Im Zentrum

Führerscheinentzug für psychisch kranke Frühpensionisten


„Du Schatz, die kommen wirklich!“, sage ich und stürme aufgeregt in die Küche wo Gabi gerade das Mittagessen zubereitet. Spinat, Bratkartoffeln und Spiegelei.

„Wer“, fragt sie erstaunt.

„Na der ORF ..., die schicken jetzt ein Kamera-Team vom Landesstudio Steiermark, weil ich hab der Frau Kaufmann in Wien ja gesagt, dass ich es mir nicht zutraue, live in der Sendung „Im Zentrum“ über meine Krankengeschichte und die Frühpension zu reden. Da sind mir zu viele ...“

„Wann?“

„Was ... wann?“

„Wann kommen sie“, fragt Gabi mit starrem Blick und eingefrorener Rührbewegung.

„Am Freitag, ich glaube das ist der 14. Oktober“, ich schaue auf den Kalender hinter mir „ja, morgen ist Freitag. Gott sei Dank nicht der 13te“, lache ich nervös. Gabi lacht nicht, ihr Blick wandert schon reinigungstechnisch durch die Küche und im Gedanken wohl durch die ganze Wohnung.

 

Am nächsten Tag, Gabi hat sogar den roten Teppich ins Vorzimmer gelegt, läutet mein Handy um halb drei Uhr nachmittags und eine junge Reporterin und ein Kameramann stehen am Parkplatz vor unserem Haus. Alle Parkplätze besetzt. Aber, ich habe ja liebe Nachbarn und Lotte überlässt der Filmcrew ihren Platz und parkt ihren Wagen weiter unten im Hof. Stativ, Kamera, Tontechnik wird in die Wohnung geschleppt, natürlich helfe ich mit. Kann ja Carina nicht auch noch das schwere Stativ tragen lassen, wo sie den weiten Weg von Graz nach Liezen wegen mir gefahren ist. Oliver, der Kameramann und Tontechniker, stellt die Kamera im Vorraum ab und es kommt zum Stau, unser Vorraum ist sehr eng, der sich aber schnell auflöst.

„Wo machen wir es“, sage ich zu den Beiden und ernte einen strengen Blick von Gabi. Soll heißen: lass sie doch selber schauen, sie wissen besser als du, wo das Licht günstiger ist. Oliver entscheidet sich für die Küche und nachdem die Kamera aufgebaut und auf den Küchentisch gerichtet ist, werde ich verkabelt. Eigentlich wollte ich ja in meinem besten Anzug vor die Kamera treten, dem Trainingsanzug, aber Gabi hat mich umgestimmt und so sitze ich jetzt mit schwarzem Pullover und schwarzen Jeans am Tisch. Vor mir liegen meine Bücher und ein blauer Ordner, der mich farblich manchmal daran erinnert, dass ich Blau mache, seit Jänner 2008. So sehen das zumindest einige Menschen. Carina, studierte Journalistin, die im Gegensatz zu mir nicht aufgeregt wirkt, stellt mir Fragen zu meinem Werdegang und was ich zuhause jetzt so mache. Es ist nicht einfach, in kurzen Worten die letzten drei Jahre Revue passieren zu lassen und die Sorgen, Ängste und Ziele sinngemäß zu formulieren. Sie hat eine beruhigende Stimme und ein hübsches Gesicht, das von schulterlangen schwarzen Haaren umrahmt wird. Augenfarbe? Weiß ich nicht. Obwohl ich beim Sprechen Blickkontakt zu ihr halte und nicht direkt in die Kamera schauen muss, bin ich so nervös, dass ich mich nicht auf Details konzentrieren kann. So plappere ich dahin und versuche kurz meinen Absturz ins Burnout und mein Ziel, Autor zu werden, zu erläutern. Ich bin gerade bei meinen journalistischen Versuchen für BLO24 angelangt, da fragt Carina mit interessiertem Blick: „Und was sagen Sie zu dem Vorhaben, dass man Frühpensionisten, die auf Grund psychischer Probleme wie: Burnout oder Depression keiner Arbeit mehr nachgehen können, den Führerschein entzieht?“

 

Es lodert ein zorniges Feuer in mir, seit ich von diesem Schwachsinn erfahren habe, äußerlich reagiere ich aber gelassen und sage: „Tja, ich kann mich mit diesem Gedanken nicht anfreunden, aber es ist ja einfach, auf Menschen die angeschlagen am Boden liegen, noch drauf zu treten.“ Dann wird meine Miene ernst und ich kann mir nicht verkneifen zu sagen: „Und ob sinnvoll ist oder nicht, mit den Milliarden die man zurzeit ins Meer kippt, könnte man bestimmt unterstützende Projekte finanzieren – für die kranken Kassen und die Pensionsversicherungsanstalten.“

 

So ähnlich habe ich es gesagt, glaube ich, und dann war das Interview beendet. Oliver macht noch ein paar Zwischenschnitte und ich bekomme Regieanweisungen – wie ein Schauspieler. Am Küchentisch sitzen und in meinen blauen Ordner blättern; an meinem Arbeitsplatz im Wohnzimmer in die Tasten klopfen (hoffentlich sieht man im Fernsehen nicht wie meine Finger gezittert haben); ins Wohnzimmer hereinkommen, auf die Couch hinsetzen und in meinem Buch lesen. Olivers geübtes Auge erfasst eine Gefühlsregung, als ich nachdenklich in meiner schwersten Zeit zu blättern beginne. Abschließend werden noch Außenaufnahmen von unserem Haus gemacht und ich begleite sie in ihrem Wagen auf den Kalvarienberg, wo bei strahlendem Sonnenschein noch eine Totale auf Liezen gedreht wird. Nach knapp zwei Stunden ist der Beitrag im Kasten, wie man so schön sagt und Oliver und Carina wieder auf dem Weg ins ORF Landesstudio nach Graz. Für die beiden Routine, für Gabi und mich – ein außergewöhnlicher Tag.

 

Wenn sich nun jemand fragt: was macht diesen Kerl so besonders, dass der ORF ein Kamerateam bei im zuhause vorbeischickt, um seine Meinung zu hören?

 

Tja, ich weiß auch nicht, aber vielleicht hat jemand mein Buch: Zeit der Tränen – Ausgebrannt gelesen und ist zu dem Schluss gekommen, dass der Kerl einfach ehrlich ist und dass er in seiner be ... scheidenen Situation, doch noch etwas bewegt. Weil die STEIRERBUA Seiten ..., die schreiben sich ja nicht von alleine.