Tag 6: 25. April 2011

 

Wind und Wellen brüllten die ganze Nacht und ich tat kein Auge zu. Oben an Deck wurde den Elementen getrotzt und die Kommandos, die Skipper Andi aus Leibeskräften gegen den Wind brüllte, hörten sich im Knarzen und Knacken meiner Kajüte wie ein Säuseln an. Übermüdet und ängstlich wartete ich darauf, dass die Tentakel von „Davie Jones“ über das achterliche Bullauge in meine tropfende Kajüte eindringen und er mir mit schnarrender Stimme die entscheidende Frage stellt: „Fürchtest du den Tod?“ „Oh ja“, hätte ich gesagt, „ich dachte immer, eines Tages zuhause zu sterben“, und dann hörte ich wieder dieses Säuseln und mir kam vor, als lachte jemand über mich. Ich zog mir das feuchte Kopfpolster über den Kopf und stopfte mir das zweite gegen die Rippen, damit ich nicht so unkontrolliert hin und her rollte. Auf der einen Seite gegen das defekte Segel gepresst, konnte ich meine Lage so etwas stabilisieren und muss wohl irgendwann eingeschlafen sein.

 

26 bis 28 Stunden an Deck und ohne Schlaf waren die Folgen der Wetterkapriolen der letzten Tage und Nächte. An Deck tobte die Hölle und das Barometer war auf 998 Millibar gefallen, was dazu führte, dass ein Gewittersturm über die „Bellissima“ hinwegfegte. Die Genua wurde mehrmals gerefft und um 5.00 Uhr wurden die Segel geborgen. Die Gefahr, dass die Segel reißen, wurde zu groß, außerdem hatte Achim entdeckt, dass der Baum dort, wo er am Mast angeschlagen war, etwas angeschlagen ausschaute. Aus diesem Grund wurde ein Bullenstander gesetzt und der Baum außerhalb des Cockpits fixiert, denn die Dirk (Tau, das den Baum ohne Segel in der Höhe hält) wirkte auch nicht sehr vertrauenserweckend. Im Laufe des Tages beruhigte sich der Wind und pendelte zwischen E 4 und NNE 4. Der Regen hatte etwas nachgelassen und wir waren guter Dinge. Die Segel wurden wieder gesetzt und wir segelten dahin, dass es nur so eine Freude war. Gegen Abend frischte der Wind wieder merklich auf, was an der Lage des Boots erkennbar wurde. Ich musste mich ganz schön abstützen in meiner Koje.

 

Franz, unser Cookie, Ankerleger und Großsegelmeister, stand breitbeinig an seiner Winsch und freute sich mit Mike, dass die „Bellissima“ fast Flügel bekam.

„Ein bisschen noch“, rief Mike vom Steuerrad zu Franz, was so viel heißen sollte: das Großsegel benötigt noch ein wenig Spannung, damit es nicht flattert. Franz drehte sanft eine Umdrehung an der Winsch, den Blick auf das Großsegel gerichtet. „Ratsch“, und aus dem Großsegelmeister war ein Hartz-4-Empfänger geworden, so jedenfalls seine Meinung zum Verlust des Großsegels. Das in zwei Teile gerissene Großsegel knallte am Mast hin und her, als ob ein Güterzug durch meine Kajüte fährt. Ich blickte kurz den Niedergang hoch, da kam mir auch schon Mike mit dem geborgenen Segel entgegen. Doch es kam noch besser. Beim Bergen des Vorsegels bemerkten wir, dass irgendetwas nicht ganz in Ordnung ist, da es nur sehr schwer aufzurollen ging. Unsere drei Skipper sahen sich die Sache näher an und beschlossen, sich die Sache im nächstgelegenen Hafen genau anzuschauen.

 

Logbucheintrag:

25.04.11 / 18.15 / 523,20 Seemeilen / Großsegel gerissen

25.04.11 / 18.30 /                           / Großsegel bergen

 

„Ustica und Lipari sind nicht mehr zu machen. Wir fahren direkt nach Palermo, um die Schäden am Vorstag zu reparieren und das Großsegel zu flicken“, lautete die kurze, aber durchaus sinnmachende Ansprache von Skipper Andi.

„Heiße Nächte, heiße Nächte in Palermo, oho und klana, Sizilianer, faungt an zum Wanan, oohoho …“, sang ich einen EAV-Hit und erntete keine Begeisterungsstürme. Was wohl daran lag, dass ich mich immer, wenn es haarig wurde, entschuldigen ließ und auch den Abwasch auf Grund schwankender Planken bis dato verweigert hatte. Ja ja, man hat es nicht immer leicht mit der guten Seemannschaft und muss mit Hohn und Spott umgehen können, was für mich kein Problem war, nur dieses „Luft sein“ behagte mir überhaupt nicht.

 

Die Schäden an der „Bellissima“ hatten dem Wetter den Rang abgelaufen und einzig ihr Volvo-Penta-Dieselmotor mit 90 Pferdestärken sorgte jetzt dafür, dass wir ohne funktionierende Segel mit Schleichfahrt der Marina Villa Iglea in Palermo entgegentuckerten. Laut Andis Berechnung würde es morgen gegen Mitternacht soweit sein. Ein Tag noch, jubilierte ich innerlich. Meine Sachen waren gepackt und egal wie, irgendjemanden würde ich finden, der mich auf den Flughafen in Palermo fährt. Ganz egal, was es kostet, ich wollte nur mehr weg.