Liezen vom Norden aus gesehen
Liezen, Juni 2009

Meine Stadt

 

Seit ich denken kann, lebe ich in meiner Stadt. Ich habe so vieles mit ihr erlebt. Schönes, schlechtes, lustiges, trauriges, sie hat mich gelobt, sie hat mich gehasst, sie hat mich liebkost, sie hat mich in die Hölle geschickt und wieder zurückgeholt. Sie war mir Schule, sie war mir Lehre, sie hat mich zu dem gemacht, der ich heute bin.

 

Sie ist keine Schönheit, nicht vollkommen, aber liebenswert. Sie schmiegt sich in das Tal wie ein Kind an die Mutterbrust. Steil ragen im Norden die Felswände des Nazogl hoch. Davor eine Wand, rot. Diese rote Wand, so die Sage, wurde einst von einem Drachen bewohnt und bewacht. Viel wurde über diesen Drachen erzählt, auch von Römern, die einst hier hausten. Der Drache und die Römer sind schon lange nicht mehr da. Meine Stadt schon. Und sie wächst und verändert sich ständig. Einst schlug ein Herz aus Stahl in ihrer Brust und sie atmete roten Rauch aus. Vergangenheit, denn meine Stadt geht mit der Zeit, hat sich gewandelt, ist ökologisch sauber geworden und hat sich in den Jahren so manch neues Kleid übergezogen. Sie ist nicht groß, im Sinne von Fläche, sie ist überschaubar. Vom Kalvarienberg mit seinem kleinen Kirchlein kann ich meinen Blick schweifen lassen. Über die rot-schwarz gedeckten Ziegeldächer, über den hohen Kirchturm, vorbei am mächtigen Grimming mit seinen schroffen Graten, bis weit ins obere Ennstal hinauf, wo die geschäftigen Berge der Schladminger Tauern die Touristen locken. Go West! Nein, ich bleibe.

 

Meine Stadt ist geschäftig, eine modische, eine pulsierende Stadt, die an Wochentagen die Menschen aus allen Teilen des Bezirkes aufnimmt, ihnen Arbeit gibt, sie in  Kaffeehäusern entspannen lässt, sie mit dem Duft von Gebratenem, Gegrilltem und Pizza verführt. Manchmal ist sie ein wenig bockig, wenn ihr der ganze Verkehr zu viel wird, dann schließt sie ihre Augen und lässt die sie nervenden Autos an roten Ampeln warten. Am Sonntag ist meine Stadt eine ruhige Stadt. Da blickt sie auf vereinzelte Spaziergänger; Alte, Junge, mit und ohne Kinder, Fahrradfahrer und Läufer, und sie lässt ihre Seele an den Ufern der Enns baumeln, wo sie Fischern beim Angeln zusieht. Ihre saftig grünen Wiesen, die sich im Süden ausbreiten sind eine wahre Augenweide, Naherholungsraum für uns Städter. Im Frühling kunterbuntes Blumenmeer, im Sommer ein flirrend und schwirrendes Wiesenmeer, im Herbst duften Heuballen und im Winter ein beliebtes Ziel für Freunde des Langlaufs.

 

Überhaupt ist meine Stadt eine sportbegeisterte Stadt, die vielen Vereinen Unterschlupf bietet. Wie in anderen Städten auch, steht der Fußball dabei ganz oben. Und doch war es ein Wintersportler, ein Rodler, der mit olympischem Gold meine Stadt einst im ganzen Land berühmt machte. Meine Stadt ist auch kulturell vielseitig. Sie hat zwei große Säle und eine Kleinkunstbühne im alten Kino, um Künstlern aus aller Welt eine Plattform zu bieten, wo sie ihre Künste zur Schau stellen können. Ob Mode, Musik, Kabarett, Theater oder Narrenspiel, jeder findet hier Platz und für jeden hat sie ein offenes Ohr. Und wenn Schulkinder die Hallen beim Turnen oder Ballspielen mit fröhlichem Kreischen erfüllen, dann lehnt sie sich zufrieden zurück und beobachtet die nächsten, heranwachsenden Generationen.

 

Ob Frühling, Sommer, Herbst oder Winter, meine Stadt unterhält mich jede Minute meines Lebens. Manchmal ist sie lustig, manchmal still und leise, manchmal überfüllt und laut, manchmal stimmungsvoll und heimelig und manchmal auch ein wenig aufdringlich. Aber sie ist die Stadt, die ich liebe, in der ich, seit ich denken kann, lebe und in der ich, wenn es mir bestimmt sein sollte, auch sterben werde. Irgendwann, wenn meine Zeit gekommen ist.

 

Aber bis es so weit ist, werde ich Liezen lieben und leben.

 



Feedback zu dieser Geschichte:

Nachricht via Mail vom 6. Februar 2012:

 

Hallo Fred!

 

Habe soeben die schönste Liebeserklärung an deine Stadt gelesen. Du hast mir aus dem Herzen gesprochen, denn auch ich, obwohl ich nicht mehr zu Hause wohne, liebe diese Stadt sehr, vor allem den Grimming, den ich auf einem großen Foto in meiner Wohnung hängen habe. Oder ich sehe ihn mir auf deiner HP an wenn ich Heimweh bekomme. Danke für diese schöne Seite.

 

Da kann ich nur danke sagen und ich werde mich bemühen, weiterhin stimmungsvolle Geschichten zu schreiben.


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