Luftkampf über Wörschach

Soll ich, oder soll ich nicht? Aufstehen, mein ich, aus meinem Bett kriechen, den Tag beginnen. Obwohl, der Tag hat ja schon begonnen. Ohne mich. Der Wecker zeigt 8.00 Uhr.

 

Ich bin noch müde. Und wahrscheinlich wird es ohnehin wieder so ein Tag, wo ich nur lustlos herumhocke und die Zeitung am Tisch durchblättre. Vielleicht irgendwas Spannendes erleben möchte und mir dann doch wieder nur zusehe, wie meine Lebenszeit vergeht.  Solche morgendlichen Gedanken quälen mich nicht nur heute und halten mich in abwartender Starre. Nur nicht bewegen, es kommt wahrscheinlich eh nichts dabei raus. Vielleicht, wenn ich noch ein wenig abwarte, wird es besser.

 

Diese „vielleicht“ und „wahrscheinlich“ beherrschen mein Denken nun schon seit vielen Jahren. Ich sollte längst wieder schreiben. An meinem Buch, das ich, vor vier Jahren begonnen habe. Aber es bringt wahrscheinlich eh nix. Schon wieder ein wahrscheinlich.

 

Also soll ich, oder soll ich nicht? Aufstehen. Immer diese schwerwiegenden Entscheidungen.

Wieder so ein Tag, wo mir vorkommt, dass sich der Plafond langsam dem Bett nähert. Wenn ich nicht aufstehe, werde ich zerquetscht. Das Atmen fällt mir schon schwerer, die Luft im Raum verdichtet sich. Raus aus dem Bett! Oder soll ich meinem Ende vielleicht gefasst entgegensehen? NEIN! Ich habe noch viel vor!

 

„Du hast noch viel vor? Ja was denn?“, fragt mein Inneres ICH mit, wie mir vorkommt, süffisantem Unterton.

 

Das brauch ich jetzt gar nicht, einen streitbehafteten Dialog mit meinem Ich. Also quäle ich mich aus dem Bett und schlurfe in die Küche. Frühstück. Ein Becher Müsli, danach eine Tasse Kaffee. Schwarz ohne Zucker. Habe ich mir abgewöhnt. Zucker meine ich, der ist nicht gesund. Habe ich doch mein Leben ein wenig verändert. Ach ja, das Rauchen habe ich ja auch aufgegeben. Vor einem halben Jahr. Na also, geht doch. Meine Brust schwillt und ich denke, dass ich doch nicht so ein Loser bin. Vielleicht halte ich es diesmal durch und zünde mir keine mehr an.

 

Heute ist der 8. Juni. Die Uhr am E-Herd zeigt halb zehn. Bin rasiert und gezähneputzt. Also … ich habe mir die Zähne geputzt. Duschen fällt vorerst aus. In einem spontanen Energieanfall habe ich entschieden, eine kleine Radtour zu unternehmen. Mal schauen, ob die Brücke bei Fischern auf dem R7 Ennstalradweg schon befahrbar ist. 

 

Die Sonne scheint, ein paar Wolken bewegen sich träge Richtung Osten. Ein ansehnlicher Wattebausch ruht vom gestrigen Gewitter noch über dem Nazogel. Oder Angerkogel, wie ihn die Eingeborenen auch nennen. Richtung Westen sind leichte Dunstschleier auszumachen, die sich, je weiter man nach Westen schaut, in ein dunkelgraues Band verfärben. Da kommt wieder was auf uns zu, denke ich. Ich steige auf mein orangefarbenes Pedelec und trete in die Pedale. Man kann auch E-Bike oder Stromradl dazu sagen. Aber heute will ich meinen inneren Schweinehund quälen und fahre ohne Strom. Gut, es geht vom Alpenbad in Liezen bergab und dann am R7 Richtung Wörschach flach nach Westen. Egal, es ist auch auf ebener Fahrbahn anstrengend ein stromloses 23 Kilo E-Bike und 78 Kilo Mann zu bewegen.

 

Langsam gleite ich aus der Stadt und fahre über Weißenbach zum R7. Mit jedem Tritt in die Pedale wächst die Erleichterung. Der Druck, den ich im Schlafzimmer verspürt habe, weicht einer frühlingshaften Euphorie, die mich lächeln lässt. Ich erwache.

 

„Mein Gott, was habe ich für ein Glück, hier leben zu dürfen. Ich bin halbwegs gesund, kann mich bewegen und fahre durch eine Landschaft, um die mich viele Menschen auf dieser Welt beneiden.“

 

Warum komme ich nie auf solche Gedanken, wenn ich im Bett liege und nicht aufstehen will? Vermutlich sind das Symptome einer leichten Depression. Wobei, was ist schon leicht an einer Depression?

 

Ich radle den Weißenbach entlang auf die Enns zu. Die Bäume entlang des Baches spenden Schatten und das gluckernde Wasser wirkt wie ein Quell der Energie, die ich anzapfe. Alles fließt, alles ist in Bewegung. Ich auch.

 

Auf der Ennsbrücke werfe ich einen Blick hinunter in den Fluss. Er hat viel vom neusiedlerseebraun der vergangenen Tage eingebüßt und färbt sich langsam wieder in sein angestammtes grünblau. Doch ein Gewitter kann die Wasser der Enns rasch wieder in das kakaobraun des Neusiedlersees wandeln. Noch ist es sonnig und das dunkelgraue Band im Westen verharrt hinter dem imposanten „Grimming“. Neben mir sattgrüne Wiesen und Äcker, aus denen sich stiefelhoch, die später langstieligen Maispflanzen erheben. Im Herbst muss man da Vorsicht walten lassen, man sieht in Kurven nicht, ob einem jemand entgegenkommt.

