01. September 2010

Ein Tag in Graz ...

 

Es gibt Tage, in denen alles leicht und flüssig von der Hand geht, das Leben sozusagen wunderschön ist. Dann wieder gibt es Tage, an denen nichts so ist, wie man es sich wünscht. Man kann darüber sinnieren, verzweifeln und sich selbst fertigmachen oder aber, einfach akzeptieren, dass es so ist. Was zweifelsohne schwieriger ist.

 

Freitag der 27. August 2010 war für mich so ein schwermütiger Tag. Ich hatte einen Termin bei einer Psychologin in Graz, eine Kontrolluntersuchung stand auf dem Programm. Gabi hat mich begleitet. Schon auf der Fahrt in die Praxis ging mir vieles durch den Kopf. Werden wieder viele Leute dort warten, was wird sie mich fragen, hat sie Lösungen für meine Probleme und wie lange wird das alles noch dauern, wie oft muss ich noch jemanden erzählen, dass ich mit dem Leistungsdruck der Arbeitswelt nicht mehr zurechtkomme. Ich will endlich meine Ruhe haben. Natürlich war der Warteraum voll. Sechs Personen starrten uns an, als ich die Praxistüre unter knarrendem Geräusch öffnete. Noch so ein psychisch labiler Mensch. Manche von ihnen sahen kurz von ihrer Lektüre hoch, andere Blicke verweilten länger auf mir - ich spüre das. Die Sekretärin gab mir eine Frist von 30 Minuten und die nutzen wir, um am Tummelplatz, im Caffe Gino etwas zu trinken. Im Gastgarten beobachte ich Leute, die an uns vorbeiliefen. In Graz, der zweitgrößten Stadt Österreichs, gab es bestimmt viele Menschen denen es auch nicht gut geht. Zurück in der Praxis kam ich erstaunlicherweise nach wenigen Minuten dran. Der alte wacklige Sessel, auf dem ich saß, war darüber wohl genauso erfreut wie ich. Die Befragung dauerte nur kurz, mit dem Ergebnis, dass ich an eine Kollegin verwiesen wurde. Sie sollte ein psychologisches Gutachten über mich erstellen. ??? Also rief ich dort an und sie nahm mich dankenswerterweise noch an diesem Freitag dran. 16 Uhr - Plüddemanngasse. Ich ersparte mir 220 Kilometer.

 

Es war Mittagszeit und wir wollten uns einmal den IKEA beim Center West ansehen. 49 Jahre und das erste Mal bei IKEA - was es nicht alles gibt. Und genau das dachte ich auch, nachdem wir dort eingetroffen waren. Mir fehlte sofort die Übersicht von der Übersicht. Hungrig strebten wir das Restaurant im 1.Stock an. Köttbullar, eine Empfehlung unserer Tochter Tanja ließ ich links liegen, als ich Kalbswiener mit Kartoffeln um € 5,99 entdeckte. Mächtig großer Fehler. Abgesehen davon, dass wir um € 19,90 in jedem Gasthaus besser gegessen hätten, überforderte mich auch die Ansammlung Menschen, die sich am Buffet eingefunden hatte. Und Buffetkost habe ich nur im Urlaub genossen, wenn ich relaxed und entspannt war - lang ist das her. Ein paar IKEA Plastikdosen später, Gabi hatte Mehrzweckbehälter auf ihrer Einkaufliste, saßen wir im Center West auf der Terrasse beim Interspar. Ich, schon leicht quengelig, nachdem mich an der SB-Getränketheke der Gösser-Naturradler angespuckt hatte. Das Fass war leer, mein Handrücken dagegen voll. Ich entschied mich für ein Seidel Puntigamer, welches mir, trotz 37° Hitze, in kurzer Zeit wohlige Zufriedenheit bescherte. 15 Uhr 15, Zeit aufzubrechen.


Navi an und los, ab in die Plüddemanngasse. Ohne Ortskenntnis mit einem TOMTOM-Navi, das mich andauernd ermahnte zu wenden - das Scheißding sah die Baustellen ja nicht -, war mein Nervenkostüm nach 20 Minuten des Herumirrens wieder auf SB-Theke Interspar Level. Hitze, Staub, Verkehr, Stau und die Angst zu spät zu kommen überforderten mich. Ich schaffte es schließlich noch rechtzeitig. Die

Psychologin empfing uns und teilte mir mit, dass es noch ein wenig dauern würde. Kein Problem, ihr Aufenthaltsraum war eine orange Oase des Friedens mit vielfältiger Literatur. Ich entschied mich für Mira Lobes: Komm sagte die Katze. Dieses Kinderbuch hatte große Buchstaben, war nett illustriert und diente mir, nachdem ich es durchgelesen hatte, als Fächer. Hartcoverumschläge haben eben Vorteile. Die ausgesprochen nette Psychologin machte wenig später den erforderlichen Test. Sie stellte mir freundlicherweise eine Brille zur Verfügung. Ich musste Fragen ankreuzen, einen Stresstest absolvieren (der sicher gut ausgefallen ist) und sie schrieb meinen Werdegang (zu was eigentlich?) in ein großes liniertes Buch. Nach ca. 45 Minuten, Aufbruch, endlich nach Hause. Navi an und los. Da waren wir doch heute schon, meinte ich zu Gabi, denn plötzlich tauchte IKEA vor uns auf. Na ja was soll´s, dachte ich, dann eben durch den Plabutschtunnel und ab nach Hause. Wir wollten eben aus dem Kreisverkehr zum Südportal abbiegen, da stand plötzlich ein LKW-Zug vor uns, mit aktiver Warnblinkanlage. Im selben Moment eine Verkehrsdurchsage von Ö3: »Der Plabutschtunnel ist auf Grund eines LKW-Unfalls im nördlichen Gratkorntunnel gesperrt.« Super, auch das noch! Ich blieb im Kreisverkehr und fuhr Richtung Graz-Zentrum. Für das penetrante - Bitte drehen sie wenn möglich um - meines Navis, hatte ich nur mehr ein müdes Lächeln. Irgendwann kam ich an die Hauptverkehrsader und am Grazer Hauptbahnhof vorbei. Ha, sagte ich zu Gabi, I´ll be back, ich kenn mich wieder aus. Und ... dir zeig ich jetzt, wo´s langgeht, mit triumphierendem Lächeln zu meinem Navi. Andritz, Gratkorn, Friesach und ab wieder auf die A9. Kurzzeitig entspannten sich meine Züge, bis ... ja, bis der Himmel seine Schleusen öffnete und wir bei Kammern fast von der Autobahn gespült wurden. Am Schoberpaß klarte es endlich auf und um 19 Uhr ließen Gabi und ich im EL-PASO bei einer sehr guten Pizza einen anstrengenden Tag ausklingen.

 

Trotz aller Widrigkeiten und der Tatsache, dass ich nicht weiß, wie es mit mir weitergeht, war ich positiv gestimmt, als Gabi und ich spätabends noch auf ein Bier am Balkon zusammensaßen. Müde sagte ich zu Gabi: »Eigentlich geht es uns gut. Die vielen Verkehrsfunkdurchsagen, Staus, Unfälle, Wartezeiten ..., wir sind Gott sei Dank nirgends hineingeraten. Wir haben die große, heiße, stressgeplagte Stadt Graz hinter uns gelassen und sind wohlbehalten in unser beschauliches Liezen zurückgekehrt. Ist doch Glück genug, oder?«