Die Trauerweide

 

Vorm Haus steht eine Trauerweide,

die ich, ob ihrer Kraft beneide.

Seit Jahren wurzelt sie im Grün

und nimmt ihr Dasein einfach hin.

Sie stört auch nicht, wird sie gesägt,

bis sich kein Ast mehr an ihr regt,

als kahlen Stumpf, mit off´nen Wunden,

so habe ich sie vorgefunden.

Kein Ast mehr, aus dem Weiden ranken,

kein Gelb, kein Grün zum Schatten tanken.

Nur mehr ein Torso, ohne Leben,

kein Gelb wird sich im Wind bewegen.

Doch wie das Frühjahr Einzug hält,

wird auf den Kopf gestellt, die Welt.

Der Mensch, der immer meint und denkt,

dass er, der Welt Geschicke lenkt,

wird lebensfroh zurechtgewiesen,

die Weide lässt die Zweige sprießen.

Und meinen Augen leuchten pur,

bestaun´ die Kräfte der Natur

und frage mich, wie sie das schafft,

wo nimmt sie her nur diese Kraft?

So steh´ ich vor der Trauerweide,

die ich um diese Kraft beneide.

 

 

© Alfred Stadlmann 2012