Die psychologische Hämorrhoide

Der 48-jährige Kurt Wander, ein bulliger Jeans-Typ mit kurzem blonden Haar und meerblauen Augen, steht unschlüssig vor einer Tür. Sein Blick ist fahrig und er wirkt verletzlich wie ein kleiner, alleingelassener Junge. Psychologenbesuche waren für Wander zwar zur Routine geworden, und wie viele Gespräche er in den letzten Jahren geführt und bezahlt hatte, wusste er gar nicht mehr, trotzdem schwitzen seine Handflächen, als er nun vorsichtig die metallene Türklinke zur Ordination hinunterdrückt. Diese Psychotherapeutin kannte er noch nicht, er war das erste Mal hier. Ein heller Warteraum ohne wartende Patienten empfängt ihn. Wander seufzt: Gott sei Dank, ich bin alleine. Die Farbe Orange dominiert den Raum und eine kaminrote Kugel rotiert langsam auf dem Wasserfilm eines Tischbrunnens, um den sich einige Stühle an die Wand pressen. Auf einem kleinen Glastisch liegen einige Zeitschriften und Folder über Burn-out Erkrankung. Das Fensterbrett verschönern lilafarbene Orchideen. Das gluckernde Nass hört sich beruhigend an. Wäre es ein Bahnhofswarteraum und Wander würde auf einen Zug nach irgendwo warten, er würde sich sogar wohlfühlen. So setzt er sich auf einen Stuhl, starrt zum Fenster hinaus und spürt, wie sein Körper sich verkrampft.

 

Eine psychotherapeutische Ordination im fünften Stockwerk und die Fenster haben Griffe dran? Eigentlich unvorsichtig denkt er und fährt erschrocken hoch. Die Tür am Ende eines schmalen Ganges wird geöffnet und eine mittelgroße, schlanke Frau, deren Gesicht etliche Sommersprossen zieren, lächelt ihm freundlich entgegen. Sie trägt eine bunte Batikbluse, einen knielangen, hellen Rock und bequeme Schuhe ohne Absätze.

 

„Herr Wander? Grüß Gott, wenn Sie mir bitte folgen wollen?“

 

Wollen sagte sie, nicht müssen. Ich will nicht, aber irgendwie will ich doch, was soll´s, denkt Wander, erzähle ich eben auch ihr, warum mein Leben so ist, wie es ist. Vielleicht ist es ja diese hübsche Frau, die mein Leben wieder in die richtigen Bahnen lenken wird. Langsam tritt er in den kleinen, hellen Praxisraum, der in der Mitte geteilt ist. Rechts ein Schreibtisch mit Computer, eine Regal mit zahlreichen Manuskripten und Bücher und ein Laserdrucker. Sie deutet nach links, dem gemütlicheren Teil, wo sie auf zwei bequemen Ledersesseln Platz gegenüber nehmen. Zum X-ten Mal erzählt er seine Burn-out-Geschichte und die adrette Ärztin hört ihm aufmerksam zu. Als Wander kurz innehält und sagt: „Ich will ehrlich zu Ihnen sein ...“, schmunzelt sie und unterbricht: „Das würde mich freuen, und mir meine Diagnose erleichtern. Atmen Sie tief ein und achtsam wieder aus.“

 

Und dieses selbstverständliche, regelmäßige und selbstablaufende Atmen verwirrt Wander plötzlich enorm, unterbricht es doch seinen schmerzvollen Monolog über sein gescheitertes Leben. Er ruft in barschem Ton: „Ist ja doch alles sinnlos. Mir glaubt sowieso keiner.“

Bei der Therapeutin schrillen die Alarmglocken. Sie erhebt sich und stellt sich neben Wander, der aus seinem Sessel fragend zu ihr hochblickt.

 

„Stellen sie sich einmal ruhig hier neben mich hin, bitte.“

 

Was soll das jetzt werden, denkt Wander und stellt sich wie gewünscht neben den gemütlichen Lederstuhl, indem er gerade zu versinken drohte, wie in seinem morastigen Leben. Sie ist so groß wie ich, nur viel zierlicher, denkt er und beobachtet entgeistert, wie die Therapeutin plötzlich beginnt, sich freizumachen. Sie schlüpft aus ihren Schuhen, entledigt sich ihrer Uhr, die sich auf einem silbernen Gliederarmband an ihr schlankes Handgelenk schmiegt. Auch den goldenen Armreif an ihrem linken Handgelenk nimmt sie ab. Marianne Berger lächelt sanft, stellt sich querab zu Wander und hält eine Handfläche vor seinen vorgestreckten Bauch, die andere an seinen hohlen Rücken. Sie schließt langsam ihre grünen Augen und atmet tief ein.

