10 Tag: 29. April 2011

 

Als ich um 1.00 Uhr morgens meine Nachtwache antrat, natürlich im Ölzeug, mit Rettungsweste und Stirnlampe, waren die Lichter von Palermo nur mehr ein feiner Lichtstreifen am Horizont. Über uns das Sternenmeer, unter uns das tiefschwarze, sanft schaukelnde Meer. Der Motor schnurrte gleichmäßig und verlässlich dahin und die Bugwelle der „Bellissima“ schäumte weiß kräuselnd an mir vorbei und verlor sich am Heck in der dunklen See. Ab und an blitzte es grünlich phosphoreszierend neben der Bordwand auf, wenn wir eine Qualle im Schlaf störten. Doch es waren nicht mehr so viele Quallen-Lichtimpulse wie bei der Anfahrt auf Sizilien. Andi saß neben mir und betrachtete durch sein Fernglas ein Kreuzfahrtschiff, das uns achterlich passiert hatte und nun langsam am Horizont verschwand. Die Luft war klar und kühl.


„So ein Ölzeug ist gar nicht so schlecht“, versuchte ich eine Konversation zu beginnen, „schützt vor Regen und hält einen warm in der Nacht.“

„Mmh“, war der kurze Kommentar vom Skipper, der interessiert ein blinkendes Licht im Wasser mit seinem Fernglas fixierte – eine Boje, die ein Fischernetz markierte.

Ok, dachte ich, dann schau ich mir eben den Sternenhimmel an. Ich hatte ihn mir anders vorgestellt. Nicht den Skipper, den Sternenhimmel. Ich glaubte immer, die Sterne würden auf hoher See intensiver leuchten und die Milchstraße würde wie die Südosttangente in hellem Licht erstrahlen. Wie in einer dieser Glaskugeln, die der Kaiser in einer Fernsehsendung von seinen Gästen erhält, dachte ich, würde der Sternenhimmel die Glaskuppel darstellen und bis zum Boden reichen, wo wir dem Horizont entgegenschippern. Dem war nicht so. Vielleicht lag es an unserem Hecklicht, dem Licht am Mast, welches uns als Motorschiff auswies, oder auch dass wir nicht weit genug vom Land und seinen Lichtern weg waren, was ich insgeheim aber begrüßte, dass die Sternenpracht nicht zum Greifen nahe war. Vielleicht war dies auch der falsche Längen- und Breitengrad und wir müssten in die Karibik ausweichen. Mann, das wäre toll. Aber schön waren sie trotzdem, die Sterne und vor allem: wenn Sterne, kein Regen, keine schwere See, plätschernde Stille, wunderbar. Die drei Wachstunden vergingen wie im Flug, wir brausten ja mit 4 Knoten dahin, was etwa 9 bis 10 km/h entsprach, und Franz löste mich um 4.00 Uhr morgens ab.

 

In meinem Büro, so nannte ich meine Nasszelle, weil dort das Motorgeräusch nicht so hämmernd war und ich meine Memos verständlich auf den Voice-Rekorder aufzeichnen konnte, blickte ich durch das Luk auf die Insel Vulcano und Lipari, die dahinter in einer Dunstwolke lag. Ich hätte den Stromboli gerne gesehen und ihn mit eigenen Worten beschrieben, so stelle ich mir im Geiste vor, was wir versäumt haben und zitiere die Worte des amerikanischen Schriftsteller Mark Twain:

