Die Kurve

 

Wie oft ich diesen steilen Forstweg schon ging, dabei auf die steile Wiese hinabschaute und an jenen schicksalhaften Tag dachte, ich weiß es nicht mehr. Aber nach all den Jahren zieht die Kurve meine Blicke noch immer an wie ein Magnet. Wenn sie, wie an diesem Tag, friedlich in der prallen Sonne liegt und ein gleichmäßiges Bimmeln von Kuhglocken über dem satten Grün schwebt, lässt nichts ihre Gefährlichkeit erahnen, mit der sie damals mein Leben für immer verändert hat.

 

Der 14. Februar 1976 war ein strahlend sonniger Tag und ich verbrachte den Nachmittag mit meinen besten Freunden Ronny und Bert auf der Skipiste. Es war föhnig und wir zogen beim Lifthäuschen angekommen gleich unsere Anoraks aus.

»Wenn das unsere Mütter sehen könnten«, feixte der lange Ronny, schürzte seine Lippen und blickte nervös umher, als ob er seine Mutter sucht.

»Die werden uns vermutlich mit 18 Jahren noch einkleiden wie kleine Schulbuben«, lachte Bert, der Kleinste von uns Dreien. Ich enthielt mich eines Kommentars, denn zwei Mädchen hatten mich auf ihrem Radar. Der Norwegerpulli, denn meine Mutter gestrickt hatte, brachte mir anerkennende Blicke. Vielleicht hätte ich den zwei Girls lieber ein paar Schwünge zeigen sollen, doch an diesem Tag zählte für mich nur unser Rennen. Wir klammerten uns deshalb sofort nach dem Kartenkauf an den großen schwarzen Bügel des Schlepplifts. Zumeist hingen an ihm vier bis fünf Kinder dran und ließen sich die fünfhundert Meter lange Piste hochziehen. Oben angekommen stapften wir dann über den Güterweg, eine kleinere Wiese bis zum Kanonenschuss hoch. Dort oben mussten wir den Schnee immer selber treten. Oft schneite es aber in der darauf folgenden Nacht und unser mühsames ›ausbrettln der Piste‹ versank wieder spurlos in knietiefem Weiß. An jenem Tag war das leider nicht der Fall gewesen. Die Piste am Kanonenschuss lag im Schatten, war am Vortag gut durchgetreten worden und pickelhart.


»Setzen wir uns einen Augenblick?«, sage ich zu Sandra, meiner Frau. Eine abgewetterte Holzbank lädt, wo einst der Schlepplift aufhörte, zum Verweilen ein

»Bist du müde?«, fragt Sandra. Es waren etwa fünfzehn Minuten von unserem Haus bis hierher und sie führten durch einen kühlen Wald. Die drei Steigungen waren alle nicht sonderlich steil und lang. Ich war kein bisschen müde, doch jedes Mal wenn ich hier rasten wollte, fragte mich Sandra, ob ich müde sei und jedes Mal bekam sie von mir dieselbe Antwort.

»Nein, ich will nur ein wenig rasten … und nachdenken«, sage ich leise und setze mich seufzend auf die desolat aussehenden Bretter. Wenigsten bin ich kein Typ der Angst vor dreckigen Hosen hat, denke ich.  Mein Blick senkt sich auf die Cilli-Wiese. So heißt die ehemalige Skipiste, nordwestlich von Liezen, wo an diesem strahlend schönen Augustnachmittag vier braungescheckte Kühe, drei hellbraune Kälber und ein mächtiger, dunkelbrauner Ochse weiden. Am unteren Ende, knapp oberhalb der Kurve watscheln gerade fünf Enten durchs Gras. Hin und wieder senkt sich ein Entenschnabel ins saftige Grün.

»Okay, Holger, rasten wir ein wenig. Aber ich sage dir, du solltest wirklich einmal abschließen mit damals und endlich deinen Frieden mit dieser verdammten Kurve machen. Wollen wir hinuntersteigen?«

Sandra hatte recht, dennoch war es mir fünfunddreißig Jahre nicht gelungen, diesen Tag aus meinem Gedächtnis zu streichen oder zu dieser verdammten Kurve hinunterzusteigen und mit ihr meinen Frieden zu machen. Wie denn auch, jeden Tag wurde ich an sie erinnert. Sandra streichelt aufmunternd über mein schweißnasses Haar.