 

„Atmen Sie!“ animiert Sie Wander mit erotischer Stimme, ihr auf einer meditativen Reise zu folgen. „Tief und achtsam ein- und wieder ausatmen und achten Sie dabei auf die Bauchatmung.“

 

Scheiße, denkt Wander, was soll der Esoterikkram, deswegen bin ich nicht hier. Er ist verwirrt, dass das Ausziehen der Therapeutin einen esoterischen Grund hatte. Er kann mit Esoterik nichts anfangen, macht jedoch das, was sie ihm empfohlen hat - er atmet. Achtsam ein und achtsam wieder aus. Er schließt dabei die Augen, wie bei diesen Entspannungsübungen, die er manchmal bei sich zuhause durchführt, wenn hinten plötzlich vorne und oben plötzlich unten ist. Von Entspannung jetzt keine Spur, eher das Gegenteil ist der Fall, er verkrampft total und ihm wird schwindelig.

 

„Spüren Sie, wie Ihre Füße sich in Wurzeln verwandeln und sich mit der Erde verbinden?“, fragt die Therapeutin mit sanfter Stimme.

 

„Nein“, sagt er halblaut und denkt: Wir sind hier im vierten Stock Frau Doktor, ich stehe auf ihrem grünen Teppichboden und darunter befindet sich der betonierte Estrich ihres Büros ... eine hübsche Bluse haben Sie an, passt gut zu ihren feuerroten Haaren. Und wenn Sie noch einen Knopf mehr öffnen und ich ... Verschwindet aus meinem Kopf, ihr pornografischen Gedanken.

 

„Ihre Atmung ist völlig blockiert, sie geht nicht bis in den Bauch.“ Sie streichelt ihm dabei kreisend über den Bauch.

 

„Ja ...“, stottert Wander und spürt, wie sich seine Backen rot färben, „das ist mir bei den Entspannungsübungen auch schon aufgefallen, da sollte ein Gefühl der Wärme entstehen, tut es aber nicht.“

 

„Was fühlen Sie?“

 

Jetzt geht das wieder los. Wie oft war ihm diese Frage in den letzten Jahren gestellt worden. Zu oft, denkt er, die Jahre davor, zu selten. Er fühlte einen weiteren gescheiterten Versuch seine Lebenskrise zu bewältigen, fühlte Hoffnungslosigkeit, fühlte erneut die Einsamkeit des nicht verstanden Werdens, fühlte Bitterkeit in sich hochsteigen und spürte das Wetterleuchten in seinen braunen Augen, deshalb senkte er rasch den Blick. Seine Antwort gleicht dem Zischen eines Dampfbügeleisens.

 

„Wut, Ausweglosigkeit. Ich lasse mich von meinem Umfeld beeinflussen, höre auf das was andere sagen, anstatt meinen eigenen Weg zu gehen. Es ist zermürbend und ich sollte ... ach ich weiß auch nicht.“

 

„Sie müssen ihre Wut bekämpfen, ihren Zorn hinausschreien, um sich Raum zu verschaffen.“

 

„Hören Sie, ich weiß was Sie meinen, aber ich gehe sicher nicht in den Wald trommeln oder schreie die Bäume an. Ich habe nichts gegen die Natur, mit ihr bin ich im Reinen.“

 

Erstaunt fragt Sie: „Was würden Sie am liebsten machen, um ihre Wut rauszulassen oder besser gefragt, was könnte hilfreich dabei sein.“

 

„Wenn ich ihnen das sage, werden Sie eventuell dafür sorgen, dass ich weggesperrt werde. Im Moment wäre mir das sogar recht. Einige Monate in einer Zelle würden mich vermutlich klarer denken lassen. Egal, ich sag´s Ihnen. Am liebsten würde ich alle Vorgesetzten geknechteter Arbeitnehmer und alle schreienden Kunden an den Pranger stellen und sie mit Tomaten oder faulen Eiern bewerfen – rein metaphorisch gesprochen natürlich.“

 

„Natürlich“, schmunzelte Berger, „aber ich schlage vor, Sie versuchen es mit Sport. Sich richtig auszupowern kann sehr hilfreich sein.“

 

„Ja schon, aber seit meinem Schlaganfall traue ich mich nicht mehr bis an meine Grenzen zu gehen, ich kenne meine Grenzen ja überhaupt nicht mehr.“

 

Sie überlegt und sagt mit Augenzwinkern: „Boxen, haben Sie schon einmal versucht zu boxen.“

 

„Nein, habe ich nicht. Ich wollte schon mal ein Fitness-Center besuchen, aber da sind immer so viele Leute, die ich nicht kenne.“

 

„Hängen Sie doch zu Hause einen Sandsack auf. Den können Sie jederzeit bearbeiten, wenn Ihnen danach ist.“

 

Wander´s Lippen, ziert plötzlich ein verschmitztes Lächeln, als er sich vorstellt: Sein Sohn kommt von der Arbeit nach Hause, will etwas aus seinem Zimmer holen, öffnet die Tür und sieht: seinen verschwitzten Vater als Rocky Balboa der Kornfeldstraße, der alle geschäftlichen Sklaventreiber dieser Welt verfluchend, mit wildem Gesichtsausdruck, auf einen Sandsack eindrischt. Grausame Vorstellung.