Ich betrachte meinen Schatten, der stetig rechts hinter mir herfährt. Dankbar fühle ich den frischen Wind im Gesicht, höre Vögel zwitschern, Grillen zirpen, Blätter rauschen und freue mich über knirschenden Kies unter meinen Rädern. 

 

Alles fließt. Alles verändert sich. Von Sekunde, zu Sekunde. Alles bewegt sich. Ich mich auch.

 

Die Brücke bei Fischern ist fertig saniert und spannt sich in hellem Holz über die Enns. Turbinendonner eines Eurofighters lässt mich in den Himmel blicken. Ich kann den Jäger nicht sehen. Aber er ist da, unüberhörbar, irgendwo da oben. Was werden sich wohl Flüchtlinge bei so diesem Geräusch denken, fährt mir ein Gedanke durchs Hirn und ist wieder weg. Ich kann diese Angst nicht fühlen und muss sie hoffentlich auch nie erfahren.

 

Fühlen kann ich dagegen, meine Freude, während ich mich Wörschach nähere und langsam neben dem Fußballplatz durch die Bahnunterführung rolle. Auf der anderen Seite der Bahntrassen, der Wöschacher Tennisplatz, auf dem bald ein großes Match stattfinden wird. Und ich werde dabei sein und darüber schreiben. Ein positiver Punkt in meiner Vita. Ich bin nicht umsonst auf der Welt.

 

Eigentlich ein saublödes Denken, aber manchmal stülpen sich solche Gedanken über mich, wie eine Käseglocke über den Bergbaron. Oder einen anderen Käse halt. Diese Glocke ist hinterlistig und kommt meist unverhofft. Muss noch die richtigen Mechanismen finden, um sie abzuwehren. Sport wäre so ein Mittel und das ABER weglassen … vielleicht. Das auch!

 

Ich fahre an der „Scherz-Pyramide“ vorbei. Nein, das ist keine „Scherzpyramide“, sondern vielmehr ein pyramidales Kompetenzzentrum des Radsports im Bezirk Liezen. Dort werden unter anderem die „Steirerbikes“ gefertigt.

 

„Und warum fährst du dann ein Bike von CUBE?“

 

Keine Ahnung, gebe ich meinem fragenden Gedanken als Antwort und füge hinzu: weil´s schön ausschaut, weil ich es in Liezen günstig bekommen habe, weil ich dem Gedanken „Fahr nicht fort, kauf im Ort“ gefolgt bin, weil ich … 

 

Ach, lasst mich doch in Ruhe. Man muss nicht jedem fragenden Gedanken eine Antwort geben oder sich von ihm martern lassen. 

 

Ich verlangsame meine Geschwindigkeit, eine Gruppe Schulkinder kommt mir neben dem Radweg entgegen. Wobei, Geschwindigkeit verlangsamen ist jetzt übertrieben. Ich cruise heute durch die Landschaft und gönne meinen Augen die Freude, sich daran sattzusehen. Viele freundliche Kinderhallos später biege ich nach links, auf den neu gebauten Weg zurück zum Sportplatz. Die Ampel am Bahndamm ist rot, ein Zug quert und ich verringere mein Tempo, um nicht stehenbleiben zu müssen. Nachdem der Zug vorbei ist, beschleunige ich etwas und radle über den Bahndamm. Danach biege ich nach links und bin wieder auf Heimatkurs Richtung Liezen.

 

Ein kreischen und krächzen lässt mich stoppen und erneut zum Himmel aufblicken. Ein Mäusebussard wird von einer Krähe attackiert. Obwohl viel kleiner, fliegt die Krähe unablässig und mutig, schnelle Angriffe gegen den scheinbar träge dahingleitenden Bussard. Ein Schauspiel, das ich schon des Öfteren beobachtet habe. Dabei kommt mir jetzt ein faszinierender Gedanke.

 

Der träge Bussard könnte mein Inneres Ich sein, der mir, wenn ich nicht achtsam bin, meine verletzte Seele raubt. So wie der Bussard über mir vermutlich am Inhalt des Krähennestes interessiert ist, ist mein Seelenbussard darauf aus, sich meine nur langsam heilende Seele einzuverleiben. Ich muss also die Krähe in mir loslassen, die diesen Seelenbussard verjagt. Denn so wie die Krähe, die im Luftkampf über Wörschach den Bussard dominiert und letztlich auch verjagt, soll auch meine innere Krähe in Zukunft agieren.

 

Ja, ich muss mehr Achtsamkeit üben. Und der Satz – wir MÜSSEN gar nichts – der mir in einer Therapiestunde in der Psychosomatik Klinik diktiert wurde, stimmt absolut nicht. Ein gesundes Maß an MUSS ist nicht schlecht im Leben, um sich nicht selbst im »NICHTSMÜSSEN« zu verlieren

 

ICH MUSS: atmen, achtsam sein, die Toilette aufsuchen, mich waschen, wenn ich unter Leuten gehen und nicht vereinsamen will. Essen und trinken und … aus dem Bett steigen, sonst versäume ich so wunderbare, motivierende Tage wie diesen. Und vielleicht auch den einen oder anderen motivierenden Luftkampf über … 

 

Ach ja, in Liezen angekommen habe ich dann doch noch den Motor zugeschalten, als ich den steilen Weg zum Alpenbad hochradle. Ich komm so leichter nach Hause und es ist einfach geil, wenn ich in die Pedale trete und mir mein Rad beinahe unter dem Ar... davonfährt.

 


Die Bilder zum Text habe ich bei einer R7 Radweg "Wörschachrunde" am 20. Juni 2018 mit meinem Huawei P20 lite Handy aufgenommen.