Urlaub ist doch was für Beknackte, oder?

 

Also ich habe da dieser Tage was gelesen und seien wir uns doch mal ehrlich: Urlaub ist doch wirklich nur was für Beknackte, oder?


Da rackerte und ackert man das ganze Jahr hindurch, nur dass man Freunden, Bekannten und vor allem Nachbarn erzählen kann: „Ach, wir hatten wieder 14 herrliche Tage in Lignano“. Und die Wahrheit: fix und fertig ist man jedes Mal nach dem Urlaub und auch schon vor dem Urlaub. Das fängt ja schon an bei der Reiseplanung, bevor man überhaupt ins Auto steigt, bevor man überhaupt das erste Stück eingepackt hat, das man im Urlaub dann sowieso nicht anzieht, weil zu heiß, weil zu hässlich, weil die Nachbarin auf der Liege nebenan dasselbe Kleid mit blauen Blümchen trägt. Und vor der Abreise muss ja noch die Wohnung auf Hochglanz gewienert werden, weil man kann ja der Nachbarin nicht zumuten, die man zum Blumengießen überredet hat, dass sie über die Socken, die leeren Bierflaschen, die dreckigen Unterleibchen und das Playboy-Magazin des Göttergatten stolpert. Natürlich muss auch die Küche in tadellosem Zustand sein. Geschirrspüler ausräumen, Mistkübel leeren, den Wäschekorb leeren, die veraltete Garderobe, die über dem verstaubten Heimtrainer im Schlafzimmer hängt noch in den Kasten sperren und Muttis Liebling, der Dildo, soll ja auch nicht von der Nachbarin benutzt werden. Darum Sicherheitsverwahrung!

 

Und dann dieses Koffer packen, mein Gott, das ist ja jedes Jahr eine eigene Wissenschaft. Da kann man wunderbar sehen wie ungleich Mann und Frau eigentlich sind, weil Vati immer meckert, dass Mutti zu viel einpackt. Und Mutti lamentiert, dass das nicht stimmt. Und Vati wiederum sagt dann zornig: DOCH! Und das unnötige Zeug, das sie jedes Jahr einpackt und sowieso nicht braucht, muss er ja dann tragen, zumindest bis zum Auto vor dem Haus. Es gibt nichts Effektiveres als Koffer packen, um binnen weniger Minuten den schönsten Vorurlaubsstreit, wenn es heftig wird sogar Ehekrise, vom Zaun zu brechen. Und das setzt sich dann fort, wenn es um den Reiseproviant geht. Während Frau auf etwas Leichtes für die lange Fahrt in den Süden plädiert, mosert Mann nach Bier, Speckbrot oder Schnitzelsemmel, weil immerhin braucht er ja Kraft, weil immerhin trägt er die Verantwortung für das Gelingen der Reise, weil immerhin er ja fährt und weil immerhin auch er Urlaub hat und das ganze Jahr über kurz gehalten wurde. Und dann noch das Haus sichern, weil Einbrecher sich ja gerne den Kopf zerbrechen wie sie reinkommen und nicht den Tag der offenen Tür vorfinden wollen. Ist das erst einmal alles geschafft und Mutti springt von ihrem Koffer, weil die hochhackigen Pömps das Schließen verhindert haben, dann ..., ja dann geht es ab auf die Straße.

 

Warum fahren so viele Menschen in den Urlaub, kann mir das irgendjemand verklickern, und warum fahren so viele mit dem Auto, bei den Spritpreisen heutzutage. Und es ist alle Jahre dasselbe, irgendwie glaubt man den Verkehrswarnern nicht mehr, man wird ja abgestumpft, weil man jedes Jahr im Sommer die gleiche Leier hört. Das ist ja wie wenn ein Mann am Abend ein wenig später von der Arbeit nach Hause kommt und verschwitzt nach Bier riecht. Irgendwann hört er die Kommentare seiner Frau ja auch nicht mehr und irgendwann gibt die Frau dann auch keine Kommentare mehr ab. Aber Stau, ja Stau gibt’s immer, jeden Sommer, weil die Baustellen auf den Autobahnen im Sommer aus dem Asphalt schießen, wie die Herrenpilze im herbstlich kühlen Wald.

 

Und hat man es dann, entgegen aller Erwartungen, nach sieben Stunden endlich bis nach Lignano geschafft, bekommt man die Rechnung präsentiert. Das Bett ist zu klein, zu hart, man muss neben der Ehefrau schlafen, der Parkplatz ist nicht bewacht, der Euro ist hier nur die Hälfte wert und Pizza und Pasta statt Lungenbraten und Schweinsschnitzel. Und dann der Strand: lärmende Kinder, verkaufswütige Schwarze, die netten Strandnachbarn aus Timbuktu, die Tag für Tag Geschichten erzählen, die man so interessant findet, da möchte man doch lieber ein Kleinkind im Hindukusch beim Kirschkern verschlucken beobachten. Und letztlich der Sand, der einem bis in den hintersten Darmwinkel klettert, wobei das abends ganz lustig werden kann, wenn Vati die Erfolgsmeldung aus dem WC ruft: „Ich habe eine Sandburg gekackt – mit drei Zinnen und Zugbrücke“.

 

Und dann in umgekehrter Reihenfolge wieder retour. Man will ja schließlich wieder nach Hause kommen, entspannt, erholt und mit Brandblasen am Körper, weil nur einmal wollte man sich das dämliche Geschwätz der Timbuktuer ersparen, also hat man sich in einer heruntergekommenen Strandbar mit überteuerten Cocktails die Kante gegeben und ist anschließen kurz auf der Liege eingenickt. Koffer packen, auschecken, Glück haben wenn das Geld reicht, Glück haben wenn das Auto noch da ist, Stau Richtung Heimat, und irgendwann, mitten in der Nacht, schleicht man dann total erledigt in sein trautes Heim und schläft sich zwei Tage so richtig aus, damit man Freunden, Bekannten und Nachbarn entspannt vom herrlichen Urlaub in Lignano berichten kann.

 

Und jetzt frage ich Sie: Ist das nicht beknackt?