»Nein, ich mag heute nicht«, antworte ich und Sandra wechselt sofort das Thema.

»Setz lieber deinen Hut wieder auf. Die Sonne ist heute extrem aggressiv.«

Dann schweifen ihre blaugrünen Augen über die Wiese und beim Anblick der hüpfenden Kälber huscht ein Lächeln über Sandras schmale Lippen.

 

Der kleine Lift wurde vor vielen Jahren demontiert und das Lifthäuschen steht auch nicht mehr. Aber jedes Mal, wenn ich hier sitze, habe ich das Gefühl, als würde ich die schnarrende Stimme des alten Liftwarts hören, wie er sein ›Obacht!‹ ruft und am Seil zieht, das den Lift in Bewegung setzte. Und dabei habe ich immer dasselbe Bild vor Augen: Die Bestzeit nur mehr wenige Meter entfernt, lacht der Tod von einem schneebedeckten Ast eines Apfelbaums auf mich herab und grinst mir hämisch zu. Auch die Apfelbäume wurden gefällt, der Skinachmittag liegt viele Jahre zurück. Damals war ich fünfzehn und ein drahtiger, draufgängerischer Möchtegern-Rennläufer. Heute zeugt nichts mehr von dieser Wildheit und von einer drahtigen Figur kann auch keine Rede mehr sein. Dass einzige das seine Form gehalten hat, sind meine Gedanken. Den Schmerz von damals, wenn ich zur Kurve hinunterblicke und den Tag analysiere, konnte ich nie so richtig beschreiben. Alles andere schon.


Wir hatten lange gewartet, bis unsere Rennstrecke endlich menschenleer war. Das letzte Tageslicht verlor sich zwischen Fichten und Buchen, die links und rechts die Piste säumten. Irgendwie komisch, denke ich, in diesen Tagen bekommen Eltern ihre Kinder nicht mehr aus dem Haus und Abfahrtsrennen finden zumeist auf Spielkonsolen statt. Unsere Eltern hatten noch große Mühe, uns vor Einbruch der Dunkelheit wieder ins Haus zu bringen. Ich weiß gar nicht, wie oft ich müde, nass und frierend meine Skier von der Cilli-Wiese im Dunkel nach Hause schleppte. Trotzdem war ich immer glücklich dabei. Bis auf jenen Tag, aber da ging ich auch nicht mehr nach Hause.


Ronny und Bert waren unten am Lifthäuschen angekommen und winkten zu mir hoch. Zwei kleine Punkte, die sich ihre Skier abschnallten. Der alte Liftwart war schon weg, es würde also niemand mit mir schimpfen, wenn ich gleich im Höllentempo die Piste hinunterjage. Ich klopfte mit dem Skistock den Schnee von der Unterseite meiner Skischuhe und stieg in die Bindungen. Satt schnappten die Hinterbacken ein. Meine Muskeln waren kalt. Wir hatten lange am Start im Schnee gesessen und gewartet. Also begann ich meine Aufwärmübungen und ließ noch einmal die Siegesfahrt meines Idols Franz Klammer vor meinem geistigen Auge ablaufen: Olympiaabfahrt 1976 - Patscherkofel. Hoch konzentriert stand Klammer am Start, während ich zu Hause vor dem Fernseher saß und Nägel käuend in die Röhre murmelte: »Los lei laf´n, Franz!« Und wie er seine Renngeräte laufen ließ, der ›Kaiser‹. Er fuhr aber nicht, wie vom Firmenchef gewünscht, den berühmten C4 Loch Ski, sondern das Vorgängermodell, den W22. Nach einem Fehler im oberen Streckenteil schien die Bestzeit Utopie, doch im Zielhang gab Klammer alles. Es war ein Höllenritt und es sah aus, als wäre sein Körper aus Gummi und wolle sich von zwei wild zuckenden Skiern lösen. Im Ziel dann sein verdutzter Blick auf die Anzeigentafel. Bestzeit! Ungläubiges Staunen - Olympiasieger! Auf den Plätzen landeten Bernhard Russi und der Südtiroler Plank. Nach diesem Klammersieg wünschte ich mir nichts sehnlicher, als einmal wie er die Massen zu begeistern, und von den Fans im Zielraum in die Luft geworfen zu werden.


