Der Schwammerlbaron ...

oder wie man in Deutschland sagen würde: Der Pfifferlingbaron!

Schwammerlbaron, so bezeichnet Ernst Wölfinger manchmal scherzhaft seinen ältesten Sohn Herbert. Warum er das tut? Nun ja, Herbert sucht gerne Pilze und Schwammerl. Nein, falsch ... er liebt es in den steirischen Wäldern nach Eierschwammerl, Steinpilzen, Parasol und anderen Essbarem zu stöbern. Abgesehen davon, dass er viele gute Plätze kennt - man könnte fast meinen, er erntet die Früchte des Waldes – genießt er auf seinen Pirschgängen die Ruhe und den herben Duft der Wälder. Herbert ist ein sportlicher, humorvoller und auf keinen Fall geiziger Mensch. Der grau melierte Bahnhofsvorstand durchstreift zumeist ab Ende August in Wanderhose und festen Schuhen die Wälder des Ennstals, auf der Suche nach dem Gold des Waldes, und das nicht nur bei Sonnenschein und in zeitweise extrem steilem Gelände. Sein jüngerer Bruder, Franz, den sie in der Familie als den Intellektuellen bezeichnen, schafft es dagegen nur selten bis vor die Haustüre - obwohl er kerngesund ist. Er jagt lieber vor seinem Computer den richtigen Silben zu seinen Geschichten hinterher und seine ehemals sportliche Figur, hat vom Dauersitzen schon einige unschöne Rundungen an neuralgischen Stellen abbekommen. Der klein gewachsene Silbenakrobat ist mehr der Genießer. Vor allem genießt er die Küche seiner Frau Hilde und die seiner Mutter Magda, wenn Hilde zur Arbeit ist.

 

Vor ein paar Tagen, es war Anfang September, war Franz wieder einmal bei seinen Eltern zum Mittagessen eingeladen. Es gab Putenschnitzel Natur mit Petersilkartoffel und gemischtem Salat. Magda, mit 72 Jahren eine rüstige Erscheinung, ist eine ausgezeichnete Köchin. Wäre doof gewesen nein zu sagen, fand Franz, zumal Hilde nicht zuhause war und er sich deshalb mit Dosenfutter hätte begnügen müssen. Auch Herbert war eingeladen. Er beschenkte seine Mutter oft mit frischen Schwammerln und Pilzen. Manchmal nahm er sie auch mit und zeigte ihr ertragreiche Heidelbeerplätze, wo sie dann in gebückter Haltung die Beeren pflückte, um daraus leckere Heidelbeermarmelade zu kochen. Die mochte Franz auch sehr gerne und holte sich von Zeit zu Zeit ein Gläschen oder zwei. Das Essen war wie immer ausgezeichnet und die Stimmung in der Essnische der kleinen Mietswohnung heiter. So war es nur eine Frage der Zeit, bis Vater Ernst saisonbedingt das Thema Eierschwammerl auf den Tisch brachte und Herbert zu seinen Funden beglückwünschte. Franz sagte per Spaß zu seinem Bruder: »Hab schon gehört, dass du ein ausgezeichneter Schwammerljäger bist, nur gesehen habe ich bis dato noch keine.«

Herbert sagte erstaunt: »Willst du welche?«

Franz lachte: »Ja gern, wenn dir mal welche übrig bleiben.«

 

Zwei Tage später war Heinz im Besitz von einem Kilo frisch gepflückter und penibel geputzter Eierschwammerl. Ihm lief bei diesem Anblick das Wasser im Mund zusammen und auch seine Frau Hilde hatte Tränen in den Augen - vom Zwiebelschneiden für das Schwammerlgulasch. Aber leckeres Essen muss man sich eben verdienen, hat Franz süffisant gemeint. Er deckte im Geiste gerade den Mittagstisch, da läutete plötzlich sein Handy. Kinder haben wahnsinnige Instinkte, die man als Vater nie unterschätzen sollte. Tochter Maria rief just in jenem Moment an, als Franz gerade das Bild eines dampfenden Tellers Eierschwammerl mit Semmelknödel und einem gut gekühlten Glas Bier vor Augen hatte.

