Günther Pomer kam vor, dass er dem Himmel jetzt schon sehr nahe war. Noch nie, in seinen neunundzwanzig Jahren,war er hier oben gewesen. Obwohl er in Liezen aufgewachsen war, hatte ihn nicht einmal kindliche Neugier dazu treiben können, sich auf das Dach dieses Hochhauses zu schleichen. Blitzblau war der Himmel, sah aus wie frisch gewaschen und die Mittagssonne malte flirrende Schatten auf den steinigen Boden des Flachdaches. Rainerhof, dachte Pomer, wie kann man ein Hochhaus nur ›Hof‹ nennen? In einem Hof leben doch Tiere; Schweine, Ziegen, Kühe, Hühner, Hunde und Katzen. Ob die Bewohner des Rainerhofs das wissentlich in Kauf genommen hatten beim Einzug? Vermutlich, denn in diesen Zeiten war manch einer schon froh, wenn er ein leistbares Dach über dem Kopf hatte. Manche würden hier drinnen auch alt werden, so wie der alte Mann, der Pomer im Stiegenaufgang zum Dach begegnet war. Hoffentlich rief der nicht die Polizei.

 

Wie ein Prüfling der nicht vorbereitet war und zur Tafel muss, stapfte Pomer jetzt langsamen Schrittes mit gesenktem Haupt nach vorne zum breiten Sims des Daches. Kies knirschte unter seinen ausgelatschten Turnschuhen. Es waren alte Laufschuhe, Größe 43, mit Gel gedämpften Sohlen. Obwohl er kein Läufer war liebte Pommer diese Schuhe. Sie hatten ihn nie enttäuscht und waren ihm bei zahlreichen Recherchen verlässliche Begleiter gewesen. Ein heißer Windstoß zerrte an Pomers blonden Locken, so, als wolle Gott ihn zurückhalten. Nichts und niemand konnte ihn jetzt noch zurückhalten, sein Entschluss stand fest. Für seinen letzten Tag hatte er sich extra rasiert und den besten Anzug angezogen. Außerdem war Gott doch eh nie da, wenn man ihn wirklich brauchte. Ohne Isabella wollte Pommer nicht mehr weiterleben. Sie hatte ihn verraten, ihn maßlos enttäuscht, er war zutiefst verletzt und einsam. Eigentlich war er ja schon tot.

 

Vorsichtig stieg der großgewachsene, schlaksige Pomer auf den Sims. Jetzt nur nicht hinuntersehen. Das Blech war über die Jahre hinweg matt geworden, glänzte nicht mehr silbern, wie frisch poliert, in der Sonne; so wie Pomers Lebenswille. Wenn man Katze gegen den Namen Günther tauschen würde, würde der Film ›Der Günther auf dem heißen Blechdach‹ heißen, schoss es ihm durch den Kopf. Er lächelte, bald würde Schluss sein mit seinen wirren Gedanken.

 

Doch es geht ja immer um Vergleiche, sinnierte er weiter, erst die Vergleiche verdeutlichen dem Leser die Situation, in der sich der Protagonist befindet. Das hatte man ihm eingeschärft, bei seinem Studium der Journalistik. Schwachsinn, dachte Pomer. Nur ein Bild sagt alles. Wenn morgen ein Foto seines zermalmten Körpers von den Titelseiten der Zeitungen prangt, wird es keiner Worte mehr bedürfen, um diese Situation zu erklären. Noch eine markige Überschrift, die Headline, wie sein Chefredakteur in den Redaktionssitzungen immer so reißerisch gefordert hatte. Derselbe, der ihm seine Freundin entrissen hatte.

 

»Journalist stürzte sich vom Rainerhof«, dachte Pomer, das wäre wohl die Headline. Und warum?, würden die Leser sich fragen. Weil …, ja weil er die Liebe seines Lebens an seinen beschissenen Chef verloren hatte, weil der ihn dann  noch gekündigt hatte …, nachdem Pomer ihn vor versammelter Mannschaft K.O. geschlagen hatte …, weil er wütend, weil er enttäuscht gewesen war …, und weil sein Leben seither nur mehr Scheiße war. Pomers Schuhspitzen ragten jetzt knapp über den Sims hinaus. Kurz blickte er nach unten und seine wasserblauen Augen begannen zu flackern. 8 Stockwerke. Ihm wurde schwindelig.

 

»Hallo, junger Mann!«, sagte plötzlich eine sonore Stimme in seinem Rücken.

Pomer erschrak, ruderte mit den Armen und blickte panisch über seine linke Schulter nach hinten.