Ich stampfte die Skier in den Schnee und schaute hinunter ins Tal. Dann senkte sich mein Blick auf meine rotweißblauen Fischer C4 mit einem Loch in der Spitze. Sie schmiegte sich an die Sohlen meiner Skischuhe und waren bereit für die Siegesfahrt.

Manche Schulkollegen sammelten in jenen Tagen Bilder ihrer Ski-Idole und klebten sie in ein Album.

»Tote Materie«, moserte ich jedes Mal, wenn sie zu prallen begannen, wer wen schon eingeklebt hatte. Meist erntete ich missmutige Blicke dafür.

»Wer je auf einem C4 gestanden hat, der Ski, den Kaiser Franz fährt«, begann ich zumeist meine Ausführungen, »wer je das Gefühl von Geschwindigkeit und diesen unglaublichen Zug nach vorne gespürt hat, den diese Rennlatten auf ihren Fahrer übertragen, der wird wissen, wovon ich spreche. Es ist, als würde man knapp über dem Schnee dahinfliegen und trotzdem noch irgendwie Verbindung zum Untergrund halten. Nur ohne den Nachteil der Reibung, die ja nur bremst!«

Die Bildchenkleber konnten meinem Enthusiasmus nichts abgewinnen und trollten sich in eine andere Ecke des Pausenraums, um weiter ungestört über ihre geklebten Idole zu philosophieren. Ich wollte selber ein Idol werden.


Deshalb stand ich hier oben am Berg, schaute zum Lifthäuschen hinunter und wärmte mich auf. Erst das linke Bein hoch, dann das rechte Bein, abwechselnd, immer schneller werdend. Die Kurve konnte ich vom Start aus nicht einsehen, sie lag am Ende der Strecke, am äußerst rechten Rand der Wiese. Ich wusste aber: Sie ist eng, am Anfang etwas aufragend, wie bei einer Bobbahn und aufgrund der Sonneneinstrahlung war sie tagsüber etwas matschig geworden. Wenn ich die angeschaute Linie nicht genau erwische, könnte ich an einem der Apfelbäume landen. Hinter den Apfelbäumen lag noch ein schmaler Graben und trennte die Piste von einem Bauernhof. Die Cilli-Wiese war ja eine innerstädtische Übungswiese und keine richtige Skipiste, doch für uns war sie die Streif von Liezen. Überhaupt wenn man sie ganz von oben fahren wollte, durch den Kanonenschuss. Er war ein kurzes, schlauchähnliches Gefälle von etwa zweihundert Metern, an dessen oberem Ende ich stand und auf das Startsignal von Ronny und Bert wartete.


Ich blies den Atem aus, schloss die Augen und ging ich im Geiste die Streckenführung durch: Nach dem Kanonenschuss scharf rechts, dann etwa 150 Meter bis zum Weg, Sprung über den Güterweg, zehn, vielleicht fünfzehn Meter, rechts halten und so viel Speed wie möglich generieren, es geht steil und relativ gerade nach unten. Ich habe genügend Zeit mich auf die Kurve vorzubereiten. Vor der Kurve mache ich einen kleinen Schlenker nach links, dann nach rechts und hinein in die Kurve. Druck auf den Außenski geben und scharf nach links in die Zielgerade. Warum ich es an jenem Tag nicht schaffte, keine Ahnung.


