Gespräch mit dem Christkind

23.12.2012 11.36 Uhr

Weihnachten! Die ruhige und besinnliche Zeit. Als Kind habe ich Weihnachten noch geliebt. Den Duft von Keksen, den Schnee vor dem Haus, Weihnachtslieder aus dem Radio, der festlich geschmückte Baum am Heiligen Abend und die bunten Päckchen die darunter lagen. Es waren nie übertrieben viele, so wie in diesen Tagen. In den 1960er Jahren freute man sich als Junge noch über ›Matador‹ oder ›Legosteine‹, auch über Kleidung, warme Handschuhe, eine Haube oder eine gefütterte Winterjacke. Und einmal habe ich Rennskier bekommen, mit einem grün/blauen Rennbelag, ich werde das niemals vergessen. Alles war noch ruhiger und besinnlicher damals, ohne Computer oder Blechpuppen, die knatternd durch das Zimmer marschieren und herumschießen oder unsinniges Zeug daherbrabbeln: »Lass uns die Welt retten!« Als ob eine Puppe das könnte.

 

Und je älter ich wurde, desto mehr ging Weihnachten in meinem Beruf, ich war 32 Jahre Verkäufer, verloren. Die Weihnachtsstimmung wurde mir aus der Seele gelärmt und mehr als einmal wäre ich einen Pakt mit dem Teufel eingegangen, damit dieser Auserkauf meiner Weihnachtsfreude ein Ende nimmt. Die Geburt meiner Töchter stoppte kurzzeitig meine Aversion gegen Weihnachten und in diesen Tagen bemüht sich mein dieses Jahr geborener Enkelsohn, mir die Weihnachtsfreude ins Herz zu lachen. Na gut, dachte ich, dann will ich mal reinen Tisch machen und suchte das Gespräch mit dem Christkind. Und tatsächlich, vor wenigen Tagen, Gabi war zur Arbeit, ich war allein zuhause, kam es mich besuchen. Wir tranken Tee, aßen Gabis leckere Kekse und unterhielten uns über das Weihnachtsfest und meine Wünsche. Dass unser Gespräch zu einer seelischen Inventur meinerseits ausarten würde, dass konnte ich zu dem Zeitpunkt nicht ahnen. Ich habe unser Gespräch niedergeschrieben und will es wortgetreu hier wiedergeben. Solltet ihr darin Rechtschreibfehler oder grammatikalische Ungereimtheiten finden, dann sind die vom Christkind – Ich mache keine Fehler mehr! Ich mache gar nichts mehr! Ich ... ach was soll´s, steht ja eh alles in der Gesprächsaufzeichnung.

 

Mein Gespräch mit dem Christkind!

 

Hallo liebes Christkind. Gut schaust du aus. Die Locken, die Flügel, das goldene Kleidchen, alles noch wie früher. Dass Alter scheint spurlos an dir vorüberzugehen. Ich weiß ja nicht, ob du mich noch kennst. Ich bin der Alfred, und wir haben uns lange nicht mehr unterhalten. Ich glaubte nicht mehr an dich, tut mir leid. Aber du bist ja auch irgendwie ein wenig selber schuld. Ja! Weißt du noch, vor fünf Jahren, als du mir dieses riesige Paket geschenkt hast? Ich war völlig überfordert damit, war sowas von fertig damals! Ich habe alles hingeschmissen – meine Arbeit, mein Lachen, beinahe auch mein Leben. Na ja, ich habe dank meiner Familie die Kurve gekriegt und diese Krise überstanden. Ich will jetzt mal nicht nachtragend sein.

 

Wie bitte? Ob es mir jetzt gut geht? Na ja, besser als damals auf alle Fälle. Nur manchmal, wenn ich allein zu Hause bin und über mein Leben nachdenke, dann kommen diese Ängste. Ja, ich weiß schon auch, dass die nicht von dir sind, lass mich halt ausreden. Ich bin vielleicht zu sensibel und mache mir des Öfteren Vorwürfe, dass ich meinen Kindern kein Vorbild mehr bin. Wie denn auch, wenn man als Mann mit zweiundfünfzig Jahren zuhause sitzt und zum Fenster hinausschaut. Ja, nicht nur, ich weiß schon, Staubsaugen kann ich, den Geschirrspüler ausräumen, Wäsche aufhängen und abnehmen auch, aber ist das eines Mannes im besten Alter würdig? Wie? Sie lieben mich so, wie ich bin? Ja schon, aber ... Was heißt hier – kein aber – ich möchte doch so gerne, dass sie stolz auf mich sind, dass ihr Papa noch etwas aus seinem Leben gemacht hat, dass er endlich alles auf die Reihe bekommt, so wie früher... Wie ich mir das vorstelle? Was meinst du?