„Um sieben Uhr abends, als der westliche Horizont von der untergegangenen Sonne ganz vergoldet und mit weit entfernten Schiffen gesprenkelt war, der Vollmond hoch oben dahinsegelte, das Meer dunkelblau zu unseren Füßen lag und eine seltsame Art Dämmerung herrschte, die von all diesen verschiedenen Lichtern und Farben um uns her durchdrungen war, erblickten wir den herrlichen Stromboli. Mit welcher Majestät der Monarch seine einsame Stellung hoch über dem flachen Meer bewahrte! Die Entfernung hüllte ihn in purpurne Düsternis und breitete Schleier schimmernden Dunstes über ihn, der seine rauen Züge so milderte, dass wir ihn durch ein Gespinst aus Silbergaze zu sehen schienen. Seine Fackel war verloschen, seine Brände schwelten; die Rauchsäule, die von ihm aufstieg und sich im heller werdenden Morgenlicht verlor, war das einzige Zeichen, wodurch er erkennen ließ, er sei ein lebender Beherrscher des Meeres und nicht der Geist eines Toten.“

 

Um 18.20 Uhr passierten wir das Leuchtfeuer Pelaro am östlichen Ende von Sizilien und ließen es Steuerbord querab liegen. Zwei riesige Strommasten zeigten uns schon seit geraumer Zeit die Einfahrt in die Straße von Messina und hatten Achim und Mike zu einer heftigen Diskussion animiert: Wie werden die Kabel vom Festlandstrommast zum Inselstrommast gezogen. Achim bestand auf der Helikoptervariante, Mike auf der Schiffsvariante. Ich nuckelte genüsslich an meinem Bier und musste schmunzeln ob der Intensität ihrer Argumentation. Auch über die Höhe wurde hin und her gerätselt und daran beteiligte sich dann auch Franz. Ich weiß jetzt nicht mehr, wer schätzungsmäßig der Höhe am nächsten gekommen wäre, jedenfalls handelt es sich auf Inselseite um den Pilone di Torre Faro und der ist 232 m hoch. Als etwa 50 Meter von diesem Ungetüm entfernt die „Bellissima“ ihre Nase in die Straße von Messina steckte, fauchte sie der Wind an wie eine wildgewordene Großkatze. Stellenweise wurden wir von 4 auf 2,5 Knoten Fahrt heruntergebremst und zwar an Stellen, wo das Meer aufgewühlt war wie eine Stromschnelle beim Wildwasserrafting. Und das über die ganze Breite der Straße von Messina, und die ist immerhin zwischen 3 und 8 Kilometer breit. Skipper Andi wollte diese Engstelle unbedingt bei Tageslicht befahren und wenig später wusste ich auch warum. Eine Fähre nach der anderen querte vor unserm Bug von Messina nach Villa S. Giovanni und retour. Zudem gingen noch einige Fischer ihrer Arbeit nach. Wir mussten also achtsam sein und, so Leid es uns tat, unseren Blick von dem herrlichen Sonnenuntergang, der die Stadt Messina in ein goldenes Licht tauchte, loseisen. Ein herrlicher Tag ging um 21.10 Uhr zu Ende, als wir an den riesigen Pollern in Reggio di Calabria im Hafenbecken, dort wo die großen Fähren anlegen, festmachten.


„Am Wochenende ist da nicht viel los“, sagte uns Andi, „ich bin schon einmal hier zugestiegen und mit einem Katamaran bis Palma gesegelt, da hat keine einzige Fähre hier angelegt. Der normale Fährverkehr legt ohnehin am südlichen Ende des Hafenbeckens an und wenn es jemanden stört, dass wir hier liegen, dann wird er schon Hupen, oder Mike?“ Ein herzliches Lachen schüttelte das Boot und erinnerte an ein mitternächtliches Gesangsintermezzo von Mike, der, als er „Cry Baby“ von Janis Joplin in einer kroatischen Bucht zum Besten gab, von einem Wiener Motorbootfahrer zur Räson gehupt worden war. Nach einigen Manöverschlucken ging es in die Koje, denn morgen Früh mussten wir einen Supermarkt finden, um unsere Brot- und Biervorräte aufzustocken. Ich musste mir also etwas einfallen lassen, denn in stinkenden, wabernden Schwaden hatte sich die Konditorei in Palermo vor meinem geistigen Auge aufgebaut.