Das Manuskript und der Verlag

 

Die letzte Zeile war geschrieben,

der letzte Punkt, er war gemacht,

in der Stille vieler Nächte

hat mein Schöpfer mich erdacht.

 

Jetzt kam für mich die Zeit der Reisen

und alsbald würd´ es sich weisen,

ob es eine Zukunft gibt

und ob ein Lektor mich wohl liebt.

 

Natürlich nicht so wie mein Vater,

ja, das war mir sonnenklar,

er hat jeden Tag gelitten

und war immer für mich da.

 

Sah auch die Herrin dieses Hauses,

das mitunter nicht so gern,

Gott sei Dank, obwohl´s banal klingt,

er konnt´ sich immer sanft erwehr´n.

 

Jetzt kamen ich und meine Brüder,

die er erschaffen als Kopie,

gepackt in schnödem Postkuverte,

an jenen Ort der Fantasie.

 

So dachte ich zumindest anfangs,

euphorisch voller Tatendrang,

doch bis ich dem Kuvert entnommen,

dass dauerte schon ziemlich lang.

 

Als erstes sah ich müde Augen,

dann den Kopf mit krausem Haar,

jede Form von Enthusiasmus,

war hier völlig unsichtbar.

 

Ich warf mich rasch in eine Pose

um den Lektor zu entzücken,

denn er sollt, so Vaters Wille,

ihn mit dem Vertrag beglücken.

 

Ich wusste ja bei uns zu Hause,

wartet Vater angespannt,

auf eine Meldung aus dem Hause,

zu dem er mich hat hingesandt.

 

Doch leider war mein Auftritt kurz

ich war dem Lektor ziemlich schnurz,

war nicht das wonach er suchte,

ich hörte schon wie Vater fluchte.

 

Nicht über mich, nein, auf den Lektor,

dass er nicht sah, mein Potential,

doch so wie ich den Vater kenne,

probiert er es bestimmt nochmal.

 

 

© Alfred Stadlmann 2009