 

Ach so ..., nein, in einem Geschäft möchte ich nicht mehr stehen, ich würde gerne etwas Kreativeres machen, etwas, das mit Schreiben zusammenhängt. Ja, ich weiß, ich habe das nicht gelernt, aber ... Lässt du mich bitte mal ausreden? Du bist ja schon fast wie meine ... Oh! Entschuldigung, ist ein Problem von mir. Ich rege mich leicht auf, wenn etwas nicht gut läuft. Bekommt aber meist niemand mit. Das ist schon wieder so wie früher. Wie bitte? Ich soll nicht sarkastisch werden? Du bist gut. Hock du mal den ganzen Tag vor dem Computer und versuche etwas Lesbares zu schreiben. Und wenn du dann die ersten Kapitel hast, reißt dir der Faden und du kommst nicht mehr weiter – so wie im echten Leben. Aber darüber wollte ich ja nicht mit dir streiten ..., ähm reden. Vielmehr wollte ich dir danken! Wofür? Na für alles! Die schöne Gegend, in der wir leben dürfen, die Wälder, Wiesen, Seen, die gute Luft im Ennstal, wir wohnen ja weit genug weg vom Verkehr auf der B 320, und dass wir nicht Hunger leiden müssen, dass wir klares Wasser trinken dürfen, dass wir in keinem Kriegsgebiet leben, dass Österreich so sozial ist und ...

 

Wie bitte? Ich soll mit dem Gesülze aufhören und endlich sagen was ich mir zu Weihnachten wünsche? Also bitte! Na gut, wenn du keine Zeit für mich hast, was ich aber sehr schade finde... Wie? Ich habe keine Ahnung? Also erlaube mal! Nicht mit mir schreien, ich mag das nicht, da werde ich... Und hör sofort auf, mit deinem Stab auf meinen Kopf zu trommeln, das kann ich auch nicht leiden! Niemand trommelt ungestraft auf meinem Kopf! Niemand..., hörst du! Was? Du willst gehen? Warum? Du lässt dich auch nicht gerne anbrüllen? Ups! War ich zu laut, entschuldige bitte. Das passiert mir manchmal, wenn ich aufgeregt bin. Wie? Ich sollte das mit meinem Psychiater besprechen? Du bist gut! Warst du schon mal bei einem Psychiater? Weißt du was das kostet? Das kann ich mir mit meinem Überlebensgeld nicht leisten – so nenne ich meine Pensionszahlung, die ich jeden Monat erhalte, witzig, oder? Aha, nicht witzig. Egal, weißt du, was es bringt, wenn du einmal vierteljährlich ein Gespräch mit so einem Gedankenforscher führst? Nichts? Ja, da hast du vollkommen recht, es bringt nichts. Reine Geldverschwendung. Solange das nicht leistbar wird, auf Krankenschein zum Beispiel, kann ich mich gleich selber therapieren.

 

Wie bitte? Du glaubst, dass funktioniert nicht? Na ja, womöglich hast du recht. Ja, meine Tabletten nehme ich regelmäßig, außer... Was guckst du denn so? Sag bloß, du weißt das nicht? Tabletten und Alkohol, das passt nicht zusammen. Nein, ich trinke nicht, also zumindest nicht viel. Ich habe ja nicht mehr sooo viele Freunde, daher halten sich die Weihnachtsfeiern in erträglichem Rahmen. Und im Winter sitze ich ja auch nicht auf dem Balkon, die Kälte ist nicht so meines, musst du wissen. Ach so, das weißt du! Na dann, wo sind wir stehen geblieben?

