Erster Adventsonntag

Gedanken zur Vorweihnachtszeit


Adventkranz

 

„Advent, Advent, ein Lichtlein brennt,

erst eins, dann zwei, dann drei, dann vier,

dann steht das Christkind vor der Tür.“

 

Wer kennt nicht dieses Liedchen? Am 27. November wird es wieder durch so manche Stube klingen. Erster Adventsonntag, Kinder, Enkelkinder, Mama, Papa, vielleicht auch Großeltern, Tanten und Onkeln werden dann lächelnd vor dem Adventkranz sitzen und die erste von vier Kerzen entzünden. Dazu das eine oder andere Kekserl beißen und eine dampfend heiße Tasse Kakao oder Tee trinken. Gleichzeitig ist es der Startschuss zur vorweihnachtlichen Einkaufsrallye, dem alljährlichen Wem-schenke-ich-was Einkaufs-Geschenke-Marathon.


Doch halt! Hat der nicht schon längst begonnen? Ist es nicht ein fließender Übergang von Schulanfang zu Weihnachten? Liegen nicht schon Ende September die ersten Lebkuchen in den Verkaufsregalen, die ab Ende Oktober von Krampus und Nikolo unterstützt, auf die Käufer warten? Manchmal frage ich mich: Wie lange hält Schokolade eigentlich? (Bei mir nicht lange!) Und warum muss der Krampus von Mitte November bis Anfang Jänner nach den „Schlimmen Kindern“ fahnden, wo er das doch früher an einem Tag, dem 5. Dezember, geschafft hat?


Irgendwie geht für mich in diesen vorweihnachtlich turbulenten Zeiten der Begriff „Brauchtum“ verloren. Was soll man Kindern oder Enkelkindern über Krampus, Nikolaus, Weihnachtsmann oder das Christkind noch vermitteln? Na ja, vielleicht dass sich das Christkind an fixe Arbeitszeiten hält und seine Geschenke erst am Heiligen Abend bringt. Aber seien wir doch mal ehrlich, verkommt das Brauchtum nicht zur reinen Geschäftemacherei, wird es nicht zur Hure der Wirtschaft degradiert und ist es da ein Wunder, dass sich viele Menschen schon vor Weihnachten fürchten, ja, sie sogar hassen?


Na ja, ist vielleicht ein wenig drastisch formuliert. Niemand fürchtet sich vor Weihnachten, oder hasst es. Gefürchtet und gehasst wird nur der Vorweihnachtsstress, wenn gestresste Kunden auf fertige gefahrene, gestresste Verkäufer treffen, wenn die Luft in den Einkaufszentren dünner wird als am Everest, wenn tausende Einkaufswütige in den Shopping-Malls einen Geräuschpegel erzeugen, der dem eines startenden Jumbojets gleichkommt oder wenn das Verkehrsaufkommen bei Shoppingfahrten mit der Familie apokalyptische Fluchtszenarien in das Hirn der Wageninsassen projiziert.


Und schuld ..., sind wir doch selber. Wir haben das Diktat der Wirtschaft angenommen. Jedes Jahr werden die Geldbörsen weit gemacht und im Namen des Beschenken und Beschenkt werden, werfen wir uns in die herzlich ausgebreitenden Arme der werbemäßig gewieft agierenden Geschäfte. Es ist ja einfacher zu schenken, als mit Kindern über Kaufwut, Schenkungswahn und den daraus resultierenden Folgen zu diskutieren. Außerdem, Kinder wollen doch zufrieden gestellt werden. Wie würde das denn aussehen, wenn keine weihnachtlichen Papierfetzten durch die Wohnzimmer fliegen, wenn es keine Freudenschreie oder Unmutsäußerungen gäbe, wenn kleine Geschenke von funkelnden Großen verdeckt werden und ein kümmerliches Dasein in irgendeiner Ecke fristen, bis sie schließlich über Ebay oder so entsorgt werden. Ja was wäre das für ein Weihnachten!


Ein Stilles, ein Besinnliches, vielleicht eines mit Tränen, in diesen Tagen vermutlich sogar von Flüchen verunziert, denn wie hat ein gewisser Herr Grönemeyer, denn ich übrigens sehr schätze, einst gesungen: „Kinder an die Macht.“ Und da sind sie mittlerweile angekommen, von uns gemacht! In diesen Tagen werden Wunschlisten diktiert und sie werden immer länger, in der Hoffnung: Mama oder Papa sind so selten zuhause, arbeiten das ganze Jahr über so fleißig, die müssen ja einen guten Draht zum Christkind haben. Weil das Christkind beschenkt doch nur die braven Menschen.


Irrtum liebe Kinder und auch die, die nicht mehr an das Christkind glauben, sollten sich einmal fragen: Warum sind meine Eltern, sind Mama oder Papa, immer so abgehetzt. Warum ist Mama abends immer müder und hat keine Zeit für mich, warum trinkt Papa lieber mit seinen Freunden ein Bier, als nach Hause zu kommen und mit mir zu spielen.


Wir sollten alle anfangen zu denken: über das Schenken, über das immer mehr, über das klotzen statt kleckern, über das Ich-will-besser-als-andere-sein! Wir sollten anfangen, wieder über den eigentlichen Sinn von Weihnachten nachzudenken:


„Und es geschah, als die Engel von ihnen weg zum Himmel entschwanden, sagten die Hirten zueinander: "lasst uns hinübergehen nach Bethlehem und schauen, was da geschehen ist, von dem der Herr uns Kunde gab!" Und sie gingen eilends und fanden Maria und Joseph und das Kind, das in der Krippe lag. Als sie es sahen, berichteten sie von dem Wort, das ihnen über dieses Kind gesagt worden war. Und alle, die es hörten, wunderten sich über das, was ihnen von den Hirten erzählt wurde. Maria behielt alle diese Worte und erwog sie in ihrem Herzen. Die Hirten aber kehrten zurück und priesen und lobten Gott, für all das, was sie gehört und gesehen hatten, so wie es ihnen gesagt worden war.“

Lukasevangelium, Kapitel 2,1 – 20

 

Um 0:00 Uhr zum 25. Dezember, feiern wir Christi Geburt und nicht, wie viele Geschenke unter dem Christbaum liegen. Ich will jetzt nicht das Beschenken an und für sich verdammen, denn ich weiß sehr wohl, dass funkelnde Kinderaugen heller leuchten können, als die hellsten Kerzen am Weihnachtsbaum. Ich bin weiß Gott auch kein Heiliger, kein Kirchengänger, war noch nie in einer Christmette und weiß auch sonst nicht viel über Sitten und Gebräuche liturgischer Feierlichkeiten.


Doch eines weiß ich mit Gewissheit: Wohin Gier und Maßlosigkeit führen können, wie tief sie einen in den Abgrund reißen können, wie schwer es ist da wieder herauszukommen; und ich weiß auch eines: wenn Gabi und ich am ersten Adventsonntag die erste Kerze am Adventskranz entzünden, dann werde ich in Gedanken bei meinen Kinder, meinen Eltern und Geschwistern sein, bei jenen die mir geholfen und wieder neuen Mut gegeben haben. Es wird ein stilles Gedenken, mit Tee, Keksen und dem flackernden ersten Adventlicht.


Advent, Advent ...