Durchmesser, agil wie Achim und … Sizilianer. In seinem Schlepptau bewegte sich ein gemächlich dahinzuckelnder Sizilianer, dessen Name wir nicht erfahren haben, weil nicht vorgestellt und so. Jedenfalls: Jeans, weißes Hemd, schwarzes Haar, Goldkette auf beharrter Brust und dunkle, tropfenförmige Sonnenbrille … ergo: Familie. Wir stellten keine Fragen. Er war es, der gemeinsam mit Achim, der am Mast am Großfall zog, den kleinen Tonio mit atemberaubender Geschwindigkeit nach oben beförderte. Wie ein Äffchen kletterte Tonio am Mast entlang, über die Saling und an den Wanten bis nach oben. Franz, Mike, Grüger, Andi und mir blieb interessiert der Mund offen.


„So geht das! Und ich schinde mich immer so ab mit dir“, dabei klopfte er Mike lauthals lachend auf die Schulter, der ihn nachdenklich anblickte. Dieses Spiel, das Masterklimmen, sollte sich noch ein paarmal wiederholen, vorerst mussten wir aber die „Bellissima“ mit dem Bug zum Steg einparken, was auch anstandslos von Andi und der Crew durchgeführt wurde. Tonio wollte nämlich das Vorstag abbauen, um es einer eingehenden Prüfung zu unterziehen. Nachdem das Vorsegel entfernt und der Mast gesichert war, flitzte er nach oben, lockerte das Vorstag und sicherte es mit einem Tau, um es später herunterzulassen. Dann hinunter zum Bug, Schrauben gelöst, und ein kurzes Knacken signalisierte ihm, das Vorstagrohr war gebrochen. Gut, dass das hier in der Marina passiert ist. Einige Minuten später konnte die Mannschaft die ganze Bescherung am Steg begutachten. Das wird dauern! Tonio flitzte mit dem Handy am Ohr den Steg auf und ab. Wild mit der Hand gestikulierend und in eindringlichem Ton schilderte er irgendjemand unser Problem. Die Sizilianer und überhaupt die Südländer sind sehr kommunikative Menschen. Die wissen dauernd etwas zu erzählen, erklären und manchmal leidet eben die Arbeitsgeschwindigkeit darunter. Nicht so bei Tonio und Marco. Der kleine Tonio schwang sich an Bord und erklärte Andi, was er vorhabe und dass er nach einem geeigneten Stahlseil suchen muss, um den Mast für die Weiterfahrt zu sichern. Also war eines klar: unser Vorsegel würde den Rest der Reise in einer Kajüte verbringen, zusammen mit dem defekte Rollgroß und seiner Verrohrung. An diesem Punkt meines sizilianischen Reiseberichtes will ich enden, denn unser Stadtspaziergang zum Sailmaker Marco ist ein eigenes Kapitel wert, ein weiteres Highlight auf meiner Reise, wenn auch ein sehr persönliches.



nachfolgend ein paar Schadensfotos unserer Bellissima!


und ein paar nicht so schädliche ...