»Ein schöner Tag zu sterben. Finde ich auch.«

Der alte Mann aus dem Stiegenaufgang stand in der Mitte des Daches und trug ein müdes Lächeln in einem faltigen Gesicht. Pommer war sprachlos, trat einen Schritt vom Rand zurück und taxierte mit fragende Blick den Alten

»Ich kann warten«, sagte der nun gleichgültig. »Ich lasse Ihnen den Vortritt.«

Spinnt der?, dachte Pomer. Was will denn der jetzt hier? Nicht einmal beim Sterben hat man seine Ruhe. Wie oft war er die letzten Wochen an der Bushaltestelle gesessen und hatte zu diesem Sims aufgeblickt und sich vorgestellt, wie lange der Fall wohl dauern würde, sein Fall. Immer hatte er sich dabei einen Flug vorgestellt, nie einen Sprung. Flug klang viel erhabener als Sprung. Und ein Flug erinnerte ihn auch an den Gleitflug des Adlerpaares, das er im Frühling bei einer Recherche am Dachstein über der Südwand beobachten durfte. Als er auf der Bank gesessen hatte und hochschaute, hatte nie jemand vom Dach zu ihm heruntergeschaut. Ausgerechnet heute stand plötzlich dieser alter Zausel in seinem Rücken und wollte ihm beim Fliegen zusehen.

»Wieso? Wollen Sie auch springen?«, fragte Pomer missmutig.

»Oh, sagte ich das noch nicht?«

»Nein!«

 

Pomer wurde ungeduldig. Es sollte sein letzter Tag auf Erden sein und den wollte er nicht mit diesem alten Mann teilen, denn er nicht kannte. Zum Schluss würde der verwirrte Alte auch noch von derselben Stelle springen wie er. Und auf ihn draufklatschen. Dann würden ihre Gliedmaßen und Innereien am grauen Betonboden vorm Postamt zu einer breiigen Masse verschmelzen. Ein schrecklicher Gedanke.

 

»Dann sage ich es eben jetzt: Ja, ich will auch springen«, grinste ihm der alte Mann ins Gesicht.

 

Also dass ist ja unerhört, dachte Pomer. Seine linke Hand begann zu zittern. Wie immer, wenn er sich über etwas aufregte. Steht da und grinst einem Todgeweihten mitten ins Gesicht. Pomer drehte sich zur Seite und trat noch einen Schritt vom Rand zurück. Er beäugte den Alten wie ein hungriger Wolf seine Beute. Der knorrige Alte trug eine graue Weste. Offen. Eine Windbö erfasste sie und es sah aus, als hätte der Alte Flügel. An seinen Beinen flatterte die dunkle Trainingshose und die Füße steckten in zwei grauen Filzpantoffeln. Typisch, dachte Pomer, Alte frieren auch bei schönstem Wetter. Der Mann setzte sich ächzend auf einen silbrig glänzenden Entlüftungsschacht, nahm seine Brille ab und begann gelangweilt die Gläser mit einem Stofftaschentuch zu reinigen.

 

»Damit sie sehen wohin sie springen?«, fragte Pomer. Seine Stimme triefte vor Sarkasmus.

»Ja«, murmelte der Alte ohne ihn dabei zu beachten. »Ich will ja sehen ob unten niemand vorbeigeht. Will ja keine Unschuldigen töten. Nur mich. Immerhin gehen da unten auch Kinder vorbei, die ins Postamt oder zur Bushaltestelle wollen und ihr ganzes Leben noch vor sich haben.«

»Verstehe«, murmelte Pomer nachdenklich. Seine beige Anzughose flatterte in einer Böe und die dazu passende Jacke bauschte sich im Rücken. Der Mann beobachtete ihn jetzt wieder interessiert. Er hatte seine Brille aufgesetzt und das Taschentuch verstaut.

 

»Angst?«, fragte der Alte ohne Regung in der Stimme. Er strich ein Büschel weißer Haare glatt, die wie eine Fahne im Wind nach oben standen.

»Was geht Sie das an?«, fauchte Pomer. Dieses Frage und Antwortspiel zog ihm den Nerv.

»Nichts«, kam es gleichgültig retour.

»Na also!«

»Schöner Anzug«, lächelte der Alte. »Nur die Schuhe«, er deutete dabei auf Pomers Füße, »die passen nicht wirklich dazu.«

»Sind Sie irre, Mann? Sie kommen auf das Dach, setzten sich hin, begutachten mich, begutachten meinen Anzug und mäkeln über meine Turnschuhe, während ich mir hier das Leben nehmen will?«

»Warum eigentlich?«, fragte der Alte, ohne dass eine Regung in seinem Gesicht erkennbar gewesen wäre.

