Rot ist der Tod

 

Ein Schlag hatte genügt. Leblos lag sie zu meinen Füßen. Dennoch überlege ich, sie nochmal zu treten. Zur Sicherheit, sozusagen. Ich mach es nicht, nehme stattdessen mein Buch, das ich zuvor auf den weißen Resopaltisch neben mich gelegt hatte, wieder auf. Schon als ich es dort ablegte hätte ihr mein Blick den Ernst der Lage vermitteln müssen. Manche sind einfach nur dämlich.

 

Mit gottgefälligem Grinsen schlag ich das Buch dort wieder auf, wo ich zuvor sorgsam mein Lesezeichen platziert hatte. Ein Flattern lässt meinen Blich zum Sonnenschirm hochschnellen. Wind rüttelt an dem grünen Tuch und düstere Wolken, die schnell dahinzihen, schieben sich vereinzelt vor die Sonne. Noch einen kurzen Blick über den Rand meiner Lesebrille auf die Leiche, dann lese ich weiter. Das Buch, ein Thriller von John Connolly, fesselt mich:

 

Sie hatte keine Chance, und das wusste sie jetzt auch. Er war viel größer und stärker als sie, und ..., er hatte diese Waffe, die er ihr jetzt hämisch grinsend entgegenhielt. Ihre Wendigkeit und die ihr angeborene Schnelligkeit würden ihr nichts mehr nützen, der Aktionsradius seiner Waffe war weitreichend und er würde sie gnadenlos einsetzen, um sie endgültig zum Schweigen zu bringen ...

 

Meine Nase juckt. Eine Mücke hat sich in den Nasenhaaren verfangen. Ich lege das Buch auf meine nackten Oberschenkel und blase kräftig Luft durch die Nase. Das lästige Kribbeln verschwindet. Entspannt greife ich zur blauen Kaffeetasse. Auf ihr prangt ein lustiges Gesicht, in dessen Mitte eine blaue Knopfnase aus der Tasse wächst. Das linke Auge ist zugekniffen, die Braue nach unten gezogen, das rechte Auge weit offen; die Iris blütenweiß, die Pupille schwarz. Der Blick wirkt fröhlich.

 

So wie meiner. Der Blick des erfolgreichen Killers.

 

Der Mund auf der Tasse, angedeutet durch einen schwarzen Strich, an dessen Enden zwei kurze schwarze Striche die Mundwinkel stilisieren, zeigt ein Lachen und streckt mir eine rote Zunge entgegen. Vorsicht, Tasse! Nicht übertreiben.

 

Nach einem letzten Schluck lauwarmen Kaffee´s stelle ich die Tasse auf den Tisch. Mein Blick streift über die Leiche. Sie liegt atemlos zu meinen Füßen auf den dunkelbraunen Fliesen meines Balkons.

 

„Vielleicht hättest du überlebt“, zische ich vorwurfsvoll, „wenn du mich nicht genervt und andauernd um Kaffee und Kuchen gebettelt hättest. Ich wollte nur in Ruhe lesen, habe dir das mehrmals gesagt. Aber nein, du hast meine mahnenden Worte ja ignoriert und mich weiter genervt. Da ist mir halt der Geduldsfaden gerissen, wie du ja bemerkt hast.“

 

Meinen todbringenden Schlag hatte ich über Jahre hinweg geübt und perfektioniert. Ich wusste: irgendwann würde ich ihn brauchen. Irgendwann würde ich mit diesem Schlag für Ruhe und Frieden sorgen. Dass es an diesem Tag ausgerechnet SIE treffen würde, tja ... Ich nehme mein Buch auf, blättere um und lese weiter.

 

Wohin mit der Leiche, sinnierte Edgar, als er den kleinen Körper jetzt still vor sich liegen sah. Verdammt, wohin bloß mit der Leiche ...

 

Verdammt, Edgar hat recht, ich habe dasselbe Problem. Nervös fingere ich eine Zigarette aus der Packung. Das Rad am Feuerzeug steckt, lässt sich nicht drehen. Kein Zündfunken, keine Flamme, keine Zigarette, kein klarer Gedanke.