»Ich komme heute zu euch essen, wenn ihr nichts dagegen habt.«

»Natürlich nicht, mein Schatz. Magst du übrigens Eierschwammerlgulasch mit Semmelknödel?«

»Ja bitte, sehr gern sogar«, jauchzte Maria.

»Dacht ich´s mir«, seufzte Franz in sich hinein.

»Wer war den dran, weil du so traurig dreinschaust«, wollte Hilde wissen und rührte die Eier unter die Schwammerl.

»Maria, sie kommt gleich, sie hat sich zum Essen eingeladen.«

»Na das ist doch toll, da bekommt sie heute ja etwas Außergewöhnliches serviert.«

»Ja ... schon«, seufzte Franz.

»Was ist denn los mit dir? Bist du unserer Tochter die Schwammerl nicht willig?«

»Natürlich ...«

»Aber?«

»Nichts ..., aber wer weiß, wann wir das nächste Mal welche von Herbert bekommen?«

»Brauchst ja nur mal mitzugehen. Er freut sich bestimmt über deine Begleitung. Und bei seinem jüngeren Bruder wird er ja wohl keine Angst haben, dass der seine guten Schwammerlplätze verrät!«

»Weißt du, wie anstrengend das ist. Durchs Unterholz kriechen, steile Böschungen hoch, dann wieder runter. Dauernd schlägt dir irgendein Ast ins Gesicht, Blasen an den Füßen, der Rucksack drückt ins Kreuz ...«

»Ach so ..., dem Herrn Schriftsteller ist das zu anstrengend. Zum Tisch hinsetzen und reinschaufeln, das geht gerade noch, oder?«

»Verarschen kann ich mich selber.«

»Kannst du nicht! Wie alt bist du eigentlich ... 48? Fünf Jahre jünger als Herbert! Aber eines muss man dir lassen, du findest ja immer so schöne Worte in deinen Schreibereien: die Früchte des Waldes, der herbe Duft des Waldes, das Gold des Waldes und so ein Quatsch. Wann warst du eigentlich das letzte Mal selber im Wald?«

Die Glocke an der Eingangstür rettete Franz vor einer Moralpredigt, in deren Verlauf ihn Hilde wieder wie ein kleines Kind behandelt hätte. Wie ein quengelndes kleines Kind, das lieber zu Hause vor dem Computer hockt, als einen erholsamen Spaziergang in der Natur zu machen. Da küsste er jetzt lieber seine Tochter, trug ein weiteres Gedeck auf und setzte sich artig wartend an den Küchentisch. Er freute sich jetzt auf das Schwammerlgulasch, wie ein kleines Kind auf ein Überraschungsei. Die verbale Diskriminierung als Vorspeise passte zwar nicht zu so einem Festessen, aber was soll´s, dachte er.

 

Am Nachmittag rief Franz seinen Bruder an und sagte: »Danke, lieber Herbert. Eines muss ich dir sagen, wir hatten sogar zu dritt genug. Und geschmeckt haben deine Schwammerl ... einfach SPITZE! Vielen, vielen Dank für dein großzügiges Geschenk, und wenn du vielleicht wieder mal welche übrig hättest ... Wie? ... Das täte ich furchtbar gerne ... Morgen? ... Du, das geht leider nicht ... Wieso? ... der Abgabetermin für mein Buch rückt näher ... Welches Buch? ... Na der Krimi über den Jäger, der einen Schwammerlsucher auf frischer Tat mit zehn Kilo Waldfrüchten ertappt und ihn erschießt, als er zu flüchten versuchte ... Nein, kein Scherz! ... Doch, ein Scherz ... schönen Tag noch, Herbert ... ja, und grüß mir die Schwammerl ... ja, vielleicht passt es irgendwann einmal ... Und danke auch von Hilde und Maria ... Ja, werde ich ausrichten ... Bis bald, du Schwammerlbaron!