»Hint nach ein Krumper«, wie mein Vater des Öfteren zu mir sagte. Was so viel bedeutet wie: »Es hilft ja eh nichts. Geschehen ist geschehen.«


Vielleicht war ich von den Besichtigungsfahrten schon müde gewesen. Auch der Vormittag in der Schule war anstrengend. Andauernd klopfte mir Ronny auf die Schulter und dann schauten wir sehnsüchtig zum Fenster hinaus. Am Dach gegenüber glitzerte der Schnee in der Sonne. Der Himmel zeigte sein tiefstes Blau und die Schule wollte kein Ende nehmen. Endlich ertönte das metallische Gebimmel der Schulglocke. Wir hasteten nach Hause, schlangen das Essen hinunter, kritzelten unsere Aufgabe irgendwie ins Heft und schulterten unsere Skier. Ich merkte meine schwere Ausrüstung gar nicht, die ich stolz eineinhalb Kilometer durch die Stadt zur Cilli-Wiese trug. Der schmutzige Schnee am Gehweg beflügelte meine Schritte. Ronny und Bert warteten bereits auf mich. Sie wohnten dreihundert Meter unterhalb der Piste in einem Mehrparteienhaus. So wie ich, nur das ich näher Stadtzentrum und sie näher an der Natur waren. Mein Vater sagte einmal beschwichtigend, als ich motzte, weil er mich nicht zur Piste fahren wollte: »Denk doch nach, Junge. Bis du auf der Piste stehst, sind deine Muskeln schon bestens aufgewärmt.«


Langsam zeigte das Aufwärmen Erfolg, meine Oberschenkel begannen zu kribbeln und beim Gedanken an Ronnys Worte, zierte ein Lächeln meine Lippen. Vielleicht hatten Ronny und Bert an diesem Tag nicht das letzte Hemd riskiert, wollten lieber sicher durch die matschige Kurve kommen, anstatt Bestzeit zu fahren. Immerhin war die Piste ja ein Stück länger und bei unseren Trainingsfahrten, die wir wegen der Leute nicht voll fahren konnten, kamen wir schon ziemlich schnell in die Kurve.

»Wer bremst verliert«, hatten Ronny und Bert mir vor ihrer Abfahrt ins Tal zugerufen und Ronny hatte sich noch umgedreht und gesagt: »Wir sehen uns im Ziel, Holger. Die Zeit wird ja zeigen, ob du gebremst hast!«

Dabei tippte er stolz auf seine neue Uhr mit Stoppfunktion die er zu Weihnachten bekommen hatte. »Das ist ein Chronograf«, meinte er ehrfürchtig, als er mir vor seiner Fahrt sein Heiligtum überreichte, »sei um Himmels willen vorsichtig damit!« Dann waren Bert und ich zum Lifthäuschen abgefahren, um Ronnys Fahrt zu stoppen. Wir hatten darauf geachtet, dass so wenig Leute wie möglich auf der Piste waren und winkten mit dem Skistock das Startsignal nach oben. Ronny fuhr keine schlechte Zeit, doch nach einem Blick auf seinen Chronografen wusste ich: Heute ist er zu schlagen. Zumal ich ja als letzter Fahrer ausgelost worden war und die Piste da für mich alleine hatte. Vermutlich dachte Ronny bei seiner Fahrt auch zu viel an die Zeit und seinen Chronografen. Ein Sprichwort besagt ja: Wer den Kopf nicht frei hat, kann sich nicht auf das Wesentliche konzentrieren. Und scheinbar war für Ronny an jenem  Tag nicht die Bestzeit das Wesentliche, sondern dass sein Chronograf heil beim Lifthäuschen ankommt.


Ein allerletzter Gedanke schoss mir durch den Kopf: Was ist schon ein Chronograf gegen einen C4. Ein Chronograf misst die Zeit, der Pilot und sein C4 machen sie sich Untertan!

 

