Der Perfektionist

von Alfred Stadlmann 

Gerne hänge ich Wäsche auf, wenn die Sonne unseren Balkon wärmt. Meine Frau arbeitet und ich bin zu Hause. Da ist es doch nur recht, wenn ich sie ein wenig im Haushalt unterstütze. Außerdem hat es etwas Beruhigendes, wenn ich Ordnung in den Haufen wirr im Wäschekorb liegender Textilien bringen kann, sie in Reih und Glied auf den Wäscheständer drapiere. Erst die T-Shirts und Jeans, dann die Unterhosen und letztlich die Socken, gleich zu gleich, wenn möglich mit gleichfarbigen Wäscheklammern.

 

Die T-Shirts hänge ich links, die Jeans schlage ich einfach über den breiteren Rand des Wäscheständers. Natürlich schüttle ich sie zuvor ordentlich durch und ziehe die Hosenbeine in Form. Gleiches mache ich mit den T-Shirts, aber die haben ja keine Hosenbeine, deshalb ziehe ich bei denen die Ärmel lang und schüttle sie ordentlich, dann ist ein Bügeln nach dem Abnehmen nicht mehr nötig. Bügeln ist viel zu gefährlich. Hab mir einmal den Finger verbrannt, nur weil ich dabei auf den Fernseher geguckt habe. Die Unterhosen hänge ich rechts neben die T-Shirts, da nehme ich es nicht so genau. Die klemme ich, die Außenseiten sauber nach innen gewendet, so gut es eben geht auf die weißen Metallstricke. Da kann es schon mal vorkommen, dass ein Unterhöschen meiner Frau neben einer Unterhose von mir hängt. Aber egal, bin ja kein Perfektionist mehr. Obwohl, jetzt wo ich zum Küchenfenster raus sehe, ich muss das ändern. Auch die Anordnung der Wäscheklammern entspricht nicht meinem Sinn für lineare Gleichheit der Farbreihen, da muss ich auch umklammern. Dieses Meisterwerk der Trocknungskunst soll ja Ordnung repräsentieren, wenn die Nachbarinnen auf unsren Balkon gucken und sich vermutlich wünschen werden, so einen Mann im Haus zu haben.

 

Jetzt wo ich darüber nachdenke, vielleicht sollte ich den Wäscheständer doch etwas weiter nach hinten stellen. Da ist unser Balkon nicht so einsehbar und ich müsste mir keine Gedanken machen, was die Nachbarinnen über die Größe meiner Unterhosen denken. Außerdem sind einige schon etwas ausgefranst. Meine Unterhosen, nicht die Nachbarinnen.

 

Ich hasse es, Geld für Unterwäsche auszugeben, deshalb trage ich sie so lange wie möglich. Manche haben deshalb schon kleine Löcher. Meine Frau schimpft jedes Mal mit mir, wenn ich meine löchrige Unterwäsche noch in den Wäschekorb lege. Aber da müssten die Nachbarinnen schon Ferngläser benützen, um die Löcher zu sehen.

 

Warum mache ich mir eigentlich immer so viele Gedanken darüber, was Andere über mich denken. Das ist eine denkbar schlechte Eigenschaft, denke ich, die ich tunlichst abstellen sollte. Aber so, denke ich, denke ich schon mein ganzes Leben lang. Darum bin ich an diesem wunderbaren Spätsommertag auch zu Hause, mit 47 Jahren, habe keinen Job mehr, keine Freunde mehr, keine Ziele, keine Perspektiven mehr. Bis auf ein bisschen Haushalt eben, eigentlich kein Leben für einen Mann, das es sich zu leben lohnt.

 

Obwohl, ich blicke auf den Wäscheständer am Balkon, links von mir gurgelt ein Schwall Wasser durch den Geschirrspüler, den ich fein säuberlich eingeräumt und vor Kurzem gestartet habe. Die Sonne leuchtet auf die verschiedenfarbigen Wäscheklammern, die, auch wenn es mich würgt, nicht in linearer Gleichheit sind und trocknet unsere Wäsche. Eine lebensbejahende Aura, geholfen zu haben – „meiner Frau geholfen zu haben“ – hüllt mich ein, beruhigt und spendet mir Kraft. Das Leben ist schön … Und das ist … perfekt, denke ich.

 

 

Im selben Augenblick entdecke ich eine Staubfluse am Küchenboden. Ein Sonnenstrahl hat sie verraten. Ich hole tief Luft, erhebe mich und hole den Staubsauger aus der Abstellkammer. Und wenn ich schon dabei bin der Fluse den Garaus zu machen, werde ich gleich noch die ganze Wohnung saugen – irgendwie bin ich doch Perfektionist.