Günther Pomer drehte sich vollständig um, blieb aber auf dem Sims stehen.

»Was, warum eigentlich?«, fragte er. Dann überlegte er kurz und ätzte: »Warum wollen Sie eigentlich springen, hä?«

»Ich hab zuerst gefragt«, grinste der Alte zurück.

 

Pomers Nerven lagen blank. Vielleicht hatte ihn vom gegenüberliegenden Hochhaus schon jemand hier oben stehen sehen. Es war ja nicht weit entfernt, vielleicht fünfzig Schritte Luftlinie. Bald würde die Polizei mit einem Psychologen das Dach stürmen und versuchen ihn an seinem Vorhaben zu hindern. Er schrie: »Verdammt! Warum wollen Sie das wissen, alter Mann?«

»Reine Neugierde.«

»Wozu? Sie springen doch nach mir, da kann es für Sie doch nicht mehr von Bedeutung sein, warum ich mich getötet habe.«

»Tja, meinen Sie?«

Günther Pomers Gesicht färbte sich rötlich. Der Alte hingegen blieb gelassen.

»Was meinen Sie mit - wie ich das meine«, stotterte Pomer zornig.

»Schon mal was von Fegefeuer, Nirwana und Wiedergeburt gehört«, sagte der Alte ruhig und blickte versonnen in den Himmel hoch, wo die Sonne ihrer Unterhaltung nach wie vor ungetrübt beiwohnte.

»Sie glauben an diesen Schwachsinn?«, ätzte Pomer und schob dabei die Hände demonstrativ in seine Hosentaschen.

»Ja, das tu ich.«

Eine Windböe erfasste Pomer und drückte ihn rückwärts zum Rand des Daches. Gerade noch rechtzeitig brachte er die Hände aus den Taschen und ruderte wild mit den Armen, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Als er wieder sicher stand, raunte der Alte süffisant: »Vorsicht, Junge, sonst fallen Sie noch vom Dach.«

»Na und? Ist doch beabsichtigt.«

»So wäre es aber ein Unfall«, schmunzelte der Alte, holte erneut sein Taschentuch aus der Weste und schnäuzte sich geräuschvoll. Er blickte, was auch immer kontrollierend, auf das Taschentuch, dann faltete er es langsam zusammen und schob es wieder zurück in die Westentasche.

»Jetzt hören Sie mir mal gut zu«, brüllte Pomer. »Könnten Sie durch diese Blechtüre dort drüben wieder verschwinden und in einer halben Stunde noch mal kommen. Dann wäre das Dach frei für Ihren Sprung. Und achten Sie darauf, dass sie weder auf meine Reste, noch auf einen der Schaulustigen springen, die sich dann bestimmt schon um meinen Leichnam geschart haben.«

Urplötzlich lachte der alte Mann auf und strich sich über seinen buschig grauen Oberlippenbart. Er nahm seine Brille ab und sah plötzlich aus wie Albert Einstein.

»Was gibt es da zu lachen?«

»Nichts«, lachte der Alte herzhaft weiter. »Ich stelle mir nur gerade vor, wie Alt und Jung im Tode vereint werden, sich ihre Seelen gegenseitig an der Hand fassen und lächelnd ins Nirwana davonfliegen.«

 

Der Alte hatte sich beim Lachen wohl übernommen, begann plötzlich unkontrolliert zu husten und wischte sich mit zittrigen Händen ein paar Tränen von den Wangen. Günther Pomer platzte der Kragen. Nicht einmal in Ruhe sterben kann man, dachte er wütend und sprang vom Sims. Energisch schritt er auf den Alten zu. Der hatte seinen Hustenanfall unter Kontrolle, war ruhig und ließ seine Hände in die Westentaschen wandern. Mit beiden Händen fasste Pomer nach den Schultern des Alten. Der vollführte eine rasche Drehung und es machte – KLICK. Völlig perplex blickte Günther Pomer auf ein paar Handschellen, mit denen der Alte seine rechte Hand an die Eisenverstrebung des Luftauslasses gekettet hatte. Das war blitzschnell gegangen.

 

»Was soll das?«, rief Pomer mit weit aufgerissenen Augen und rüttelte vergeblich an der Verstrebung. Der Alte sah jetzt gar nicht mehr so teilnahmslos und müde aus.

»Ist nur zu deinem Besten, Junge. Darf ich mich vorstellen - Polizeiobermeister in Ruhe, Gottlieb Grassmugg. Ich wohne in diesem Haus und habe dich auf das Dach schleichen sehen. So, und jetzt reden wir einmal in Ruhe über deine Probleme, wenn´s recht ist.«

 

 


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