Eine mörderische Weihnachtsgeschichte

Erotisch, deftig, und ein bisserl steirisch ...

 

»Nimm deinen Bruder und geh mit ihm in den Wald. Passts aber auf, dass euch der Jäger nicht beim schlagen des Weihnachtsbaums erwischt. Ihr wisst ja, seit ihn der Vater beim Kartenspielen so ausgenommen hat, ist er nicht gut auf uns zu sprechen.«

 

Der ältere Bub war nicht erbaut darüber, dass ihn der Jüngere, der immer und über alles quengelte, in den Wald begleiten sollte. Mit 21 Jahren war er sicher imstande, den Weihnachtsbaum alleine zu schlagen, wo er doch dem Vater im Forst half und mit der Axt umgehen konnte. Doch er wusste, dass Widerspruch zwecklos war und er Mamas Liebling wohl oder übel mitnehmen musste. So gab er seinem 18-jährigen Bruder die Tasche mit den Broten und der Milch zu tragen und er selbst, schulterte die große Axt. Es war kalt draußen und das Mondlicht glitzerte auf dem frischen Schnee, der seit Stunden wie feiner Schnürlregen vom Himmel fiel. Der Wald begann gleich hinter der einfachen Hütte in der sie zu viert hausten. Sie stand am Rande des Guthofes, auf dem der Vater als Knecht und die Mutter als Magd für den Großbauern Gottlieb seit vielen Jahren ihrem Tagwerk nachgingen. Sie sollten den Baum nicht zu nahe am Haus schlagen, hatte die Mutter ihren Ältesten ermahnt. Der Jäger würde bei seinen Streifzügen darauf aufmerksam werden und seinem Bruder, den Großbauern Gottlieb, davon berichten.

 

»Ich bin müde. Wie weit willst den noch in den depperten Wald hineinrennen?«, maulte der Jüngere.

 

»Bis wir weit genug von unserer Hüttn weg sind. Hast ja gehört, was die Mutter gsagt hat, oder?«, fauchte der Ältere den Jüngeren an und dachte: Jetzt gehts los.

 

»Da drüben, die Fichtn, die schaut doch schön aus. Schlag sie und wir können wieder heim, in die warme Stubn.«

 

»Was jammerst da herum. Wärst halt daheimblieben!«

 

»Ich wollt ja eh, aber die Mutter, sie wollt unbedingt, dass ich mitgeh. Sie wird sich gedacht haben, ich soll ein wenig auf dich aufpassen, damit du nicht wieder so einen verrunzelten Baum wie vorige Weihnachten daherbringst.«

 

Der Kopf des Älteren fuhr herum und zwei graublaue Augen funkelten den Jüngeren an, dass der den Kopf in den grünen Umhang zwischen seine Schulterblätter einzog. Der schrille Schrei eines Waldkauzes und der Schnee, der von einer Rotbuche auf ihre erhitzten Köpfe rieselte, verhinderten ein Unglück. Wutentbrannt stapfte der Ältere voran, der Jüngere versuchte, in seinen Spuren Schritt zu halten.

 

»Bis wann glaubst denn, dass ’d endlich einen Baum findest der passt. Mir frieren schon die Füß ab und die Händ werden auch schon taub.«

 

»Halts Maul, oder willst, dass uns der Jäger hört?«

 

»Der is bei dem Wetter eh nicht im Wald unterwegs. Der hockt sicher im Wirtshaus am Kachelofen, schlürft gemütlich seinen Grog und macht der Obergeier Mitzi schöne Augen. Die is ja vielleicht ein verdorbenes Luder, diese Mitzi. Erst unlängst, als ich den Vater vom Kartenspiel abholen musste, da hat sie mich in die Küche zerrt, meine Hand genommen und in den Ausschnitt von ihrer Blusn geschoben. Ich sags dir, da war mir nicht so kalt wie jetzt.«

 

Der ältere Bruder verharrte im Schritt, als wären seine Schuhe am Waldboden festgefroren. Dann drehte er seinen hünenhaften Körper langsam dem kleinen Bruder zu und zischte: »Was redst denn da für an Blödsinn daher?«

 

»Ja nix, so wars. Ich schwörs. Und das war erst der Anfang. Sie hat mich dann in so ein Kämmerlein drückt, wo Speck und des Gselchte von der Decke gebaumelt sind, dass mir ganz schwindlig worden ist, von dem herzhaften Geruch.«

 

Der Jüngere hob nun seine Taschenlampe, schaltete sie ein und hielt sie sich unter das Kinn. Im Schein der Lampe glich sein ebenmäßiges Gesicht einer Fratze. Er schaute nach links und dann nach rechts, bevor er im verschwörerischen Flüsterton weiter berichtete: »Und dann is vor mir auf die Knie gangen. Ganz langsam is an mir hinuntergeglitten. Ich sags dir, ich hab fast ka Luft mehr kriegt als ...«

 

»Was soll das blöde Geschwafel! Willst mich ärgern oder was?«, fauchte der Ältere zornig. »Du weißt schon, dass die Mitzi mei Madl is. Ich hau dir gleich eine...«

 

Und ob der Jüngere das nicht wusste, aber gab es etwas schöneres, als den älteren Bruder mit einer von hinten bis vorne erlogenen Geschichte zu ärgern? Das war ja schöner wie Weihnachten und wärmer wurde es ihm auch dabei, kam ihm vor. Vielleicht kam diese Wärme von seiner Vorstellungskraft, die er jetzt mit viel Inbrunst in den letzten Akt seiner Geschichte legte. Entschuldigend zog er seine Achseln hoch, dann senkte er seinen Blick zu Boden und stammelte: »Ja, was kann denn ich dafür, dass das geile Luder keine Ruh gebn hat. Die hat vor lauter Geilheit einfach meine Lederhosn aufknöpfelt und sich rausg´nommen, was sie braucht hat. Ich hab eh zu die Würstln hochgschaut und nicht nach unten ... Erst am Schluss, wie ichs nimmer ausghalten hab und wie die Mitzi gsagt hat: ›Jetzt komm halt, Bub, zier die net so, ich hab ja nicht ewig Zeit!‹, da hab ich runtergschaut, und wie sie so gierig an meinem ... ja meiner Seel

 

Just in jenem Moment hob Kain seine Axt und Abel sah seinem Bruder ein letztes Mal verwundert in die Augen.

 

© Alfred Stadlmann 2012