Die letzten Sekunden vor dem Start: Ich ziehe meine Skibrille vor die Augen, stampfe wie ein ungeduldiges Ross die Skier in den Schnee und blicke nach unten. Die Fahne saust nach unten. Energisch stoße ich mich ab. Schon nach wenigen Metern spüre ich, wie sich das Luftpolster unter dem Rennbelag meines C4 bildet. Ich fliege durch den Kanonenschuss auf die erste Kurve zu. Souverän nehme ich sie in der Hocke. Der Sprung über den Güterweg kommt schneller als erwartet und geht weit. Fünfzehn Meter. Bei der Landung verkante ich etwas, der rechte Ski will ausbrechen, ich kann ihn bändigen. Es hat angezogen, der nasse Schnee vom Nachmittag ist an der Oberfläche gefroren. Ich rase auf einem dünnen Eisfilm dahin. Ich werde immer schneller, bin viel zu schnell. Die Kurve rast auf mich zu. Abbrechen? Außen vorbei? Die Sicherheitslinie? Nein, Kaiser Franz würde es durchziehen und seine Skier in die Kurve zwingen. Es rüttelt heftig. Ich tauche in die Kurve ein. Jetzt - Druck auf den Außenski. Das rütteln ist heftig, als säße ich auf einem Rodeo Pferd. Was ist das? Ein feines Klirren mischt sich in das Rauschen des Fahrtwinds. Der Eisfilm unter den Skiern bricht wie Glas. Der Außenski verkantet im darunter liegenden Matsch, wird nach links gerissen! Er kollidierte mit dem Innenski. Dann bricht er wieder nach außen.

Einen Augenblick scheint mir, als würden Ronny und Bert ihre Hände vors Gesicht hochreißen. Ich stürze und werde wie ein Nudelholz über die Längsachse gedreht. Die Bindung löst nicht aus. Apfelbäume rasen auf mich zu. Die Bindungen, warum öffnen sie sich nicht. Ach ja, ich habe sie am Vortag härter eingestellt. Der Aufprall. Ein brennender Schmerz rast von meinem rechten Bein in den Kopf hoch. Über mir winkt eine hagere Gestalt vom schneebedeckten Ast eines Apfelbaums. Bin ich schon … Schmerzlindernd legt sich Bewusstlosigkeit über meinen Geist.


»Du zitterst ja, Holger. Ist dir kalt?«

Sandra blickt mir tief in die Augen. Sie weiß, was sich soeben in mir abspielt, welches Video ich gesehen habe. Sie hat es schon so oft miterlebt, doch sie will mich jetzt nicht tadeln, sondern versucht mich abzulenken.

»Wir hätten Wasser mitnehmen sollen, es ist so heiß heute. Bestimmt über 30 Grad. Du hast dich überanstrengt. Lass uns umkehren und nach Hause gehen. Oder soll ich das Auto holen?«

Ich hebe meinen Kopf von ihrer Schulter, streiche über mein graues Haar und setze meinen Strohhut auf.

»Weißt du, was ich mich gerade frage? Wäre der Unfall in diesen Tagen passiert, wäre binnen weniger Minuten wohl ein Notarzt eingetroffen. Vielleicht hätte der mein Bein retten können?«

»Holger«, seufzt Sandra, »wie oft willst du dir diese Frage noch stellen. Du weißt, was die Ärzte damals gesagt haben. Ronny und Bert haben dir das Leben gerettet. Hätte Ronny nicht die Blutung gestoppt und wäre Bert nicht zum nächsten Telefon gerannt, du würdest heute nicht hier neben mir sitzen. Dein Unterschenkel wäre auf keinen Fall zu retten gewesen, die Zertrümmerungen waren zu massiv, wie du ja selbst auf dem Röntgenbild gesehen hast.“

Mein Blick wandert von Sandra hinunter zur Kurve und ich murmle: »Vielleicht sollte ich wirklich da hinuntersteigen und mit damals abschließen.«

Ich beuge mich nach vorne und klopfe sanft auf die Prothese, die unter meiner Wanderhose nicht als solche zu erkennen ist.

»Aber nicht heute. Wir machen das im Februar, mit Schneeschuhen, und ich werde Ronny und Bert dazu einladen, und anschließend mit ihnen ein Bier trinken.«

»So machen wir das!«, lacht Sandra, steht auf und hakt sich bei mir unter.

»Wenn ich es recht überlege«, schmunzle ich, »wer weiß, ob wir uns ohne diesen Unfall kennengelernt hätten. Ich meine, wenn ich nicht zur Reha gemusst hätte, dann wären wir uns vermutlich nie über den Weg gelaufen. So kann ich es als Glück im Unglück sehen und es trägt auch zu meinem ›Frieden finden‹ bei.«