 

„Verdammt, ich brauche ein neues Feuerzeug!" mäkle ich vor mich hin und klopfe das Feuerzeug wild auf die Tischkante. Dann drehe die Gaszufuhr auf Maximum und betätige das Rad. Funken knistern und die Flamme schlägt hoch.

 

„Endlich.“

 

Der einst kratzende Qualm hat sich während dreißig Jahren zu einem wohlschmeckenden Seelentröster gemausert, der mich in Stresssituationen beruhigt. Ohne zu Husten blase ich den Rauch durch Mund und Nase und denke nach.

 

Mein Balkon, der Tatort, befindet sich in einem Mehrparteienhaus am Ortsrand von Liezen. Rechter Hand liegt das Alpenbad, vor dem mich eine Baumreihe mit Erlen,  wild wuchernde Haselnussbüsche und ein blickdichter Bretterverschlag abschirmen. Nur das Kreischen spielender Kinder im Bad ist zu hören. Ein mäßig frequentierter Spazierweg führt wenige Meter Luftlinie entfernt entlang des Röthbaches. Er liegt zu tief, von dort unten ist die Leiche nicht zu sehen. Unter meinem Balkon, ein Stockwerk tiefer, der Kinderspielplatz. Gerade spielen dort ein paar Nachbarskinder Fußball. Die würden bestimmt petzen, wenn der sonst so nette ältere Herr, der ihnen manchmal vom Balkon aus zusieht und mitunter freundlich lächelt, eine Leiche auf den Spielplatz werfen würde. Auf dem Fliesenboden kann sie aber nicht bleiben. Meine Frau,  die demnächst von der Arbeit nach Hause kommt, wäre bestimmt nicht erbaut über eine Leiche auf unserem Balkon. Etwas ratlos blicke ich zum Himmel hoch, der sich weiter verdunkelt hat. Schwere Gewitterwolken hängen über dem Haus und in der Ferne grollt Donner. Ganz normal, für einen heißen Julitag im Ennstal. Eine Leiche auf unserem Balkon ..., nun ja.

 

Am Spielplatz ist es auffällig leise geworden. Ist das meine Chance? Ich erhebe mich aus dem Sessel, steige vorsichtig über den Leichnam, mache drei Schritte auf das Holzgeländer zu und spähe arglos auf den Wäscheplatz und den Spielplatz hinunter. Danach betrachte ich unauffällig meine wunderschönen Balkonblumen – lilafarben, gelb und rot. Keine Ahnung welche Gattung das ist oder wie sie genannt werden. Sie sind schön anzuschauen und ich muss sie regelmäßig gießen.

 

„Dann hast du eine Aufgabe, mit der du dich den Sommer über beschäftigen kannst“, hatte meine Frau im Frühjahr gemeint, als sie die Blumen pflanzte. Als ob lesen keine sinnvolle Aufgabe wäre. Aber gut, irgendwie mag ich die bunten Blumen mittlerweile. Ich zupfe ein wenig an ihnen herum, während meine dunkelbraunen Augen das Gelände und die Balkone nebenan abtasten. Niemand zu sehen. Die Kinder haben den Spielplatz verlassen, ich muss handeln: Jetzt!

 

Ein gleißend heller Blitz, ein ohrenbetäubender Donnerschlag lassen mich vom Geländer zurückschnellen. War das mein Zeichen?

 

Ich drehe mich um, bücke mich und hebe den Leichnam hoch. Mich ekelt es nicht, nicht mehr. Zu viele vor ihr habe ich schon getötet. Mit immer demselben Schlag: hinterhältig, schnell, aus dem Nichts kommend. Es ist Sommer! Und ich bin bereit, mein Territorium zu verteidigen. Immerhin ist das mein Balkon! Und mein Kaffee, und mein Kuchen. Und wenn Sie mich beim Lesen stören, greife ich zu meiner Waffe und hole zum tödlichen Schlag aus. ROT IST DER TOD!

 

Zwar ist es nur eine roten Fliegenklatsche, aber tödlich allemal!

 

Ich lasse den Fliegenkadaver in einen Blumenkasten fallen. Bin ja kein Unmensch. Mit Blumen ..., wirkt ein Grab irgendwie lebendiger.

 

BLITZ!

 

Und das ewige Licht leuchte IHR.

 

DONNER!

 

 



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