 

Ach ja, du willst wissen, was ich mir wünsche. Gut. Als Erstes, dass mein Enkelsohn gesund aufwächst und vielleicht, dass ich mich oft mit ihm unterhalten kann! Gesundheit wünsche ich mir übrigens für meine gesamte Familie, meine Verwandten, Bekannten, Freunde und ihre Familien. Aber das wisst ihr ja schon, das hört ihr ja jede Nacht im Gebet von mir, bevor ich meine Augen schließe. Das findest du lieb? Ich auch, aber so bin ich nun mal. Ich denke zumeist mehr an andere und am Ende, wenn ich zu mir komme, weiß ich nicht mehr, was ich für mich will, oder was für mich gut ist. Tja, ist halt so. Gut, die Natur ist auch so ein schützenswerter Aspekt, den ich in mein Abendgebet einschließe, gefolgt vom Gruß an meine Ahnen: Großeltern, Tanten, Neffen, Bekannte und alle, die mich kannten. Das waren viele, meinst du? Ja, leider. Wieso leider? Ja weil ich mir manchmal wünsche, sie wären noch da und ich könnte sie um Rat fragen, speziell denke ich dabei an meine Großmütter, die haben mir viele gute Ratschläge gegeben. Was meinst du mit: dann befolge sie auch? Ich weiß doch nicht mehr, was sie gesagt haben, ich vergesse schon so viel, verdammt. Dieses viele Denken, jeden Tag muss ich an irgendetwas denken: Wie war das? Was hat Gabi gesagt? Ich soll mehr spazieren gehen? Ja ich weiß, dass du das auch weißt, und ich weiß auch, dass meine Frau dabei sehr clever argumentiert. Sie sagt immer ich ›sollte‹ mehr spazieren gehen, niemals ich ›muss‹ mehr spazieren gehen. Natürlich hat sie recht, aber...

 

Wie bitte? Du hast jetzt keine Zeit mehr? Oh! Tja, dann werde ich mich mal kurzfassen. Brauchst gar nicht zu lachen! Na ja, es klingt aber schön wie du lachst. Ich lache auch wieder gerne. Danke für den Lukas, er hat mir wieder das Lachen gelernt. Ja, da hast du vollkommen recht. Kinder animieren uns Erwachsene zum Lachen, weil sie so natürlich sind. Weil sie nicht an die Konsequenzen denken müssen, bei dem was sie sagen oder tun. Und dabei kommt es halt manchmal zu lustigem Geplauder, zu witzigen Situationen, die einem das Leben in seiner Ursprünglichkeit vor Augen führen. Wie bitte? Ich soll das psychologische Geschwafel sein lassen und auf den Punkt kommen? Also hör mal, Christkind, du bist auch nicht mehr das, was du einmal warst! Wie bitte? Stress? Immer mehr Menschen? Immer mehr Wünsche? Immer mehr Unzufriedenheit mit den Geschenken? Also ..., deinen Job möchte ich auch nicht haben.

 

Ja ja, ist ja gut, ich sag dir jetzt meinen Wunsch: Bitte liebes Christkind! Lass mich die Welt noch einmal mit Kinderaugen sehen, ohne nachdenken zu müssen, was gut und böse ist und vor allem, wer Gut und Böse ist. Lass die Menschen auf Erden respektvoll zueinanderfinden und jene, die eine Waffe gegen einen anderen erheben zu Stein erstarren!

 

Was? Warum schüttelst du den Kopf? Das funktioniert nicht? Bist du nun das Christkind oder nicht? Reg dich bitte nicht auf, ich glaube dir ja, dass du nicht alle Wünsche erfüllen kannst. Wie bitte? Meinen ersten Wunsch kannst du mir erfüllen? Ja super, dann kann ich mich also am Heiligen Abend mit dem Lukas unterhalten! Wie bitte?

 

Ich kann ihn dann fragen, wer von uns den größeren Haufen in seiner Windel hat?

 

Wie meinst du das? Oh nein ..., das hast du ... das hast du völlig falsch ... He, Christkind ..., komm sofort zurück! Du hast da was missverstanden ... So hab ich das nicht gemeint ...!

 

CHRIIIIISTKIND ... KOMM ZURÜCK! BIIIIITTE!

 

Ich wünsche allen Menschen frohe Weihnachten und Frieden auf Erden!