 

„Ich werde mir das überlegen, danke“, sagt er, um endlich aus diesem Frage Antwortspiel rauszukommen und auch aus ihrer Praxis. Abschließend erklärt er wichtigtuerisch: „Ich habe ja selbst eine Methode entwickelt, die mir manchmal nützlich ist: Wenn ich zornig bin, setzte ich mich an meinen PC und schreibe eine blutige Szene, in der ich jemanden umkommen lasse. Da bin ich dann der Teufel persönlich. Wenn ich glücklich bin, mache ich es umgekehrt, das ist aber schwieriger und eher selten der Fall.“

 

Die Therapeutin zieht eine Braue hoch und sagt: „Sie scheinen mir sehr verletzlich.“ Wander sieht zum Fenster raus und nickt. Sie gibt ihm neben der Rechnung ein Buch und einen Tipp mit auf den Heimweg. Kurt Wander wäre beinahe gestorben – vor Lachen.

 

„Stellen Sie sich vor“, beginnt sie mit sanfter Stimme, „an Ihrem verlängerten Rückgrat befindet sich eine goldene Energiekugel.“

 

Wander stellt sich eine golfballgroße Hämorrhoide in Gold vor, die an seinem Steißbein klebt, und beißt sich hart auf die Unterlippe, um nicht sofort loszubrüllen.

 

„Sie saugen die Energie dieser Kugel durch ihr Rückenmark bis in den Kopf hoch und lassen diese Energie, wie bei einem Springbrunnen, durch die Kopfhaut austreten. Die Energie verteilt sich von oben nach unten und umgibt Ihren Körper wie ein imaginärer Schutzschild. So sind Sie gegen Angriffe von außen geschützt.“

 

Während die Therapeutin die unsichtbar sprudelnde Energiequelle mit Ihren Armen begleitet und vor Wander in die Knie geht, denkt er an Raumschiff Enterprise: Energie Scotty, beam mich weg von hier, aber rasch!

 

Diese Therapeutin hatte bestimmt Ahnung von Esoterik und deren Wirkungsweise, wohingegen Wander ein eher einfach gestrickter Charakter war, für den fernöstliche Heilkunst ein Mysterium und der weise Konfuzius eine Papageienart darstellt.

Kurt Wander schüttelt Doktor Bergers Hand und sagt: „So, jetzt muss ich aber ..., raus in die Natur.“

 

„Carpe Diem“, sagt sie fröhlich.

 

„Nutze den Tag, ... ich weiß, bin ja nicht dumm, nur verunsichert halt ... ach ich weiß auch nicht.“

 

„Wird schon werden“, findet Sie tröstende Worte.

 

Eine hübsche Frau denkt Wander, als er die Türe zur Praxis hinter sich schließt. Vielleicht ein wenig komische Ansichten, aber sie hat mich wieder einmal zum Lachen gebracht, innerlich wenigstens. Eine goldene Hämorrhoide, die mir aus dem Arsch wachsen soll ... Was für ein Schmarren!

 

Als er auf den Lift wartet, überdenkt er kurz seine Einstellung zum Leben, zur Esoterik und zu Frau Doktor Berger: So ist das nun mal mit Patienten, die keinen Zugang zum Übernatürlichen finden. Tut mir leid, Frau Doktor, sie haben es bestimmt gut gemeint, bin wohl zu dämlich oder nicht empfänglich für das unsichtbar Esoterische. Schon als Teenager war das so. Eine gesunde Watsch´n von meinem Vater hat eher bei mir für Erleuchtung gesorgt, als das gutmütige Zureden meiner Mutter, wenn ich Scheiße gebaut hatte.

 

Das Buch: Im Hier und Jetzt zuhause sein, von Thich Nhat Hanh, sollte Kurt Wander aber die Augen öffnen. Die ersten Zeilen las er bereits im Aufzug und bewunderte die Weisheit dieses vietnamesischen Zen-Meisters, der mit einfachen Worten erklärt, worauf es ankommen sollte, im Leben.

 

„... stimmt genau“, murmelt Wander, als er auf die Straße tritt und die Mittagssonne auf ihn herablacht. Er lacht zurück, herzhaft und laut, während er die Hauptstraße heimwärts trottet. Manche Leute, die ihm entgegenkommen schütteln entgeistert ihre Köpfe und gehen einen Schritt zur Seite, als er an ihnen vorbeihopst. Ist doch egal, denkt er, haltet mich ruhig für bescheuert, besser wäre jedoch mit mir zu lachen, und vor allem gesünder.

 

Wander klatscht in die Hände und freut sich einfach. Er freut sich, dass die Sonne scheint, dass er atmet, dass er eine gesunde Familie hat, dass er zu Essen und Trinken hat, dass er ein Dach über dem Kopf hat und dass er in einem Land ohne Kriege leben darf, also denkt er folgerichtig: Glück ist, wenn man daran denkt, dass es einem auch schlechter gehen könnte!