Meine Gedanken zur Kultur

„Au Wei - Herr Weiwei!“

 

Ich muss zugeben, dass mich Kunst in Extremform noch nie interessiert hat. Hingegen schöne Bilder anzusehen, gute Musik zu hören, ansprechende Texte zu lesen, was ja auch eine Form von Kunst darstellt, ist schon mehr nach meinem Geschmack. Ich möchte Ihnen ja nicht allein die Verantwortung an diesem irritierenden Projekt, einen „Stein“ auf den „Dachstein“ zu fliegen, anlasten. Da gibt es ja noch die Verantwortlichen der Regionale 10, die Planai - Bahnen und die Firma Schenker Transporte, die anscheinend nicht wissen wohin mit Ihrem Geld.

Der Erdbebenopfer von Sichuan 2008 zu gedenken, ist ein hehrer Gedanke, aber lebendig wird davon niemand mehr. Und ich glaube auch die Angehörigen haben nicht wirklich etwas davon, wenn Sie, Herr Künstler, „Stein zu Stein“ bringen. Ein Wort an die Verantwortlichen und Gönner - vulgo Sponsoren: „ Was glauben Sie, wie vielen in Not lebenden Steirerinnen und Steirern könnte mit 50.000 Euro das Leben erleichtert werden? Wie vielen von Ihnen würde ein „Stein“ von Herzen fallen über etwas Hilfe und Menschlichkeit?“

Ich finde, Kunst sollte Menschen erfreuen und nicht provozieren. Wenn jemand provozieren will, sollte er sich nicht hinter der Kunst verstecken. Er bringt damit ernsthafte Künstler, die sich Gedanken machen und im Bemühen etwas Besonderes zu schaffen alles geben, in Misskredit.

Über so Aussagen: der Hauptplatz von Liezen ähnelt einem Vorort von Moskau, kann ich nur den Kopf schütteln, denn ich weiß, dass dieser Pseudokünstler, meine Heimatstadt Liezen, nur von einem Spaziergang her kennt und es sein Ziel war, sich in den Mittelpunkt einer Diskussion zu stellen. Dass es Damen und Herren gibt, die ihn dabei unterstützen, spiegelt für mich nur wieder, dass es Menschen gibt, die auf Kosten anderer ihren Spaß haben wollen.

 

Ich hoffe ich habe nicht zu sehr provoziert, denn sonst wäre ich ja ein „Künstler“!


Sehr geehrter Herr Stadlmann,

Selbstverständlich muss man nicht alles gut finden, was in den verschiedenen Künsten oder innerhalb eines Festivals wie der regionale10 passiert. Ich kann Ihnen aber versichern, dass es sowohl dem Autor des Artikels, auf den Sie sich beziehen, als auch dem chinesischen Künstler Ai Weiwei keineswegs darum geht, auf Kosten anderer Spaß zu haben, sondern um eine ernsthafte Auseinandersetzung.  
Ich möchte Sie bitten, das anzuerkennen.

Nach vielen Gesprächen habe ich gelernt, dass man den Artikel im Magazin der regionale10 als verunglimpfend lesen kann, ich darf Sie aber darauf hinweisen, dass mehr als die Hälfte der Leserinnen und Leser aus Liezen das keineswegs tut, sondern den Text so wahrnimmt, wie er auch gemeint ist: als eine durchaus kritische, aber auch liebevolle Auseinandersetzung mit der Realität. Ich glaube, es lohnt sich, darüber nachzudenken.

Zum Stein: Natürlich kann man mit 50.000 Euro sehr viel Gutes tun.  
Aber das gilt für jede andere private oder staatliche Ausgabe, die nicht der unmittelbaren Bedürfnisbefriedigung dient, auch. In der Steiermark werden jährlich 500.000.000 Euro für soziale Aufgaben ausgegeben. Da ist es wohl vertretbar, dass eine sehr, sehr, sehr viel kleinere Summe auch für kulturelle Augaben ausgegeben wird, schließlich haben Menschen auch auf diesem Gebiet Bedürfnisse, wie Sie ja selbst, der Sie auch kulturell tätig sind, wissen.
Mir ist dennoch klar, das 50.000 Euro nicht wenig Geld ist. Und auch Ai Weiwei weiß das. Wenn er dennoch einen Stein von China auf den Dachstein schickt, dann deshalb, weil er uns damit etwas erzählen möchte. Ich möchte Sie einladen, darüber nachzudenken, was das sein könnte.
Und Sie haben ja mitbekommen, dass Ai Weiwei darum gebeten hat, ihm Fragen zum Projekt zu stellen. Wenn für Sie Fragen offen bleiben, dann möchte ich Sie einladen, diese Fragen (eine oder auch mehrere) konkret zu stellen und an dachstein@regionale10.at zu schicken. Ihre Fragen dürfen dabei gerne auch kritisch sein.

In jedem Fall möchte ich Sie darauf hinweisen, dass es nicht nur diese beiden Projekte der regionale10 gibt, sondern noch mehr als 30 weitere. Zum Beispiel hat Hans Peter Litscher im ehemaligen H&M ein "Liezeaneum", ein Liezen-Museum eingerichtet, in dem es – mit einem Augenzwinkern – zu erfahren gibt, welche tollen Menschen Liezen hervorbringt. Noch von Donnerstag bis Sonntag können Sie das im Rahmen einer Führung (jeweils um 19 und 21 Uhr) erfahren – nicht versäumen!
Und wenn Sie mal bei uns im Festivalzentrum auf einen Kaffee oder ein Bier vorbeikommen, bekommen Sie Informationen zu den vielen weiteren Veranstaltungen. Ich bin sicher, dass da auch für Sie Spannendes dabei ist.

Beste Grüße
dietmar seiler